Falsches Programm - DER SPIEGEL
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USA Falsches Programm

• aus DER SPIEGEL 33/1965
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Den »Untergang der Leichtathletik-Großmacht Rußland« erwarteten in seltener Übereinstimmung die Fachleute, selbst russische Experten eingeschlossen, vom Länderkampf gegen die USA in Kiew.

Der scheinbar sichere Erfolg veranlaßte die Amerikaner sogar zur ersten Live-Sendung aus der Sowjet-Union über den Fernseh-Satelliten »Early Bird«. Doch der TV-Stern übermittelte am vorletzten Wochenende das falsche Programm: die erste Niederlage einer amerikanischen Leichtathletik-Mannschaft.

Die US-Athleten (in dieser Woche Gegner der deutschen Mannschaft) hatten alle sechs voraufgegangenen Länderkämpfe seit 1958 gewonnen. 1964 sogar mit 42 Punkten Vorsprung. Bei der Tokio-Olympiade versagte die überalterte Russen-Mannschaft abermals, sie gewann lediglich zwei Goldmedaillen.

Das Vertrauen der Russen-Funktionäre in ihre verjüngte und unerfahrene Nachwuchs-Mannschaft war schwach. Sie wollten sogar den Länderkampf absagen. Vorwand: Amerikas Kriegsanstrengungen in Vietnam. Dann entschloß sich die sowjetische Sportführung zu einem Kompromiß. Sie verlegte das für Moskau abgeschlossene Athleten-Treffen erstmals in die Provinz. Auch das Ostblock-Fernsehen »Intervision« war zum erstenmal nicht angeschlossen. Die russischen TV-Techniker arbeiteten im Zentral-Stadion von Kiew (früher: Chruschtschow-Stadion) ausschließlich für die Sendungen nach Amerika und Westeuropa.

Doch entscheidende Fehler kippten den amerikanischen »Giganten vom tönernen Sockel« (so die französische Sportzeitung »L'Equipe"). Die Amerikaner unterschätzten ihre teilweise völlig unbekannten Gegner. »Wir haben uns nicht mit dem üblichen Ernst vorbereitet«, verbreitete Weitsprung-Weltrekordler Ralph Boston vor dem Start, »die Aufgabe scheint uns zu leicht.«

Dabei boten die USA keineswegs ihre stärkste Mannschaft auf. Von zehn Tokio-Goldmedaillen-Gewinnern waren in Kiew nur zwei dabei. Die Funktionäre hatten auf einige Studenten verzichtet, weil sich ihr Amateursportverband mit dem Verband der Studenten -Sportler über die Kompetenz-Verteilung uneins ist. Überdies hatten die meisten US-Athleten ihre Form seit vier Wochen in keinem Wettkampf mehr Überprüft.

Das geschwächte US-Team traf erst 48 Stunden vor dem ersten Wettkampf in Kiew ein, wo die Russen sich drei Wochen lang vorbereitet hatten. Das für die Jahreszeit ungewöhnlich kühle Wetter wirkte sich aus: 10 000-Meter -Olympiasieger William Mills erkrankte an Angina und lief nicht.

Auch 5000-Meter-Olympiasieger Robert Schul und Mittelstreckler Jim Ryun erkälteten sich, Langstreckler Gerry Lindgren litt unter Grippe-Erscheinungen, Mittelstreckler Groth an einer Knie-Verletzung.

Sie alle mußten dennoch starten. Außer Diskuswerfer Jay Silvester, der am ersten Wettkampftage eintraf, stieß kein Ersatz mehr zur bedrängten US -Truppe. Gesunde, aber zweitklassige Amerikaner wurden nur Dritter (200-Meter-Lauf) oder sogar Letzter (400-Meter-Lauf); während erheblich leistungsstärkere Studenten wegen des Verbands-Streites nicht aufgestellt worden waren.

Dagegen kämpfte die russische Nachwuchs-Mannschaft ohne Ausfall. Der sowjetische Cheftrainer Korobkow zufrieden: »Das Gesicht der Olympiamannschaft für 1968 zeichnet sich ab.«

Der Läufer, der den russischen Erfolg endgültig sicherte, wird freilich bei den nächsten Olympischen Spielen bestimmt nicht mehr starten: Pjotr Bolotnikow, überraschender Sieger im 5000-Meter-Lauf, ist schon 34 Jahre alt. Zu seiner Aufstellung hatte Korobkow sich erst wenige Stunden vor dem Rennen entschlossen.

Weitsprung-Weltrekordler Boston

Ein Gigant kippte vom Sockel

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