GALOPPRENNEN / DERBY Esel gestrichen
Im Frühjahr meldete sich Besuch aus Hamburg in Prescot bei Sir Edward John Stanley, M. C., 18. Earl of Derby, Baron Stanley of Bickerstaffe, Baron Stanley of Preston. Der Gast, Romedio Graf von Thun-Hohenstein, lud Lord Derby zum 100. Deutschen Derby ein.
»Auf diese Idee kam bisher noch keiner«, freute sich der Derby-Lord über den Einfall des Hamburger Werbeberaters Dr. Friedrich Korte, der dem wichtigsten Galopprennen des Jahres zum erstenmal mit modischen PR-Gags aufhelfen will. »Unsere pferdesportliche Mafia hält zusammen«, lobte Graf Thun die Zusage des Lords, »trotz dichtem Kalender« zum Deutschen Jahrhundert-Derby (Gewinnsumme: 150 000 Mark) am kommenden Sonntag in Hamburg-Horn einzufliegen.
Lord Derbys Vorfahre, der 12. Earl of Derby, hatte dem berühmtesten Pferderennen der Welt 1780 seinen Namen gegeben. Nach ihm nannten auch andere Länder ihr bedeutendstes Rennen für dreijährige Vollblüter.
Auch in Deutschland veranstalteten Hamburger Kaufleute 1869 ein Norddeutsches und von 1889 an das Deutsche Derby. Der erste Sieger: »Investment«. 1903 ließ sich Kaiser Wilhelm II. erstmals im Vierspänner auf die Derby-Bahn kutschieren. Noch immer besteht der Rekord der Stute Nereide von 1936 für die 2400-Meter-Distanz (2:28,8 Minuten).
Fünfmal in 100 Jahren zwangen Schäden an der Homer Rennbahn, das Derby außerhalb Hamburgs auszutragen. Seit 1948 übten besonders Pferdebesitzer und Funktionäre in Westdeutschland -- dort hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg der nationale Galoppsport konzentriert -- harte Kritik. Ferdinand Leisten, Vorstandsmitglied des Kölner Rennclubs, forderte, das Derby an den Rhein zu verlegen.
Leisten warf dem Hamburger Rennclub (HRC) »perfekte Unfreundlichkeit« vor. Kritiker bemängelten unzulängliche Organisation und unterdurchschnittliche Wettumsätze. Der westdeutsche Züchter Richard Lehmann (Gestüt Atlas) rügte, daß in Hamburg »nur vor den Herren und Damen mit von und zu gedienert und gekatzbuckelt« werde. Der Neußer Trainer Georg Zuber drohte: »Wenn das so weitergeht, ist die Hamburger Derby-Woche bald tot.«
Tatsächlich fehlt in Hamburg bei einer einzigen Rennwoche im Jahr ein fach- und wettkundiges Stammpublikum. Zudem verfällt die unausgelastete, in Hamburger Staatsbesitz übergegangene Bahn rascher. Australiens Spitzenjockei Ron Hutchinson lobte das Homer Moor als einen »der besten Rennkurse der Welt«. Hamburg gab deshalb mehr als eine halbe Million Mark aus und renovierte die verwitterten Tribünen im Gutshausstil, richtete das von Maulwürfen unterminierte Geläuf her und holzte sichtbehindernde Bäume und Hecken ab.
Die HRC-Finanzen reichen nur zum Bau einer Totalisator-Bude. »In Horn müßten Gestütsherrn wie der Bremer Jacobs ihre Pferde trainieren«, wünschte Clubschatzmeister Joachim Willink. »Dann gäbe es auch bald mehr Meetings.«
Auch Hamburgs Bürgermeister Professor Herbert Weichmann sorgte sich um das Renommier-Rennen, zu dem er am Derbytag neben Bundespräsident Heinrich Lübke an dessen vorletztem Amtstag vierspännig vorfahren will. Auf dem ZDF-Kanal appellierte Weichmann: »Wenn die Hamburger Bevölkerung mitmacht, machen wir auch weiter.
Um das Stimmungstief zu überwinden, verpflichtete der HRC, einer der konservativsten Rennclubs in Deutschland, den Werbeberater Korte. Er richtete seine Kampagne auf eine bestimmte Zielgruppe aus: den »Typ des Abendblatt-Lesers«. Korte -- erprobt beim Hamburger Hafenjubiläum, ernüchtert durch Konkurse verbündeter Agenturen -- erforschte zunächst, was »Derby« bedeutet. HRC-Präsident Hans-Rudolph Freiherr von Schröder erteilte Auskunft über Lord Derby. »Den lotsen wir her«, forderte Korte.
HRC-Geschäftsführer Werner Hasse hielt nichts davon. Doch der Vorstand überstimmte ihn. Nur gequält unterstützte der HRC-Präsident die Derby-Werbung durch einen Auftritt in der Aktuellen Schaubude des NDR-Fernsehens. Die Club-Herren strichen den Plan eines Jugend-Renntages mit Beat- statt Blasmusik, eines Feuerwerks und eines Eselsrennens.
Hippologische Vorführungen mit Pferden anderer Völker scheiterten am Widerwillen der Vollblut-Funktionäre gegen artfremdes Halbblut. »Der Lebensweg eines PR-Beraters«, seufzte der gezügelte Korte »ist mit Ideenleichen gepflastert.«
Weil der ausgeworfene Werbe-Köder dem Fisch und nicht dem Angler schmecken soll, blieben wenigstens einige Sprünge vom vorgesehenen Werbe-Galopp: ein Derby-Ball (Kosten: 45 000 Mark) in Planten un Biomen mit dem Sängerknaben Heintje und einer amerikanischen Versteigerung.
Der Werbe-Etat des Dr. Korte verschlang insgesamt 200 000 Mark, Doch weil viele Aktionen zu spät anliefen, wurde im Vorverkauf nicht mehr als in den letzten Jahren abgesetzt. »Wenn wir mit 100 000 Mark Defizit davonkommen«, sorgte sich Geschäftsführer Hasse, »bin ich froh.«
Zufrieden ist hingegen die Rennleitung. Sieben der besten englischen Jockeis übernehmen Ritte. Neben Pferden aus England starten auch skandinavische, ungarische und österreichische Galopper während des Derby-Meetings. Die Gewinnsummen erhöhten sich gegenüber 1968 uni 150 000 Mark auf 612 500.
Für einen eigenen Werbeslogan blieb kein Geld. Korte bat die Bundesbahn um Erlaubnis zum Wortspiel »Alle reden vom Wetten«. Rennsportfans in Gelsenkirchen-Horst kritzelten unter die Plakate: »Wir nicht«.