FUSSBALL Einsam in Manhattan
Frankie sagt, die Wohnung sei der Wahnsinn. Trump Tower, 33. Stock, 130 Quadratmeter, und wenn man will, kann man in den Central Park spucken. »Und wissen Sie, wer die Nachbarn sind?« Nein? Elton John, Michael Jackson, Sophia Loren, der Sultan von Brunei. Da geht das Telefon.
Maren Müller-Wohlfahrt ist dran. Maren aus München. »Maren!«, krächzt Frankie in die Muschel, als hätte eben einer der Nachbarn angerufen. Maren ist zwar nur die Freundin von Lothar Matthäus, aber die stand sowieso auf Frankies Liste, das trifft sich gut. Frankie, der eigentlich Frank Campagna heißt, ist Team Manager beim Fußballclub New York/New Jersey MetroStars und im Moment vorwiegend damit beschäftigt, der Lebensgemeinschaft Matthäus gute Nachrichten ins Ohr zu blasen.
»Oh Maren, das Apartment ist heute fertig geworden. Alles frisch gestrichen.« Oh fein, sagt Maren. Sie hat auch was Neues: Heute war Post von der Schauspielschule in New York im Kasten: angenommen. Frankie ist außer sich, und als er wieder zu sich kommt, fragt er: »Ist Lothar da?«
Ist er. »Frankie«, jubelt Lothar, »Frankie, my friend!« Frankie kam in Italien zur Welt, er setzt das Gespräch mit »il grande Lothar« fort, ist besser so, Italienisch liegt Lothar mehr, er hat mal da gewohnt. Ach so, sagt Lothar Matthäus schließlich, da war noch was: das Auto. Was ist mit dem Auto? Oh, sagt Frankie, »ihr bekommt einen Mercedes, großer Mercedes, wie ein Jeep.« Okay. Bestens.
Es klingt schon verdammt noch mal nicht schlecht, was Frankie da aus dem fernen Land zu vermelden hat. Aber Frankie ist nicht alles. Frankie streut nur die Petersilie, und darunter stinkt es zum Himmel. Lothar Matthäus weiß das, aber was soll er machen?
Kommenden Freitag ist D-Day. Matthäus wird nach New York fliegen, endgültig, unwiderruflich. Er tritt seinen Dienst bei den MetroStars an, und für ihn ist das, als müsste er zur Bundeswehr. Matthäus will nicht. Aber er muss. Würde ihm eine Fee erscheinen, er würde sich dreimal hintereinander dasselbe wünschen: München bleiben, München bleiben, München bleiben. Aber es geht nicht. Er hat einen Vertrag unterschrieben. Da kommt er nicht mehr raus.
Einmal wenigstens soll es vorher noch richtig schön werden. In der Champions League kommenden Mittwoch gegen Real Madrid spielt Matthäus, 38, zum letzten Mal für Bayern München, und zum letzten Mal wird ihm seine Gemeinde Kränze winden. Sein Freund, der auf seiner Visitenkarte als »Kuchendesigner« ausgewiesene Konditormeister Bodo ("Bäcker hör ich nicht so gerne, Promi-Bäcker ist okay"), wird ihm noch mal eine irrsinnige Torte »zusammenschrauben«, mit Wolkenkratzern aus Marzipan obendrauf. Und dann?
Es wird fürchterlich. Die Mannschaft: spielt, wie die Analphabeten schreiben. Der Manager: kalt wie ein toter Fisch. Das Clubhaus: keimfrei wie die Provinzial-Versicherung. Die Stadt: verstopft, voll mit diesen gelben Taxis. Und auf der Straße kennt ihn keine Sau.
Aber bitte: Er hat es ja so gewollt. Aus der Sicht des Fußballprofis Lothar Matthäus ist der Einsatz in Manhattan durchaus zu verstehen. Einerseits ist es so, dass er in München Rauchsignale empfangen hat, die darauf hindeuten, dass er demnächst nicht mehr gebraucht wird. Andererseits: New York so kurz vor dem Retiro, das hat auch Franz Beckenbauer schon genauso gemacht, als er 1977 zu Cosmos New York ging. Und Beckenbauer ist Lothars Lebensentwurf. Einmal so geschmeidig, einmal so überlegen, einmal so wichtig sein wie Beckenbauer, das wäre es. The one and only Lothar.
Weltmeister, Weltrekordler, Weltfußballer, alles das war er schon. Aber Weltniveau? Das Problem des gelernten Raumausstatters aus Herzogenaurach ist, dass er nie richtig für voll genommen wurde, wenn er etwas anderes gemacht hat als Fußball zu spielen. »Ich verdiene mehr Respekt«, hat er neulich gesagt, und das war wie ein Schrei in höchster Not.
