»Extrem schlimm, echt brutal« - DER SPIEGEL
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»Extrem schlimm, echt brutal«

• aus DER SPIEGEL 22/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Irritiert stand Steffi Graf auf dem Tennisplatz an der Berliner »Hundekehle« und versuchte, das für sie Unbegreifliche zu fassen. 4500 deutsche Zuschauer bejubelten eine 16jährige Jugoslawin, die im Endspiel um die Internationalen Meisterschaften von Deutschland gerade die deutsche Steffi, die Nummer eins der Welt, besiegt hatte. Das mangelnde Mitgefühl der Landsleute brachte die gemeinhin robuste Psyche der Brühlerin derart aus dem Gleichgewicht, daß Boulevard-Reporter eine Sensation für die Titelseite liefern konnten: »Steffi weinte.«

Eine Woche zuvor hockte Boris Becker nach dem Finale um den deutschen Herrentitel am Hamburger Rothenbaum auf seinem Stuhl und stierte ins Leere. Dann schüttelte er immer wieder den Kopf und verbarg ihn schließlich minutenlang in den Händen. Wie aus weiter Ferne registrierte er, daß das Publikum seinen Bezwinger, einen Spanier namens Aguilera, feierte.

Die beiden Stars des deutschen Sports brachten Niederlage und Liebesentzug in direkten Zusammenhang mit den Schlagzeilen der vorangegangenen Tage. Weil brennende Fragen aus ihrem Privatleben die Nation in Aufregung versetzt hatten, waren die Reporter den Helden auf den Leib gerückt.

Um Boris Becker sorgte sich der deutsche Tennisfreund, weil seine Beziehung zu Freundin Karen Schultz gerade in die Brüche gegangen war. Die Frage, wo er denn jetzt frühstücke, stellte sich da ebenso öffentlich wie jene, ob Karen auch künftig noch sein schwarzes Cabrio lenken dürfe.

Von Steffi Graf waren Stellungnahmen zu einer delikaten Story gefragt, die sich unheilvoll um ihren Vater und Manager Peter Graf rankte: Ein ehemaliges Playboy-Modell hatte zunächst behauptet, Steffis Papa sei der Vater ihres unehelichen Kindes, dies später aber widerrufen.

Der penetrante Anspruch, bis in die Intimsphäre der Idole vorzudringen, könnte für die überaus interessierte Fan-Gemeinde Folgen haben. Graf und Becker denken genervt darüber nach, in Zukunft Auftritte in der Heimat ganz zu meiden.

Die Furcht vor dem Klammergriff der Nation ist allen populären Idolen der Deutschen gemein. Nirgendwo in Europa spüren die Stars aus Unterhaltung und Sport derart unsanft die Folgen kollektiver Umarmung: Der wohlige Rausch des Ruhms endet abrupt in einer von Schadenfreude geprägten Lust an der Demontage.

Diesen Gegensatz, der so extrem wohl nur in einem Land wie Deutschland ausfallen kann, in dem eine Sendung wie »Pleiten, Pech und Pannen« zum Fernseh-Hit aufsteigt, hat die langbeinige Chansonette Ute Lemper ebenso beklagt wie der »Nase vorn«-Entertainer Frank Elstner.

Vornehmlich zielt die schwarz-rot-goldene Sucht nach Vereinnahmung und Verfolgung allerdings auf die verschwitzten Helden des Sports, deren Auftritte oft nationale Hysterie oder Depression auslösen.

So trieb es etwa Franz Beckenbauer, den »Kaiser«, zur aktiven Fußballerzeit aus München hinaus in die USA, weil er die »kleinkarierte Spießigkeit« seiner Verehrer nicht mehr länger ertragen mochte. Kollege Karl-Heinz Rummenigge, in Deutschland als »Rotbäckchen« verehrt oder aber als »Rummelfliege« verspottet, suchte im liberaleren Italien Profil.

Schwimmer Michael Groß tröstete sich nach Niederlagen, er sei »doch kein schlechter Mensch«, nur weil er »dem Anspruchsdenken der Gesellschaft nicht genügt« habe. Auch der Radrennfahrer Dietrich ("Didi") Thurau, der die Deutschen einmal als Spitzenreiter der Tour de France verzückte, später aber als Didi Gernegroß durchs Sieb fiel, findet heute: »In Deutschland ist es extrem schlimm, echt brutal.«

Der eigentümliche Starkult hat nach Ansicht von Professor Walter Jens seine Ursache in typisch deutschen Denkmustern. In ihm offenbarten sich, meint der Tübinger Rhetorikprofessor, die »geheimen Sehnsüchte« und »Identifikationslüste« seiner Landsleute, die nicht von ungefähr ständig »von unserem Boris« und »unserer Steffi« schwelgen. Eine Nation, die dem »Wir-sind-wieder-wer-Ritus« fortwährend verhaftet sei, zeige sich für »junge, berühmte, erfolgreiche« Helden allemal empfänglich. Jens: »Der Kult ist einfach nationaler geprägt hierzulande.«

