Faszination des Scheiterns - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 63 / 91

Maradona Faszination des Scheiterns

Nach der Auftakt-Niederlage Argentiniens verspottete das hochmütige Mailand dessen Star vom Fußballrivalen Neapel.
• aus DER SPIEGEL 24/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf den Rängen singen die Tifosi den Triumphmarsch aus Aida. Unten schreitet ein gedemütigter Held mit niedergeschlagenem Blick vom Rasen - wir, das Volk, haben ein Denkmal gestürzt.

Tatsächlich sind es 13 kleine Negerlein, die international unbedarften Kicker aus Kamerun, die zum Auftakt der Fußballweltmeisterschaft in Italien den amtierenden Champion Argentinien besiegen. Und am Ende sind es sogar nur noch 9, weil 2 des Feldes verwiesen wurden. Aber die 74 000 Zuschauer im Giuseppe-Meazza-Stadion von Mailand, die Italiener voran, besiegten nur einen Gegner - Diego Armanda Maradona, 29, den Fußballgott und Erzfeind, der sein Talent an Neapel verkauft hat.

Vom Ergebnis her war der Auftakt am vergangenen Freitag abend so dürftig wie die Eröffnungsspiele der letzten sechs Weltmeisterschaften. Ganze drei Tore waren in 20 Jahren gefallen, viermal gab es ein 0:0. Und ein Leckerbissen fußballerischen Könnens war auch dieses Spiel nicht. Und doch - auf den Rängen stöhnten die Menschen »Madonna« und »Mamma mia«, brüllten »Forza Camerun« und tanzten in den Gängen. Denn reich an innerer Spannung, war es ein Spiel so recht für Herz und Gemüt der Fußballfreunde - die Kleinen besiegten die Großen, eine aufopfernd rackernde Mannschaft demontierte einen genialen Individualisten. »Is Fuutball«, pflegte der legendäre Trainer Tschik Cajkovski zu sagen. Und Sepp Herberger glaubte, daß die Leute genau deshalb hingehen, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.

Insofern begann die WM verheißungsvoll. Es war viel Schadenfreude im Spiel beim Jubel auf den Rängen, aber auch so etwas wie Erleichterung, daß sich Fußball nicht vorher festschreiben läßt. Daß all das Gerede derer, die den Fußball zu kaufen versuchen - und die Zeitungen dazu, die darüber schreiben -, in 90 Minuten auf dem Spielfeld zertreten wird und daß ein Star sich immer wieder neu im Spiel beweisen muß, nicht in Schlagzeilen über Kinkerlitzchen und Tricks - das alles hob die Stimmung.

Längst hatten auch die geduldigsten Fans die Nase voll vom monatelangen Jonglieren mit Rekordzahlen und von bissigen Kommentaren über die Organisationsmängel der Italiener. Vor allem aber von all den Spekulationen über Papierweltmeister und ihre Stars. Als Schiedsrichter Vautrot um 18.02 Uhr das Spiel anpfiff und die erste von geplanten 4680 Minuten WM-Fußball begann - da ging deshalb ein erleichtertes Aufatmen durch das keineswegs vollbesetzte Stadion.

Vergessen war jetzt sogar die vor den Stadien von den Metallarbeitern geweckte Erinnerung an 24 Tote bei den hektisch vorangetriebenen Bauarbeiten in den zwölf WM-Stadien - nun war Fußball dran, endlich.

Daß der in Italien fast religiöse Züge hat, wird gerade dem kleinen Mann mit der Nummer 10 zum Verhängnis, der sich allzu frivol als eine Art Fußballgott selbst in den Himmel zu heben pflegt - Maradona. Ist es etwa seine Hand gewesen, die vor vier Jahren in Mexiko bei der WM Argentinien regelwidrig weiterboxte, indem sie den Ball ins Tor beförderte? Es war, sagte Maradona, die Hand Gottes. Heiße Verehrer wollten sogar schwören, es sei sein Heiligenschein gewesen.

Aber wer sich wie ein Gott aufführt, der muß auch wie ein Gott spielen. Dann folgen die Tifosi, fasziniert von seiner Ballartistik, willig den Legenden, die über ihn verbreitet werden.

»Der Held« Maradona erhielt bereits am Vorabend der Eröffnung ein Fernsehdenkmal - ein einstündiger Rückblick auf die WM in Mexiko ist allein auf ihn zugeschnitten. Und in einem »Würstel e Crauti«-Stand vor dem Stadion bleiben die Fans stehen und sehen aus wie das gebratene Spanferkel, das mit aufgesperrtem Maul und leeren Augenhöhlen auf den Fernsehschirm zu starren scheint, auf dem der göttliche Diego wieder und wieder seine Künste zelebriert.

So waren die ersten Pfiffe, die seine mißglückten Aktionen am Freitag begleiteten, auch noch keine Lästerungen, eher provokante Prüfungen, um den Fußballgott zum Wandeln über das Wasser zu verführen. Doch ihr Charakter änderte sich bald. Dieser Maradona, der stolperte und Fehlpässe schlug, lamentierte und sich aufführte wie ein schmollender Bub, dieser Mann war kein Fußballgott, eher ein entzauberter Scharlatan. Die Menge in Mailand verhöhnte ihn gnadenlos, klatschte, wann immer ein Kameruner ihm ein Bein stellte.