Amerika also. Matthäus sagt, »man« sei auf ihn zugekommen. Aber das stimmt wohl nicht. Er hat Vertraute darum gebeten, dafür zu sorgen, dass »man« auf ihn zukommt, erzählen Menschen, die ihn gut kennen. Dafür spricht zumindest, dass er seinen Vertrag unterschrieben hat, als gäbe es etwas umsonst. Er sah die Verpackung, und schon war es passiert. Nichts geprüft, nichts vorher angesehen. Kriegt gerade mal anderthalb Millionen Dollar im Jahr - in München waren es noch über fünf Millionen Mark. Alles Wurscht.
Das sieht im Übrigen auch Maren so. Sie ist zwar erst 22, aber auch schon sehr weltläufig. Im Magazin der »Süddeutschen Zeitung« hat sie neulich einen bemerkenswerten Aufsatz verfasst, in dem sie Zeugnis ihrer intimen Kenntnisse der neuen Stadt ablegte. Montags abends will sie unbedingt in die Bar des Carlyle-Hotels, weil Woody Allen dann immer Klarinette spielt ("Ich spiele Saxophon"). Es sieht schwer danach aus, als hebe Maren das Niveau. »Sie macht mich zum Weltbürger«, hat Matthäus gesagt, als er noch nicht wusste, wie es in New Jersey aussieht.
So schön wie beim FC Bayern München wird es nimmer mehr. Corporate Identity, reservierter Parkplatz, beheizter Rasen; wenn das Training vorbei war, hat er seine Schuhe in einen Schacht geschmissen, und unten fing sie einer auf und begann zu putzen.
Und jetzt? 1, Harmon Plaza, Secaucus, New Jersey. Das ist die neue Heimat. Er könnte das Heulen kriegen. Sein Club hat sich in der dritten Etage eines Bankgebäudes eingemietet; auf dem Empfangstresen stehen zwei Plastikschilder, »Thank You For Not Smoking« und »MasterCard Welcome«. Dahinter sitzt Carol, eine welke Dame, die immer auf den Boden guckt; wenn man sie fragt, wer denn wohl die beiden hauseigenen Fußballhelden sind, die auf Plakaten an der Wand hängen, sagt sie: »Weiß nicht.«
An der Wand steht auch eine große Vitrine, die für Trophäen vorgesehen ist, aber die Vitrine ist leer. Vor einiger Zeit noch waren hier mal ein paar Wimpel und irgendwelche Pokale gelagert; aber die gehörten Charlie Stillitano, dem vormaligen Manager. Als er gefeuert wurde, hat er das ganze Zeug mitgenommen.
Er verlor seinen Job, weil die Mannschaft entsetzlich war. 7 Siege, 25 Niederlagen. Die schlechteste Profielf der USA, die Blinden unter den Einäugigen. Collegeboys, Weicheier. »Traurige Säcke in kurzen Hosen«, schrieb die »New York Times«. Wenn es draußen kalt wird, trainieren sie in einer aufblasbaren Halle, mit Heizung.
Es gab wohlmeinende Menschen, die ihn dringend gewarnt haben: Lothar, lass es. Beckenbauers Club hieß Cosmos, die Kollegen waren Pelé und Carlos Alberto, das Clubemblem war eine Weltkugel. Die MetroStars führen eins dieser zerbeulten gelben Autos im Wappen. Franz? Nicht mal Fränzchen.
Im Geiste war Matthäus da aber längst hinfort geschwebt. Umflort von all den Unglaublichkeiten, die sie ihm in der Neuen Welt unter die Nase geschoben haben. Freiflüge nach Deutschland, wann er es braucht. Training nur, wenn er auch wirklich mag. Mannschaftsaufstellung, Taktik, neues Personal - nichts ohne unseren Lothar.
Die, die ihm das versprachen, waren der Trainer und der Manager, sie hießen Bora Milutinovic und Charlie Stillitano, und das klang schon sehr verdächtig nach Marlon Brando und Don Vito Corleone. Inzwischen sind beide aus ihren Ämtern beseitigt worden, und nun hat sich die Geschäftsgrundlage irgendwie geändert.
Nick Sakiewicz, der neue Chef bei den MetroStars, wirkt, als könne er auch die Deutsche Bahn sanieren. Er war gerade vier Tage im Amt, da hatte er schon ein daumendickes Dossier erstellt, in dem stand, wie er diesen Saftladen hier auf Trab bringen wird. Das ist absolut nötig, denn New York braucht nichts weniger als eine Mannschaft, die dauernd verliert.
