»Empfindliche Seele« - DER SPIEGEL
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FUSSBALL »Empfindliche Seele«

22 Brasilianer spielen derzeit in der Bundesliga. Sie sorgen für das Spektakel im Stadion und werden vom Publikum hoch geschätzt. Doch richtig angekommen in Deutschland ist kaum einer aus dem Land des Weltmeisters.
• aus DER SPIEGEL 47/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Fußballprofi Marcelo dos Santos Paraíba, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Marcelinho, hat Berlin wieder zu einer geteilten Stadt gemacht. Für ihn gibt es den deutschen Sektor, das Olympiastadion und die Trainingsplätze von Hertha BSC, in dem er sein Geld verdient. Und es gibt den brasilianischen Sektor, seine Wohnung in Charlottenburg und die Lokalitäten, in denen er mit seiner Entourage das Geld unter die Leute bringt.

Weil Marcelinho, 27, die deutsche Fahrerlaubnis nach einer Spritztour mit 1,27 Promille derzeit nicht zur Hand hat, kutschiert ein junger Mann namens Rostan den Publikumsliebling mit der Rückennummer »10« täglich von der einen in die andere Welt. Die beiden sind in einem Armenviertel von Campino Grande im Bundesstaat Paraíba aufgewachsen, einer Stadt im Nordosten Brasiliens. Als Kinder mussten sie betteln gehen. Heute verdient Marcelinho 2,2 Millionen Euro im Jahr, und Rostan ist sein Chauffeur.

Aus den Favelas sind noch weitere Companheiros eingeflogen. Novinho zum Beispiel. Er sorgt für die Musik. Am Anfang packte er die Gitarre nur für Marcelinho aus. Doch Novinho spielt so gut, dass er jetzt auch im »Taba« auftritt, einer brasilianischen Bar in Berlin-Mitte, die bekannt ist für ihre Live-Acts.

Marcelinhos Freunde kommen mit zum Training, sie hängen mit ihm in den Cafés ab, sie gehen mit ihm zur Bowlingbahn. Mal sind es vier, mal sind es acht. Im selben Haus, in dem der fünfmalige brasilianische Nationalspieler wohnt, hat er zwei Appartements gemietet und dort seinen Clan einquartiert.

Es ist ein Deal. Gut und gern 30 000 Euro im Monat lässt er sich das Gefühl kosten, Berlin liege am Zuckerhut. »Ich brauche das, sonst kann ich keine Leistung bringen«, sagt der Kicker.

Die Parallelwelt, in der Marcelinho lebt, ist durchaus typisch für brasilianische Fußballkünstler, die das globale Geschäft nach Deutschland verschlagen hat. Zwar werden sie - wie Márcio Amoroso in Dortmund, Lucio in Leverkusen oder Ailton in

Bremen - vom Publikum wie Helden verehrt. Doch den Alltag im trüben Alemanha, wo Disziplin zu den Primärtugenden gehört und überhöhte Geschwindigkeit in geschlossener Ortschaft mit Punkten in Flensburg bestraft wird, versuchen sie weitgehend zu ignorieren.

Beinahe legendär sind die Eskapaden des Alex Alves, der ein gutes Jahr vor Marcelinho nach Berlin kam. Das Mitwirken bei Freundschaftsspielen ("So was kennen wir in Brasilien nicht") war ihm ebenso fremd wie pünktliches Erscheinen beim Training. Zu seinen beliebtesten Ausreden gehörte die Erklärung, dass »die Schranke in der Tiefgarage nicht aufgegangen« sei. Zur Weihnachtsfeier des Clubs erschien Alves, 27, einmal in einem sandfarbenen Fellmantel, ein anderes Mal im Frack mit rotem Piratenkopftuch.

22 Brasilianer, so viele wie nie zuvor, spielen derzeit in der Bundesliga. Sie tun es, weil daheim der Profifußball, von Korruption und wirtschaftlicher Depression gebeutelt, am Boden liegt. Allein im Jahr 2000 verließen 701 Spieler das Land. Deutsche Vereine gelten als gute Adressen.

Dass sich selbst ein Weltmeister wie der Angreifer Luizão aus seinem Vertrag bei Corinthians São Paulo herausklagte, um bei Hertha BSC Berlin Marcelinhos Kollege zu werden, hat auch mit der Zahlungsmoral der Bundesligaclubs zu tun. »Es ist bekannt, dass es in Deutschland gutes Geld zu verdienen gibt«, sagt der Spielervermittler Lothar Skala - anders als in Italien oder Spanien, den ehedem bevorzugten Zielen brasilianischer Spitzenspieler, wo Clubs wie Lazio Rom, der AC Parma oder der FC Valencia tief in den Miesen stecken und mancher Profi schon mal monatelang auf sein Gehalt warten muss.