Der Besitzanspruch am Star treibt zuweilen skurrile Blüten. Um ein privates Foto von Steffi Graf zu schießen, seilten sich findige Reporter einmal sogar vom Dach ihres Hotels ab. Als Boris Becker, auf der Flucht vor Journalisten, in Hamburg mit seinem Auto von der falschen Seite in eine Einbahnstraße hineinfuhr, jagte auch der Verfolgerpulk hinterher.

Sobald Becker in seine Wohnung nach Monte Carlo kommt, warten bereits Fotografen, die mit Hilfe gewaltiger Teleojektive die neueste Freundin ablichten wollen. Zuletzt hatten die Späher Pech: Sie verkauften eine Italienerin als »neue Gespielin« - es war eine Kollegin, die Becker fotografieren sollte.

Ebenso unerbittlich sind die Deutschen auch beim Jubel: Dem Handballtrainer Vlado Stenzel etwa setzten glückselige Schlachtenbummler eine Krone aus goldfarbener Pappe auf den Kopf, weil er mit den Deutschen Weltmeister geworden war.

Im Bedarfsfall erhebt sich der Anhang auch zur moralischen Instanz über seine Idole. Als Franz Beckenbauer der Liebe zu einer Fotografin wegen seine Familie verließ, empörte sich Bild für alle nach Art des Vatikans: »Beckenbauer, ein Ehebrecher«. Und als Becker vorsichtig seine Zweifel am Sinn der Bundeswehr äußerte, befand sein deutschnationales Stammpublikum, dem Jungen gehörten die Flausen ausgetrieben.

Die Versuche, öffentlichen Ansprüchen stets zu genügen, weil ja so die profitablen Werbegeschäfte gefördert werden, enden oft in stumpfer Anpassung. Als Becker bezichtigt wurde, aus Steuergründen seinen Wohnsitz nach Monte Carlo verlegt zu haben, pries Steffi Graf ungefragt ihre Schäferhund-Idylle im badischen Brühl ("Ich bin Deutsche, ich liebe es, hier zu sein") und beteuerte, »um keinen Preis« wegziehen zu wollen. Boris Becker trug nach einem Daviscup-Sieg in den USA die deutsche Flagge durch die Halle und sah darin einen Wehrersatzdienst, der die Nation doch auch zufriedenstellen müsse.

Mit der Forderung des Politologen Iring Fetscher, die exponierten Sportgrößen hätten vor allem auch »die Fähigkeit zu entwickeln, den eigenen Platz in der Gesellschaft richtig zu bestimmen«, sind die meisten überfordert. Vergebens versuchen sie, naturreine Saubermänner wie Max Schmeling oder Uwe Seeler zu imitieren, die es zu bleibendem Ruhm gebracht haben.

Das zweifelhafte Streben nach Wohlverhalten ist den Tennisheroen seit dem frühen Eintritt in den Profizirkus eingebleut worden. In ihrem jeweiligen Clan wirkten schützende Kräfte, die die Wunderkinder in einer keimfreien Zone von den Fährnissen des Alltagslebens fernhielten.

Für Steffi Graf erledigt das noch heute ihr Vater Peter, der kritische Fragesteller schon mal anblafft: »Machen Sie mir meine Tochter nicht kaputt.« Für Boris Becker war Trainer Günther Bosch auch Vaterersatz und Gouvernante.

Daß Graf und Becker über Jahre hinweg von derben Attacken weitgehend verschont blieben, verdanken sie der Umsicht ihrer Beschützer - frühzeitig hatten die auf ein probates Mittel der Sportbranche zurückgegriffen und die Nähe zur Bild-Zeitung gesucht. Die sicherte das Wohlwollen der Nation und zahlte für die Exklusivrechte sogar noch eine Jahresgage von jeweils knapp einer Million Mark. Bild eilte fortan als Postillon d'amour zwischen den Deutschen und seinen neuen Helden hin und her und verkündete schon mal exklusiv, daß Steffi »so gern Nudeln« ißt.

Mehr hatten die Tennis-Teenies auch in den ersten Vertragsjahren nicht zu verkaufen. Mit zunehmendem Alter aber mochten Steffi und Boris der Forderung eines Bild-Chefredakteurs, für die Gage »auch mal 'n bissel was Privates« preiszugeben, kaum noch nachkommen.