Nick trägt Gel im Haar und einen Chronografen am Handgelenk, so groß wie eine Wanduhr. Vorher war er bei einem Fußballclub in Tampa beschäftigt, wo er sich den Titel »Manager des Jahres« erwarb. Nick hat ein stramm entwickeltes Selbstbewusstsein. Er weiß zwar nicht, wie der Fluss heißt, der vor seinem Büro fließt, aber er hat eine Ahnung: »Wir werden ihn MetroStars River nennen.« Matthäus? Matthäus ist großartig, und wenn er irgendwann wieder gehen sollte, dann wünscht sich Nick, »dass er hier ein Stück von sich zurückgelassen hat«. Aber jetzt kommt er ja wohl erst mal.
Privilegien? »Nicht, dass ich wüsste.« Freie Tage? »Er trainiert, wenn die Mannschaft trainiert. Wichtig ist, dass er pünktlich ist.« Während seiner ersten Visite in New York vergangenen November hat Matthäus bei einer Probefahrt von Manhattan nach New Jersey geschlagene 70 Minuten gebraucht, das könnte zum Problem werden. Tja, meint der Mister, tut ihm leid, kann er auch nicht helfen, »der Helicopter wird gerade repariert«. Matthäus solle froh sein, dass er in Manhattan wohnt und nicht in dieser fucking Gegend hier.
So ist das also. Es war dramatisch, als Lothar Matthäus bei seinem Antrittsbesuch die ganze Wahrheit erfuhr. Erst war kein richtiges Empfangskomitee am Flughafen, sondern nur irgendein Subalterner. Dann war das Hotel zu laut. Dann fiel der angedachte Hubschrauberflug um die Häuser flach, weil Lothar und Maren im Knäuel der gelben Autos stecken blieben.
In einer Sportbar am Times Square sollte er den internationalen Medienschaffenden vorgestellt werden; überall an den Wänden auf diesem unwirtlichen Platz zuckten die Nachrichten aus der weiten Welt, aber als der Weltstar draußen mit dem Ball jonglierte, fragten die Leute auf der Straße: »Who is this guy?« Drinnen saßen überwiegend deutsche Korrespondenten und Redakteure hispanischer Stadtteilzeitungen, für die sich der weit gereiste Fremde ("My English is not very good. My German is better") auch noch im Englischen quälen musste: »I hope we have a little bit lucky and can win the American Championship.« Und was stand am nächsten Tag groß in der Zeitung? Pferderennen in Florida und Fliegenfischen.
Zwar sind das alles keine Gründe, mit denen sich ein Vertrag für nichtig erklären ließe. Aber klar war auch: Er wollte nur noch raus aus dieser Nummer. Wieder daheim im wohligen München, hängte der Lothar die Angelegenheit deshalb auch gleich eine Etage höher: Weil der Wechsel des Personals, so grummelte er, über seinen Kopf hinweg verfügt worden sei, müsse er sich nun schwer überlegen, ob sein Zuzug überhaupt noch rechtens sei.
Das hätte er mal besser gelassen. Denn abgesehen davon, dass dieser Einwurf juristisch nicht ganz einwandfrei war, kommt so etwas in Amerika gar nicht gut.
Michael Lewis sitzt auf seinem Redaktionshocker und kratzt sich den Bauch. Nein, sagt er, keine Ahnung, wann ein einheimischer Sportstar zuletzt derart rumgezickt hätte wie dieser Matthäus. Lewis hat für einen amerikanischen Sportjournalisten einen höchst exklusiven Posten; er schreibt nur über Fußball. Und wenn er will, kann er gallig werden.
»Oh mein armes Baby«, kübelte er in seine Spalten, »du willst nicht nach New York kommen? Großartig, hier ist dein Vertrag und hau ab.« Matthäus, formulierte der Mann von den »New York Daily News« abschließend, sei »ein Kopfschmerz für die Liga«.
So was Böses hat noch keiner über ihn geschrieben. Wenn Lothar Matthäus Respekt einfordert, ist er bei Michael Lewis an der falschen Adresse. »Man darf nicht vergessen: Das ist ein Business«, sagt Lewis, und das Schöne an seinem Job ist, dass er immer am längeren Hebel sitzt. Man muss sich das so vorstellen: Wenn der Kollege, der über Michael Jordan schreibt, etwas derart Böses über Michael Jordan schreibt, dass Michael Jordan nicht mehr mit ihm spricht, dann ist das schlecht für den Kollegen, weil er nichts mehr zu schreiben hat. Wenn Michael Lewis dasselbe mit Lothar Matthäus macht, ist es umgekehrt: schlecht für Matthäus, wenn keiner mehr über ihn schreibt.
Und das wäre der GAU. Lothar Matthäus spielt nämlich auch deshalb immer noch so leidenschaftlich gern Fußball, weil er so leidenschaftlich gern in der Zeitung steht.
