RADRENNEN / TOUR DE FRANCE Er oder ich
Den ersten fuhr ein Wagen an, dem zweiten war ein Berg zu hoch, den dritten plagte Darmkatarrh, der vierte kam zu spät ins Ziel, dem fünften sprang ein Hund ins Rad, der sechste hatte Magenweh.
Wie die zehn kleinen Negerlein verschwand mehr als die Hälfte der zehn deutschen Radrennfahrer aus der Starterliste der »Tour de France«, bevor das schwerste, aufwendigste (Kosten: fünf Millionen Mark) und längste Etappenrennen der Welt (4780 Kilometer) am letzten Sonntag in Paris endete.
Im letzten Jahr hatten sich die deutschen Tour-Teilnehmer noch überschwengliches Lob erstrampelt. Der Kölner Rudi Altig gewann drei Etappen. Er und der Kölner Karl-Heinz Kunde behaupteten auf 15 von 22 Teilstrecken die Spitze. Um beide sollte in diesem Jahr die deutsche Mannschaft aufgebaut werden.
Altig war als Kapitän vorgesehen. Da trafen sich im Januar dieses Jahres acht Funktionäre des »Bundes Deutscher Radfahrer« (BDR) in Berlin. Während des Sechstagerennens in der Deutschlandhalle wählten sie einen Außenseiter zum deutschen Equipen-Chef: den anwesenden Organisator des Sechstagerennens, Hans Preiskeit. Den Kölner Veranstalter und Altig-Freund Peter Kanters übergingen sie, obgleich er -- anders als der tourunerfahrene Preiskeit -- das deutsche Tour-Team schon geleitet hatte.
Dann meuterte der frühere deutsche Weltmeister Im Querfeldeinfahren, Rolf Wohlfshohl gegen Altigs Sonderstellung. Er verlangte: »Gleiche Rechte.« Altig: »Eroder ich.«
In den Straßenrennen zur Vorbereitung auf die Tour versagten Wolfshohl und die meisten deutschen Berufsrenner. Altig siegte auf zwei Etappen der Italien-Rundfahrt, bevor er wegen einer Sturzverletzung ausschied. Nun verzichtete er auch auf die Tour de France. Altig hatte erkannt, daß er nicht auf wirksame Unterstützung zählen durfte.
Obwohl die deutsche Equipe ohne Altig keine Chance hatte, trauten die Deutschen sich nicht, Ihre Meldung zurückzuziehen. Sie wollten sich nicht international blamieren. Aber sie hatten Mühe, aus nur 34 lizenzierten Berufsfahrern zehn für die Tour-Mannschaft herauszupicken. So boten sie fünf Neulinge ohne Tour-Erfahrung auf. Kunde durfte mitstrampeln, obwohl er in diesem Jahr noch kein Rennen durchgestanden hatte. Er schied auf der zweiten Etappe aus.
Trotz eines Etappensieges von Wolfshohl und einiger Achtungserfolge verdiente die dezimierte deutsche Equipe nur etwa 10 000 »von den Insgesamt 500 000 Mark an Prämien und Preisen. Der deutsche Radsport-Präsident Erwin Hauck behielt mit seiner Prognose recht. Er hatte befürchtet, »daß unsere Mannschaft als Trümmerhaufen in Paris einzieht«.