Die Norditaliener, die zur Eröffnung kurz und prägnant die kühle Eleganz ihrer Mode inszeniert hatten, konnten es dem Mann aus dem Süden heimzahlen: Hatte doch schließlich Maradonas SSC Neapel dem AC Mailand die Meisterschaft weggeschnappt. Und so spielte an diesem Abend weniger Kamerun gegen Argentinien als Maradona gegen alle - selbst seine Teamkollegen schienen am Ende die Nähe zu ihrem Star zu meiden.

So groß war freilich noch im Scheitern die Faszination des Stars, daß darüber alle üblichen Muster, nach denen sich gemeinhin Freunde und Gegner im Fußball scheiden, in den Hintergrund traten. Die Experten mit ihren Berechnungskünsten und die Taktiker mit ihren Marschrouten blieben auf der Strecke. Nicht einmal die Nationalisten oder Rassisten kamen auf ihre Kosten - freilich ist auch nicht plötzlich eine neue Liberalität gegenüber Afrikanern im hochnäsigen Mailand ausgebrochen. Der Kamerun-Jubel, die Anfeuerungsstürme für die aufopfernd kämpfenden - »Nur Mut, ihr schwarzen Freunde«, rief Fernsehkommentator Marcel Reif - und immer wieder auch überraschend listigen schwarzen Kicker entsprangen ja zunächst nur der Sympathie mit den vermeintlich Schwächeren. Der russische Kamerun-Trainer Walerij Nepomniaschi, so erzählte man sich kopfschüttelnd, verkehre per Dolmetscher mit seinen Spielern.

Vor dem Dom von Mailand knüpften deutsche und italienische Fans ihre Fahnen mit denen Kameruns zusammen. Holländer posierten vor dem Stadion seit dem frühen Morgen Hand in Hand mit den ernsthaften Afrikanern, Brasilianer unterstützten sie stimmgewaltig. Touristen und Fußballfreunde aus allen Erdteilen klatschten und nickten begeistert, wann immer einer der schwarzen Fans versicherte, diesmal hätte Argentinien keine Chance. Und Maradona? »Der kriegt einen Schatten«, dekretierte Antoine aus Kamerun, der in Rom studiert.

Als er dann nur ein Schatten ist, wird aus dem Spiel, das die geschäftstüchtigen und arroganten Norditaliener in Milano treiben, indem sie die Afrikaner anfeuern, die sie sonst am liebsten über das Mittelmeer zurückjagen möchten, plötzlich eine Leidenschaft - nicht für Kamerun, aber gegen Diego, den Göttlichen. Er hatte keine Chance.

Hat dieses Spiel Zeichen gesetzt für den Rest der WM? Ist »der Star« out? Sind auch die Holländer Gullit und van Basten, der Italiener Baresi, der Engländer Lineker, der Spanier Butragueno, der Brasilianer Careca und der Deutsche Völler den Fans in Italien eher Symbolfiguren der Anmaßung als Idole?

Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin. Wahr ist vielmehr, daß der Virtuose, der sich zur Solonummer aufschwingt über den Rest der Mannschaft, die - wie Ferenc Puskas einst sagte - das Klavier tragen muß, auf dem der Star spielt, eine kraftvolle Truppe braucht. Maradona aber spielte am Freitag mit Gefährten, die nicht einmal ein Spinett hätten verrücken können.

Und ganz falsch wäre es zu glauben, daß die Freude über die Niederlage des egomanischen Maradona auch aus Abneigung gegen jene »besessene Gier nach Geld« gespeist worden sei, gegen die Papst Johannes Paul II. vor der WM wetterte. Zwar war Maradona ein überaus geldgieriger Heiliger. Nicht nur, daß er die Gehälter und Ablösesummen in Italien in absurde Höhen getrieben hat, er wollte sogar an der 260-Millionen-Einnahme des Weltfußballverbandes beteiligt werden. Aber selbst dagegen hätten die Fans in Italien wohl nichts.

Denn in dem Land, in dem Konzernherren wie Fiat-Chef Agnelli oder der Medienzar Silvio Berlusconi über den Lauf des Balles gebieten, gehört das Geld zum Fußball wie die Torstangen. Und es entfaltet eine eigenwillige Logik. Auch der warnende Heilige Vater dürfte den Umsatz gesteigert haben, indem er jenen Rasen segnete, der nach dem WM-Finale in vier Wochen in 306 000 kleinen Stücken, als wär's die Berliner Mauer, verkauft werden soll. Für 150 Mark in Styropor und für 300 Mark in Acryl versiegelt.

Wessen Schweiß dann daran klebt, ist aber seit dem Eröffnungsspiel ungewisser denn je. Nur daß es nicht die heiligen Tropfen Diego Maradonas sein dürften, scheint ausgemacht.

Zur Ausgabe
Artikel 63 / 91