Öffentlichkeit war für den Sohn eines Hausmeisters immer ein Wert an sich. Das war schon so, bevor er seine Verlobte Silvia heiratete. Am Swimmingpool im Mannschaftshotel kam er der zarten Anfrage eines Fotografen mit der Bemerkung nach: »So, Schatz, jetzt noch mal mit Zungenkuss für die Herren von der Presse.« Lolita, die zweite Gemahlin, heiratete er im Zylinder, und als es vorbei war, ließ er vor lauter Einsamkeit Frauke Ludowig von RTL mit der Kamera in seinen begehbaren Kleiderschrank ("Die Schuhe müssen zum Gürtel passen").
Letzte Woche hat er mit der Ankündigung überrascht, nach der Rückkehr aus Amerika wolle er der Bundesliga als »Standby-Profi« erhalten bleiben. Genauso gut hätte er sagen können, er werde Feuerschlucker auf dem Münchner Marienplatz. Hauptsache, er kann etwas über sich lesen.
Das wird schwer, so ganz ohne die »Bild«-Zeitung.
Wolfgang Ruiner, 44, rührt in einem Cappuccino und denkt zurück. »Der Lothar«, sagt er, »hat mich nie sterben lassen.« Das heißt: Wenn Ruiner etwas wissen musste, dann wusste er es auch. Von den Männern an der Front ist er wahrscheinlich der wichtigste Mann bei der »Bild«-Zeitung, weil ihn zum Superstar des deutschen Fußballs ein einzigartiges Verhältnis verbindet. Ruiner ist Lothars Schattenmann.
Früher ging das mal so weit, dass Lothar eine Torte in den Pressesaal trug, als Ruiner Geburtstag hatte. »Des woar z'vü«, meint der Österreicher, der heute mit kühler Professionalität am Werk ist. Natürlich hatte er die Geschichte mit New York als Erster, auch wenn ihm das in der Redaktion erst mal keiner geglaubt hat. Selbstverständlich wusste er die Nummer mit Maren schon lange. Aber er hat sie für sich behalten, bis es nicht mehr ging: »Wenn i merk, des geht nimmer - dann muaßt.« In solchen Fällen ruft er vorher an.
Nicht, dass Ruiner sonst keine Kontakte hätte. Aber natürlich wird ihm Lothar fehlen. Und richtig hart wird es für die Zeitung. »Für die«, sagt Ruiner, »ist es schlimm.« Was für ihn Standardwissen war, hob die Zeitung bei Bedarf gekonnt in lyrische Höhen empor. Unvergessen wird eine Sonderseite anlässlich des 143. Länderspiels bleiben, auf der Lothar Matthäus zeitungshoch in der Unterhose zu besichtigen war. »Mein Körper ist eine Gabe Gottes«, ließ er im Text wissen.
Es versteht sich von selbst, dass Ruiner auch der Erste war, der wusste, wo Lothar Matthäus künftig sein Heim haben würde. Das wäre allerdings ums Haar danebengegangen, weil sich eine Kollegin von Pro Sieben dazwischengeschoben hatte.
Ein knappes Dutzend Apartments hatte der Zureisende bei seinem Vorabbesuch schon angesehen, er war der Verzweiflung nahe. Küchen Schrott, Badezimmer zu klein, schweineteuer.
In der Not war die Frau von Pro Sieben zur Stelle. Sie hatte was Besseres, lichtdurchflutete vier Zimmer am Central Park. Matthäus stand am Fenster und dachte nach: »Wenn man New York sagt, dann meint man eigentlich auch Central Park.« Auch das Badezimmer war schön groß und dazu aus Marmor; zum Dank ließ der Interessent das Maklerteam vom deutschen Fernsehen ein: »Kommt rein, please.« Er hat dann doch noch abgesagt. Weil er lieber möbliert wollte.
Jetzt also Trump Tower. 721, Fifth Avenue. Unten weht sanfte Piano-Musik über Messing und Marmor, oben wohnt Lothar Matthäus. Unten gibt es feinstes Geschmeide von Tiffany's, und oben guckt Lothar auf die vielen gelben Autos. Sicher, er könnte mit dem Bus fahren, die Linie 129 hält bei den MetroStars und kostet hin und zurück auch nur 3,80 Dollar. Aber will er das?
Irgendwann könnte es einsam werden in Manhattan. Auch Wolfgang Ruiner wird nicht ewig bleiben. Er ist beim Umzug zwar dabei, aber dann muss er zurück. Er bleibt eine Woche, vielleicht zwei. Kommt auf die Geschichten an.
Und dann? Wenn es keine mehr gibt? »Der Lothar«, sagt Ruiner, »der is ja net weg. Der Lothar wird immer da sein.«
MATTHIAS GEYER