FUSSBALL Endstation Bosporus
Wenn es am Balkan schneit, ersäuft das Delta der Maritza im Winterhochwasser. Müllfetzen, Holztrümmer und ab und zu eine Eisscholle treibt der türkisch-griechische Grenzfluss der Nordägäis zu, bis zur Baumkrone stehen Kastanien und Trauerweiden in der träge dahinfließenden Brühe. Unterm eisgrauen Himmel flattert blau-weiß die griechische Fahne im Wind. Das Tor zur Festung Europa könnte düsterer und abweisender nicht sein.
Irgendwo da vorn, im hüfttiefen Schlamm, muss der Traum von der Champions League sein vorläufiges Ende gefunden haben. »Fast tausend Illegale«, erzählt ein winddicht verpackter türkischer Soldat vom Grenzposten 311, »fischen wir jeden Monat aus der Maritza, tausend anderen gelingt es, hinüberzuwaten oder zu schwimmen.« Abenteuerliche Flüchtlingsgeschichten vom Irak bis Bangladesch hören sie jeden Tag, doch was die Kameraden kurz vor Weihnachten erlebt haben, war etwas Neues.
Zehn Nigerianer, ein Kleinbus voll junger Männer, gingen den Grenzern ins Netz. Sie seien Fußballprofis, gaben die Afrikaner zu Protokoll, doch die türkischen Clubs, die sie einst zum Probetraining vorgeladen hätten, wollten nun nichts mehr von ihnen wissen. So seien sie eben jetzt auf dem Weg in den Westen, um dort ihr Glück zu versuchen.
Während es die kleine Dienstmeldung der türkischen Grenzwacht bis zur nächsten Lokalzeitung und von dort in die Sportredaktionen der internationalen Agenturen schaffte, verschwanden die zehn Nigerianer wieder in der Anonymität, aus der sie kurz zuvor aufgebrochen waren: Ein paar Euro Strafgebühr für versuchten illegalen Grenzübertritt, ein paar falsche Namen für die Registratur - und 200 Kilometer retour nach Klein Lagos, in das Quartier der illegalen Afrikaner von Istanbul-Kasimpasa.
Etwa 5000 Schwarze, fast ausschließlich Männer, leben am Bosporus, die meisten aus den Fußballländern Nigeria, Ghana und Kamerun. Wie viele von ihnen das Zeug zum professionellen Kicker haben, ist schwierig zu schätzen; ein paar hundert dürften es sein.
Wenn sie - im Sommer täglich, im Win-
ter, wenn es das Wetter zulässt - auf den
Fußballplätzen der Abbruchviertel von Kurtulus und Tarlabasi miteinander kicken, kommt meist eine beträchtliche Zahl staunender Zuschauer zusammen. »Der Standard des türkischen Fußballs«, sagt Tony Agiwungha, 20, in altmodischem Kolonialenglisch, »ist allgemein eher niedrig.«
Der sehnige Mittelstürmer aus Lagos spricht aus Erfahrung. Vor zwei Jahren, er hatte eine gute Saison beim nigerianischen Erstligisten Jasper United gespielt, machte ihn ein Freund mit einem türkischen Agenten bekannt, der ihm ein Ticket nach Istanbul zahlte. Ein paar Wochen hauste er mit Blick auf das Stadion im Stadtteil Besiktas, dann schickte ihn sein Agent an die iranische Grenze - zum »Screening« beim Abstiegskandidaten Vanspor.
Drei Wochen lang kämpfte Agiwungha um eine Fußballexistenz in der türkischen Provinz: Vergebens, denn Vanspor stieg tatsächlich ab, und Zweitligisten dürfen in der Türkei keine Ausländer beschäftigen. Tony fuhr im Bus 2000 Kilometer nach Istanbul zurück, sein Agent war inzwischen in Richtung Dänemark abgehauen.
»Ich will nicht übertreiben«, sagt Agiwungha, »aber ich bin ein Stürmer, mit dem man etwas anfangen kann. Für die zweite Liga in Deutschland würde es allemal reichen.« Der Traditionsclub Altay Izmir versprach ihm eine Chance, falls es mit dem Aufstieg klappt; ein Freund von ihm, Chibuike Okeke, spielt bei Union Berlin. Diese Aussichten reichten ihm, den Rückflug nach Lagos erst mal verfallen zu lassen.