Den deutschen Vereinen wiederum dienen die brasilianischen Ballartisten inzwischen als fester Bestandteil der Show. In den taktisch kontrollierten Fußball europäischer Prägung bringen sie Spielwitz, Schnelligkeit und Ballfertigkeit ein. »Brasilianer garantieren offensives Spektakel«, sagt Borussia Dortmunds Manager Michael Meier. »Es ist kein Zufall, dass wir gleich vier von ihnen in der Mannschaft haben.«

Um die größten brasilianischen Talente ist längst ein heftiger Wettbewerb entbrannt. So hat Hertha BSC in den vergangenen drei Jahren massiv in sein Scouting-System investiert - der ehemalige Bundesligaprofi Rudi Wojtowicz verbringt als Cheffahnder mehrere Monate im Jahr in Südamerika.

Doch sind die Solisten aus dem Land des Weltmeisters erst mal in Deutschland gelandet, nimmt die Fürsorge in den meisten Vereinen rasch ab. Borussia Dortmund beschäftigt zwar 245 Angestellte, darunter auch einige, die potenziellen Investoren die Vorzüge der BVB-Aktie schmackhaft machen sollen. Um die Spieler aus Brasilien indes, deren aktueller Marktwert 50 Millionen Euro leicht übertrifft, scheint sich beim Deutschen Meister niemand so recht zu sorgen.

So schickte das Dortmunder Ausländeramt einen Brief an den BVB, aus dem her-

vorging, dass die Aufenthaltsgenehmigung für Amorosos Frau ablief. Im Büro des Sportmanagers Michael Zorc blieb das Schreiben liegen. Erst als die Behörde zwei Monate später noch einmal Post an den Club versandte, kam Bewegung in die Sache.

Längst bilden Dortmunds Brasilianer Dede, Amoroso, Ewerthon und Evanilson beim BVB so etwas wie einen Staat im Staate. Wortführer des Quartetts ist Dede, 24, ein schmächtiger Mittelfeldspieler mit Zahnspange, der nach vier Jahren im Westfälischen veritabel Deutsch spricht.

Im ersten Winter, erinnert sich Dede, habe er »viel geweint, wenig gegessen« und für monatlich 10 000 Mark nach Brasilien telefoniert. Einmal schlug er auf der Geschäftsstelle verzweifelt Alarm, weil die Scheiben seines Leasing-Wagens zugeeist waren. Dede dachte, das Auto sei hinüber - er wusste nicht, was Reif ist.

Heute trägt Dede selbst an einem kalten, regnerischen Novembertag beim Training kurze Hosen, während alle Kollegen dick vermummt sind. Seinen Landsmann Ewerthon machte er gleich nach dessen Ankunft mit deutschen Gepflogenheiten vertraut - Training um drei Uhr bedeute in Dortmund: um halb drei am Arbeitsplatz. Er gilt, wie Manager Meier bewundernd anführt, als »preußischer Brasilianer«. Dede sagt: »Ich lebe gern hier.« Er stellt aber auch klar: »Wenn ich einmal mit dem Fußball aufhöre, kehre ich am nächsten Tag nach Brasilien zurück.«

Sein Haus in Dortmund, mannschaftsintern als »die WG« bekannt, ist der Treff seiner Landsleute. Ewerthon kam dort unter, bevor er eine Wohnung fand, Evanilson ebenfalls. Jetzt wohnt Dedes älterer Bruder Leandro dort, der bei den BVB-Amateuren spielt und vorigen Dienstag sogar bei der Champions-League-Partie in Auxerre aushelfen durfte. Nachgezogen ist auch sein jüngerer Bruder Lucio, ebenfalls ein begabter Kicker, der erst mal beim Oberligisten SC Hassel angeheuert hat.

»Es ist ein offenes Haus«, sagt Dede. Ständig ist Besuch aus Brasilien da, und wenn dann auch noch wie fast jeden Tag Evanilson mit seinem etwas protzigen Mercedes vorfährt, ist Samba-Time - im Kofferraum hat der Verteidiger die Instrumente stets griffbereit. Dann mixen sie in Dedes Küche Caipirinha und singen, eine Stunde, zwei Stunden. »Wir machen Musik, um wieder gut drauf zu sein«, sagt Dede.

Er will »Spaß haben«, und deshalb lässt es sich Dede nicht nehmen, auch am Tag vor einem Bundesligaspiel mit seinen Freunden auf irgendwelchen Hinterhofplätzen in Dortmund und Umgebung zu »pölen«, wie Manager Meier es nennt.

Matthias Sammer, der Trainer, stört sich an dieser Art der Freizeitgestaltung. Dede könnte sich verletzen. Aber Dede sagt: »In meiner Freizeit mache ich, was ich will.« Sammer ist der Gegenentwurf zu den Brasilianern - ein Zusammenprall der Kulturen.

Am kompliziertesten ist für den spröden Trainer der Umgang mit Márcio Amoroso. Der war im Sommer an der Achillessehne lädiert und verschwand fast acht Wochen mit seinem Leibarzt Nivaldo Baldo nach Brasilien. Sammer war dagegen. Er wollte, dass sich Amoroso, 28, von deutschen Kapazitäten behandeln lasse.

Als Sportmanager Zorc einen Physiotherapeuten des BVB zur Kontrolle der Reha nach Brasilien schicken wollte, kam es fast zum Eklat. »Mister Zorc, unterstehen Sie sich«, bellte Baldo ins Telefon, als er von dem Plan hörte, »Sie wissen nicht, was Sie tun.« Da gab man bei der Borussia klein bei.