Angesichts des harten Konkurrenzdrucks auf dem Boulevard- und Yellow-Press-Markt schützte der Vertrag mit den größten deutschen Meinungsmachern immer seltener. So geriet auch das Liebesleben von Vater Graf in die Titelzeilen, wenn auch mit scheinbarer Empörung ("Gemeinheiten") garniert.

Und was Bild auf Seite 1 aus dem Leben eines prominenten Sportlers mitzuteilen hat, erlangt stets großes Gewicht. Anders als in England, wo die Schlagzeile über »Bonking Boris«, den bumsenden Becker, allenfalls kurzfristiges Amüsement auslöste, können sich die Deutschen auch über derart profanen Stoff tagelang den Kopf zerbrechen.

Denn längst kommt die einstmals leichte Ware Sport mit politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Schwere daher. Mitten im deutsch-deutschen Einigungskampf galt so für Helmut Kohl am letzten Freitag ein Besuch im Trainingslager der Fußball-Nationalelf als Pflichttermin. Der Kanzler, der vor vier Jahren eigens nach Mexiko flog, um den überraschten Vizeweltmeister Rummenigge zu herzen, wollte sich diesmal angesichts des überbordenden Optimismus ("Wir haben die stärkste Elf der Welt") schon vor dem WM-Turnier im Kicker-Kreis sonnen.

Postmoderne Industrielenker buchen im Tennis für ihre Handelspartner mittlerweile Daviscup-Karten zum Stückpreis von 1000 Mark gleich im Paket. Eine Tenniskarte, belehrte die Stuttgarter Zeitung den schwäbischen Mittelstand, gehöre »zum Lebensstandard so selbstverständlich dazu wie der 500 SEL«.

In der Bundesrepublik wird in diesem Jahr rund eine Milliarde Mark in Werbung mit dem Sport investiert. Einer wie Becker kassiert geschätzte 16 Millionen Mark pro Jahr durch PR-Verträge.

Als Höhepunkt des modernen Product placement gilt, wenn eine deutsche Firma mit einem deutschen Star im deutschen Sportmarkt wirbt. Doch dieser Kombination sind viele nicht gewachsen. Der Versuch des pfälzischen Felgenmillionärs Günter Schmid, sich in der Formel 1 mit seinem deutschen Rennstall Rial und zwei deutschen Fahrern zu etablieren, endete schon nach einem Jahr in einer formidablen Pleite. »Dieser Druck«, befand Schmid konsterniert, »hat alle fertiggemacht.«

Als Ausweg aus der nationalen Zwangsjacke bleibt oft nur die Flucht ins Ausland. Hartnäckig lehnte zuletzt der derzeit beste bundesdeutsche Radprofi Rolf Gölz lukrative Angebote des deutschen Rennstalls »Team Stuttgart« ab, das den ins ferne Monte Carlo ausgewanderten Pedaleur als Zugnummer verpflichten wollte - »die deutschen Medien sind der Hauptgrund dafür«.

Wie dem unerträglichen Rummel beizukommen ist, bewies Franz Beckenbauer, nachdem er sich in Amerika Weltläufigkeit angeeignet hatte. Als im vorletzten Jahr Gerüchte über ein neues Liebesglück des Bundestrainers honoris causa kursierten und sich die Paparazzi mit ihm Wettfahrten lieferten, bestellte er gelassen einen Fotografen ins »Liebesnest« (Bild), ließ sich gegen eine Gage von 175 000 Mark mit der Neuen fotografieren - und hatte fortan seine Ruhe.

Von derart nonchalantem Umgang mit den öffentlichen Bedürfnissen sind die Tennis-Wunderkinder der Deutschen, die sich gegenseitig versichern, sie möchten nicht in der Haut des anderen stecken, noch weit entfernt. Steffi Graf, die nicht begreift, warum die Deutschen ihre Dauersiege nicht mehr uneingeschränkt preisen, will künftig »nur noch sportliche Fragen« beantworten.

Boris Becker versucht vergebens, sich die Nation mit provokanten Thesen vom Hals zu schaffen. Als er vorletzten Samstag einen Hochsprung-Wettkampf seines neuen Freundes Carlo Thränhardt beobachten wollte, versteckte er sich vor den Fans im Gebüsch. Wenig später mußten beide aus Sicherheitsgründen ins Sanitätszelt gebracht werden.

Nach Ansicht von Professor Jens verschärft der Phänotypus der leidgeplagten Tennisspieler ihr Dilemma noch. Dummerweise seien sie ja beide auch noch »blond, blauäugig und kräftig« und entsprächen so allein schon optisch dem Idealbild des vorbildlichen Deutschen. Den Philosophen treibt deshalb die Frage um: »Was würde wohl passieren, wenn der größte deutsche Sportler ein Jude oder gar ein Roma wäre - klein, drahtig, schwarzhaarig?«

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