Verfallen ist inzwischen auch sein Visum für die Türkei, doch ein neuer Manager - Tony hütet seine Business-Karte wie ein Autogramm von Pelé - hat ihm geraten, noch ein paar Monate am Bosporus auszuharren: Der Transfer nach Europa sei nur noch eine Frage der Zeit.
Einstweilen teilt sich Agiwungha mit seinen Freunden Nnamdi, Ken und Kingston eine feuchte Zweizimmerwohnung im Istanbuler Flüchtlingsviertel Tarlabasi. Das Haus gehört einem zahnlosen Kurden, der im Flur Kebab grillt und seine schwarzen Mieter spüren lässt, dass es ihnen noch dreckiger geht als ihm selber: »Na, ihr kleinen Okochas - wie läuft''s?«
Heizung, Möbel, Badezimmer - das haben in Tarlabasi selbst unter den Einheimischen nicht alle; Wasser gibt es keines außer an den schimmligen Wänden. Über der Wohnungstür klafft ein riesiges Loch. Dass einige der Jungs trotzdem mit der Krawatte zum Training erscheinen, hat offenbar historische Gründe: »Wir Nigerianer«, erklärt Tonys Kumpel Cliff Usiani, »legen großen Wert auf das Äußere. Das ist britisches Erbe.«
Aus dem Ausland zurückzukehren, ohne etwas erreicht zu haben, gelte unter Afrikanern als bittere Schmach, sagt eine Flüchtlingsberaterin ein paar Blocks weiter: »Die meisten von ihnen halten sich deshalb mit Kleinkriminalität über Wasser.« Tony Agiwungha besteht darauf, dass ihn seine Eltern aus Lagos unterstützen. Jeden Monatsanfang hole er sich bei der Bank 50 Dollar ab.
Während der Alltag mancher seiner Freunde um Auto-Ersatzteile und billige Handys kreist, fährt Tony jeden zweiten Morgen hinaus in den Nobelvorort Tarabya, um auf der Bosporus-Promenade etwas für Ausdauer und Antritt zu tun. »Ich bin nicht zum Geschäftemachen hier, sondern, um meinen Körper fit zu halten.«
»In Wirklichkeit«, sagt Ceylan Çaliskan, 38, »hat so ein Junge keine Chance.« Der türkische Spielervermittler mit belgischem Pass, einer gewaltigen Armbanduhr und einer offiziellen Lizenz des Weltverbands Fifa bekommt fast täglich verzweifelte Anrufe aus der Istanbuler Afrikaner-Szene. »Ich habe etwa 15 dieser Spieler an belgische, französische und niederländische Teams vermittelt, doch der Aufwand, einen Illegalen legal nach Europa zu bringen, ist enorm. Ich habe keine Lust mehr.«
Çaliskan verdient sein Geld als Fußball-Scout für das frankofone Afrika; 10-, 15-mal pro Jahr reist er auf Talentsuche durch Mali, Kamerun, Marokko, durch den Senegal und die Elfenbeinküste. 70 Afrikaner, sagt er, habe er nach Europa und in die Türkei vermittelt, keine Stars, aber ordentliche Fußballarbeiter. Im Gegensatz zu Leuten wie Agiwunghas Manager besteht er darauf, dass sich die interessierten Vereine seine Spieler vor Ort ansehen, bevor er sich um Ticket und Visa kümmert.
