Falsche Farbe - DER SPIEGEL
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SKIRENNEN Falsche Farbe

Trainer und Funktionäre bestimmen nicht mehr allein, wer im Skizirkus mitmachen darf. Eine Textilfirma stoppte den Slalomstar Neureuther.
• aus DER SPIEGEL 4/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Erfolge und Erfahrung zählten nichts mehr. Wer für Deutschland Slalom fahren will, muß auch die rechte Unterkleidung tragen.

Christian Neureuther, 31, seit zehn Jahren erfolgreichster Deutscher zwischen den Slalom-Toren, mußte vor dem Weltcup-Rennen am vorigen Dienstag in Oberstaufen seine Startnummer Acht wieder abliefern. Die Bekleidungsfirma Medico hatte ihr Veto eingelegt.

Somit geschah, was das deutsche Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), Willi Daume, mehr fürchtete als Niederlagen: »Es ist schon schlimm, daß Firmen bestimmen, wer für uns startet.« Überdies ist Strahlemann Neureuther ein Opfer seiner eigenen Erfolge (zwölf deutsche Titel, sechs Weltcup-Siege, zweimal Olympia-Teilnehmer) geworden; sie stempeln ihn zu einem zugkräftigen Werbeträger -- oder Konkurrenten -für Ausrüster-Firmen.

Früher zahlten Ski- und Bindungshersteller den Stars, die in ihren Erzeugnissen siegten, sechsstellige Summen. Doch der (1975 gestorbene) IOC-Präsident Avery Brundage grollte den Ski-Twens, die Manager-Einkommen bezogen und gleichwohl als Amateure Olympia-Medaillen nachjagten. 1972 überführte er den österreichischen Weltmeister Karl Schranz verbotener Werbung und schloß ihn aus.

Da änderten die Ski-Funktionäre pfiffig das System: Sie gründeten nationale Ski-Pools, über die alle Hersteller, die Rennläufer ausrüsten wollen, an die Verbände Einstandssummen bezahlen. Skiproduzenten investierten 100 000 Mark und mehr pro Verband und Saison, Pulli-Lieferanten etwa 20 000 bis 30 000 Mark.

Aus dem Pool-Kapital fördern die Föderationen Nachwuchs und Stars. Erfolgsabhängige Prämien werden den Läufern gutgeschrieben oder für sie angelegt. Sie dürfen über das angesammelte Kapital erst verfügen, nachdem sie ihre Karriere beendet haben. Dieser Trick beläßt auch Ski-Athleten mit Jahreseinkommen von 400 000 Mark ihre olympische Amateureigenschaft.

Dem deutschen Ski-Pool schlossen sich 75 Produzenten an, die zusammen etwa 500 000 Mark einbrachten. Außerdem rüsten sie Nachwuchs und Rennequipe aus. An Prämien dürften die erfolglosen Bundesläufer allerdings kaum mehr als 50 000 Mark verbuchen.

Jedes Mannschafts-Mitglied muß unterschreiben, nur Ski und Stiefel, Bindungen und Brillen der Pool-Firmen zu benutzen. Als beim Winter-Olympia 1980 drei von vier deutschen Abfahrtsläuferinnen in Descente-Rennanzüge schlüpften, statt in pooleigene Head-Häute, drohte die geprellte Firma 350 000 Mark Schadenersatz einzuklagen.

Jüngst verfing sich Sonnyboy Neureuther in den dichten Maschen des Pool-Netzes. Er war 1980 zurückgetreten und hatte zusammen mit seiner Ehefrau Rosi Mittermaier, der Doppel-Olympiasiegerin, eine eigene Firma gegründet. Beide trugen Pullover der von ihnen vertretenen Firma Demetre. Auf Plakaten strahlten beide zudem für österreichische Maeser-Pullis.

Doch die Geschäftsführung seines Betriebes und TV-Auftritte lasteten Neureuther nicht aus. Es zog ihn »wie eine Sucht« (Neureuther) zurück auf die Piste. Weder er noch die Funktionäre hatten bedacht, daß er keinen Pool-Vertrag unterzeichnet hatte.

Er kramte zwar Pool-Erzeugnisse hervor, die er von früher noch besaß. Aber statt des poolkonformen Medico-Pullovers trug er unter seiner Bogner-Kluft vorsichtshalber einen neutralen, weißen Wollschutz. Auf Anhieb fuhr er gegen die Weltelite wieder auf den sechsten Platz. Doch Medico erkannte auf Vertragsbruch und unterband fernere Starts.

Der Wirbel um das Teilnahmeverbot bescherte dem Ausrüster die größte Publizität seit dem Pool-Beitritt.

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