HAMMERWERFEN Figur vorneweg
Weil sich ein Pforzheimer Juwelier ärgerte, daß seinen Landsleuten keine Kraftwürfe wie der Weltelite gelangen, setzte er dem ersten deutschen 50-Meter-Hammerwerfer eine goldene Uhr aus. Das Schmuckstück verdiente sich 1935 der Polizeibeamte Erwin Blask.
Seit Blasks goldenem Wurf geriet das Hammerwerfen zu einer deutschen Paradesportart. Auch in der nacholympischen Saison 1981 verbesserten Deutsche, Karl-Hans Riehm und Klaus Ploghaus, schon dreimal die Jahresweltbestleistung.
Wuchtige Hämmer hatten schon die Germanen geschwungen, teils im Krieg als Waffe, teils im Wettkampf um Weiten. Jedes Schulkind verband den Germanengott Thor mit seinem unfehlbaren Hammer.
Den neuzeitlichen Wett- und Wettkampfbetrieb entwickelte allerdings die erste Industriegesellschaft, Großbritannien. Die Briten verpaßten auch irischen und schottischen Kraftprotzen, die neben Hau-den-Lukas-Ständen mit Schmiedehämmern um die Wette warfen, einheitliche Regeln. Daraus entstand eine 7,257 Kilo schwere Kugel an einem 1,22 Meter langen Draht.
In Deutschland verkümmerten Wurfwettbewerbe mit Schmiedehämmern damals bei Dorffesten und auf Rummelplätzen. Noch immer zählt der Hammerwurf nebst Steinstoßen und Gewichtwerfen zu einer Randsportart namens Rasenkraftsport.
Doch als das Olympia 1936 in Berlin bevorstand, verleibten die Deutschen auch Thors Hammer in seiner modernisierten Erscheinung dem Reich ihrer Leibesübungen ein. In Sepp Christmann, dem Sportfreunde einst den Hammerwurf empfohlen hatten, um »ein gutes Schwunggefühl für Golf« zu entfalten, entdeckten sie den seinerzeit findigsten Trainer der Welt. Die Christmann-Schüler Karl Hein und Blask sammelten olympisches Gold und Silber; später verbesserten sie zweimal den Weltrekord.
»Man braucht immer 'ne Figur vorneweg«, erklärte Karl-Heinz Leverköhne, seit zwölf Jahren Bundestrainer der Hammerwerfer. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg Karl Storch, der Olympia-Zweite von 1952 gewesen. In den sechziger Jahren setzte der Kieler Uwe Beyer die Tradition fort. Als Außenseiter gewann er eine olympische Bronzemedaille; bei den Europameisterschaften füllte er schon seine Favoritenrolle aus. Folgerichtig spielte Hammer-Uwe auch den Film-Siegfried.
DDR-Werfer knüpften ebenso an die Tradition an. Bei drei Europameisterschaften in den siebziger Jahren schleppten die doppelten Deutschen jeweils zwei von drei Medaillen ab. Mit Riehm fand Bundestrainer Leverköhne wieder eine neue Leitfigur: Er siegte im Weltcup, dreimal im Europacup-Finale und stürzte den Weltrekord im Wechsel mit seinem Konkurrenten Walter Schmidt.
Die Weltbesten trainierten schon zweimal täglich -- solange die Gelenke S.188 hielten, oft 50 Wurf am Tag. Die deutschen Stars streben im Jahr 8000 Übungswürfe an, ihre Hämmer legen dabei gleichsam eine Entfernung von Lübeck bis Frankfurt zurück.
In der sogenannten Folterkammer bewegen sie an Kraftmaschinen Eisen bis zum Gewicht beladener Güterwagen. Im Wurfkreis steigerten sie die Abwurfgeschwindigkeit über 100 km/h. Dabei zerrt an ihren Armen eine Zugkraft von etwa sieben Zentnern.
So schlugen die Hämmer der Stars aus der Sowjet-Union und den beiden Deutschlands immer häufiger hinter der 80-Meter-Marke ein. Obwohl sie aus einem Schutzkäfig schleudern, gefährdeten ihre verirrten Hämmer nicht selten Kampfrichter und Athleten oder krachten sogar in Tribünennähe auf.
Deshalb verboten die Funktionäre die zu kleinen Wolframkugeln von zehn Zentimetern Durchmesser geschrumpften Hämmer. Nun feuern die Werfer 0,8 Zentimeter dickere Eisenkugeln ab. »Das macht 1,20 bis 1,50 Meter weniger Weite«, errechnete Leverköhne. »Mit 79-Meter-Würfen kannst du in diesem Jahr alles gewinnen«, schätzte Riehm.
Riehm galt als Mitfavorit für das Olympia 1980 in Moskau. Nach dem Boykott besiegte er alle drei Medaillengewinner. Anders als im Olympiajahr will der Juniorchef der väterlichen Möbeltischlerei in Konz bei Trier volle Arbeitszeit ableisten. »80-Meter-Würfe sind dieses Jahr nicht drin«, winkte er ab. »Man kann nicht alles mit Routine machen. Das Pfund muß eben dasein.«
Ein Nachfolger ist schon in Sicht: Im ersten Werfer-Länderkampf des Jahres besiegte der Darmstädter Architektur-Student Klaus Ploghaus, Studenten-Weltmeister von 1979, erstmals den Altmeister (mit 78,78 Meter). Vor dem wichtigen Wettkampf »lief ich schon die ganze Woche Fahrrad an der Decke«, klagte Ploghaus. Nun »peile ich die 80 Meter an« -- auch mit dickerem Hammer.
Der Bundestrainer aus Hamburg arbeitet mit seinen erfolgreichen Athleten zugleich wie ein Heimtrainer. Er besucht sie der Reihe nach jede Woche. Bei seiner Rundreise zwischen Hamburg, Darmstadt und Konz legt Leverköhne wöchentlich gut 1600 Kilometer zurück. Seine Arbeit könnte darüber mitentscheiden, ob sich die Bundesequipe für den Weltcup qualifiziert: Dazu müßte sie die UdSSR oder die DDR besiegen.
Was die Hammerwerfer treibt, sich täglich neben Beruf oder Studium stundenlang zu quälen, beschrieb Jungstar Ploghaus so: »Wie einen Rausch« spürt er die Entspannung nach der Leistung. »Es ist was Schönes, über die Grenze hinwegzusteigen. Das ist eine Spirale ohne Ende.«