Vergessen hat Sammer den Vorfall nicht. Er wechselt Amoroso häufiger aus als vorige Saison. Doch der Stürmer will immer spielen. In Brasilien zeigen sie samstags eine Bundesligapartie live, oft kommt Dortmund. Da fürchtet Amoroso um seinen Ruf, wenn er immer wieder frühzeitig vom Feld muss. »Wenn man Brasilianer nicht spielen lässt, ist es so, als wenn man ihnen die Frau wegnimmt«, sagt der kundige Leverkusener Trainer Klaus Toppmöller - er hat drei der südamerikanischen Sensibelchen in seiner Mannschaft.

Amoroso findet, Brasilianer seien grundsätzlich die besseren Fußballer. Man sieht es ihm an. Im Training federt er über den Rasen, als gebührte ihm ewiger Dank für seine 18 Tore in der vergangenen Saison, die schließlich den Ausschlag gaben für den Gewinn der Meisterschaft.

Sammer hält das für anmaßend. Beim fulminanten 2:1 gegen Arsenal London in der Champions League saß Amoroso neulich 90 Minuten lang auf der Bank. Nach dem Spiel geriet er außer sich. Er habe »keine Zukunft mehr in Dortmund«, klagte er gegenüber Alberto Vuolo, 32, einem Italiener, der immer für ihn da ist und alles für ihn erledigt: Behördenkram, Reifenwechsel, Stress mit dem Trainer.

Selbst wenn sich Amoroso zehnmal hintereinander am Telefon meldet oder nachts um drei Uhr anruft, nimmt Vuolo ab und hört aufmerksam zu. »Wie ein Sohn« sei der Fußballer für ihn, sagt der Betreuer, »er hat eine empfindliche Seele«.

Und die will gepflegt sein. Wenn die Brasilianer der Bundesliga trainingsfrei haben, setzt ein Transitverkehr kreuz und quer durch Deutschland ein. Amoroso trifft sich mit Elber, Dede besucht Lincoln in Kaiserslautern, Lucio schaut in Dortmund vorbei, aus München stößt Zé Roberto hinzu.

Dass sie ihre schweren Karossen überhaupt durchs Land lenken dürfen, liegt auch ein bisschen an Amorosos Amme Alberto. Im niedersächsischen Northeim stieß er auf eine Fahrschule, bei der Nicht-EU-Ausländer innerhalb weniger Tage die deutsche Führerscheinprüfung machen können - und ein prominenter Südamerikaner aus der Bundesliga gar noch etwas zügiger. Fahrlehrer Reinhard Holz hat inzwischen so vielen Kickern das begehrte Dokument verschafft, dass er auf seinen VW Passat die brasilianische Flagge geklebt hat.

Ohne dienstbare Geister wie Alberto Vuolo würden die Empfindlichkeiten wohl in Existenzkrisen münden. Bayer Leverkusen, das seit vielen Jahren auf brasilianische Fußballer setzt, hat deshalb Absolventen der Sporthochschule Köln engagiert, die ein »Betreuungskonzept« ausgetüftelt haben, das konkurrenzlos scheint. Von den kleinen Sorgen des Alltags (Möbel, Auto, elektrische Geräte) bis hin zum obligatorischen Sprachunterricht ist alles geregelt. Um den Spielern die wichtigsten Redewendungen so anschaulich wie möglich einzubimsen, will ein Germanist demnächst sogar ein eigenes Lehrbuch für Fußballer herausbringen.

Oberstes Gebot, sagt der verantwortliche Bayer-Mann Frank Ditgens, sei die »ständige Erreichbarkeit der Betreuer«. Dahinter stecken durchaus merkantile Interessen. »Der Verein hat Millionen in die Spieler investiert«, betont Wohlfühl-Beförderer Ditgens, »wir müssen also dafür sorgen, dass ihr Wert nicht sinkt.«

Die Rechnung geht auf. Der Handel mit brasilianischen Fachkräften ist für Bayer so etwas wie ein Profitcenter. Mittelfeldspieler Zé Roberto zum Beispiel kam für umgerechnet 6,1 Millionen Euro nach Leverkusen, nach vier Jahren wurde er für 9,5 Millionen an Bayern München verkauft. Bayer hat gleich reinvestiert und zwei neue Brasilianer verpflichtet, Abwehrspieler Juan und Torjäger França. Die beiden finden eine nahezu perfekte Infrastruktur vor.

Dass beispielsweise Erdgeschosswohnungen zu Komplikationen führen können, gehört zum reichen Erfahrungsschatz der Bayer-Betreuer. Einst hatte man Jorginho eine Bleibe im Parterre vermittelt, doch der Fußballprofi sperrte sich: »Da muss ich dann ja auch die Straße putzen.« MICHAEL WULZINGER

* Im Trainingslager von Hertha BSC Berlin in Marbella am 18.Januar.* Mit Tochter Alessandra und Freundin Nadia.

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