»Der Markt für Schwarzafrikaner in Europa steht kurz vor der Sättigung«, sagt Çaliskan, doch der Druck aus Afrika nehme von Jahr zu Jahr zu. Erfolgsgeschichten wie die von Sunday Oliseh, Taribo West, George Weah oder Jay Jay Okocha gehören von Algerien bis Südafrika zur Volksmythologie. Allein die Bundesliga beschäftigt 36 Profis von diesem Kontinent. »In Lagos«, so Çaliskan, »kann jeder Halbwüchsige die englischen Pokalergebnisse runterbeten.«
Länder mit einfachen Visabestimmungen wie die Türkei sind eine Versuchung für jeden nigerianischen Drittligaspieler und seinen so genannten Agenten. Dass die meisten von ihnen im Elend landen statt bei den Top-Clubs Fenerbahçe oder Galatasaray, nehmen beide Seiten in Kauf. »Elend«, sagt Çaliskan, »ist eine Frage der Perspektive. Wer in der Wellblechhütte eines afrikanischen Bürgerkriegslandes aufgewachsen ist, für den ist auch eine Bruchbude am Bosporus eine Verbesserung.«
Hinzu kommt, dass in der Türkei mit Fußball oft mehr Geld zu verdienen ist als in den meisten europäischen Ländern. In Belgien steigen Afrikaner mit Jahresgehältern von 10 000 bis 15 000 Dollar ein; mit türkischen Erstligisten hat Çaliskan für seine Klienten Verträge über 80 000 Dollar ausgehandelt - bar und steuerfrei.
Kein Wunder, dass bei Erdil Arpaci, Sportdirektor des Christoph-Daum-Clubs Besiktas, wöchentlich fragwürdige Angebote eingehen: Einen »Fußball-Deal« mit afrikanischen Mittelfeldspielern, Liberos und »zwei guten Torleuten« schlägt etwa ein Vermittler aus den Vereinigten Arabischen Emiraten vor.
Das »Kindoko Football Management« aus Ghana preist sich in einer E-Mail mit vollmundigen Referenzen an: »Wir haben diverse europäische Teams mit Weltklassespielern versorgt. Das letzte Beispiel war unser Transfer des ghanaischen Teenagers Lawrence Aidoo zu Borussia Mönchengladbach. Da Sie noch keinen unserer Spieler gesehen haben, würden wir uns um die Reisekosten kümmern.«
Bei Besiktas, beteuert Arpaci, landen derlei Offerten im Papierkorb. »Türkische Spitzenclubs ziehen, wenn überhaupt, Afrikaner vor, die bereits in Europa gespielt und einen geregelten Liga-Alltag kennen gelernt haben.« Mittelklasse-Vereine haben mit Direktimporten indes schon gute Geschäfte gemacht: Sie kaufen billig ein und vermitteln teuer nach oben weiter.
So hatte sich das Nnamdi Obiorah, 25, auch vorgestellt. Mitte der Neunziger spielte er in der nigerianischen U-17-Nationalmannschaft. Heute haust er im Istanbuler Ghetto und steht, so sagt er, bei einem Agenten auf der Liste, den er nur mit Vornamen kennt: »Mister Cengiz«.
Alle paar Wochen, klagt Obiorah, rücken neue Freunde und Freundesfreunde aus seiner Heimat nach. Gelockt vom Traum einer Karriere bei Real Madrid. Die Spielervermittler schießen mit Schrot. Wenn einer von zehn eine Ablösesumme einbringt, hat sich das Investment gelohnt. In Obiorahs Wohnung stapeln sich bereits die Matratzen, der Vermieter mault.
Von derzeit 5000 auf etwa 50 000, so die inoffizielle Schätzung, werde sich allein die Zahl der illegalen Afrikaner am Bosporus in den kommenden fünf Jahren verzehnfachen. UNHCR und andere Flüchtlingshilfeorganisationen sind alarmiert.
Mit seinem Ausländerverbot unterhalb der ersten Liga versucht der türkische Fußballverband gegenzusteuern; mit einer seit September gültigen Regel, die den internationalen Transfer von Jugendlichen untersagt, hofft die Fifa, den Ansturm nach Europa zu bremsen. Windigen Agenten mag damit das Handwerk gelegt werden - für den millionenfachen Traum vom Fußballglück jenseits von Afrika sind die Vorschriften bedeutungslos.
Diese Woche beginnt in Mali der Afrika-Cup: »Fünf bis zehn Spieler werden wir offiziellen Agenten nach Europa vermitteln, aber Hunderte werden sich wieder selbst auf die Beine machen«, sagt Manager Çaliskan. »Wer einmal Bilder aus dem Palast gesehen hat, den sich der FC-Bayern-Profi Sammy Kuffour ein paar Kilometer vor Accra in den Busch hat bauen lassen, den hält nichts mehr in Ghana.« BERNHARD ZAND
* Kingston Brown, Tony Jones, Nnamdi Obiorah, Tony Agiwungha.