Australien-Grand-Prix Der Feind in der eigenen Box
Neues Jahr, neues Spiel: Es ist doch lobenswert, dass sich mit der Einführung der neuen Regeln für diese Formel-1-Saison ungeahnte Möglichkeiten ergeben. So formulierte ein Journalist jüngst sehr schön die Variante des "taktischen Motorschadens", die wir vielleicht demnächst auf der Piste erleben werden. Diese natürliche unfaire, aber möglicherweise effektive und (ebenso wie eine Teamorder) schwer nachzuweisende, mithin für Teams wie Ferrari geradezu geschaffene Option erklärt sich aus jener Beschränkung, nach der ein Motor zwei Rennen lang halten muss. Wenn nicht, setzt es eine Strafe.
Formel-1-Start in Melbourne: Ausgehebelt und aufgedreht
Tatsächlich aber macht es einen großen Unterschied, wann die Maschine den Geist aufgibt. Passiert es im Training, kostet das zehn Startplätze. Weißer Rauch im Qualifying heißt: zurück ans Ende des Feldes. Eine Panne während des Rennens hat hingegen für den nächsten Start keine Konsequenzen. So gesehen könnte es sich anbieten, bei einem ohnehin ungünstigen Rennverlauf einen kleinen Schaden zu signalisieren, um beim nächsten Grand Prix mit neuem Motor voll auf die Tube zu drücken, während die anderen ihr leicht abgenutztes Aggregat schonend behandeln müssen. Nachteil wäre natürlich, dass sich im folgenden Rennen die Kräfteverhältnisse wieder umkehren. (Falls das kompliziert wirkt: Die Regeln sind nur anders, keinesfalls einfacher geworden) Aber vielleicht passiert so etwas ja gerade zum Saisonende hin.
Zugegeben, das Szenario wirkt unwahrscheinlich. So unwahrscheinlich wie etwa die absurde Idee, ein Fahrer würde einen anderen Fahrer im letzten Rennen von der Piste drängen, weil der in der WM-Wertung knapp hinter ihm liegt. Außerdem kann man so etwas ja schlecht üben. Hm. War andererseits natürlich schon auffällig, wie viele Motorschäden die notorisch zuverlässigen Ferraris plötzlich produzierten.
Minardis Verschwörungstheorie
Gut, es reicht mit den Verschwörungstheorien. Anders gesagt: Dafür ist schließlich Paul Stoddart zuständig. Der australische Chef des kirchenmausarmen Minardi-Teams wittert vor seinem Heim-Grand-Prix am Sonntag (4 Uhr Live-Ticker bei SPIEGEL ONLINE) mal wieder Verrat, Betrug und böse Mächte im Spiel - weil er mit seinen Wagen möglicherweise nicht starten darf. Tatsächlich entsprechen die Boliden nicht den geforderten Standards für diese Saison. Das würden jedoch fast alle anderen Teams tolerieren - nur Ferrari und Red Bull stellen sich bislang quer. Und der eigentlich für die Entscheidung zuständige Rennsportverband Fia verweist wiederum auf die nötige Zustimmung aller anderen Teams.
Stoddart wittert nun in mehreren Interviews eine gemeine Verschwörung zwischen Fia, Ferrari und natürlich Bernie Ecclestone, der laut britischen Medien jüngst 100 Millionen Dollar locker gemacht hat, damit Ferrari seiner Geschäftspolitik folgt. Nicht nur aus Sicht von Stoddart sind die drei eng verbundenen Giganten Fia, Ferrari, Ecclestone damit zu einer Art Geheimbund mutiert - die Tempelritter der Formel 1 sozusagen.
Ob die vermeintlichen Machenschaften letztlich zum kurzfristigen Erfolg führen, scheint hingegen so offen wie selten. Beim medial zelebrierten Durcheinanderschnattern aller verfügbaren Experten von Niki Lauda bis zu Eddie Irvine - dem Lothar Matthäus der Formel 1 - zeigte sich in den vergangenen Tagen ein ziemlich diffuses Bild, das man mit etwas guten Willen so zusammenfassen könnte: Eigentlich hat Ferrari mit seinem alten Auto und vor allem den Bridgestone-Reifen keine Chance gegen Renault und McLaren-Mercedes - aber Weltmeister wird am Ende wohl doch Michael Schumacher.
Heiße Anwärter auf Rang zwei
Der prognostizierte Saisonverlauf sieht ungefähr so aus: Ferrari fährt erst mal ordentlich hinterher, springt dann aber mit dem neuen Modell F2005 am 8. Mai in Barcelona wie Kai aus der Kiste und rollt das Feld von hinten auf. Größtes Problem der Konkurrenz: Außer Kimi Räikkönen traut man eigentlich niemandem zu, konstant genug zu fahren, um Dauerweltmeister Schumacher zu gefährden. Und Räikkönen muss sich in dieser Saison auch noch mit dem Feind in der eigenen Box, sprich Juan Pablo Montoya, herumschlagen.
Manches deutet daraufhin, dass es viele heiße Anwärter auf den zweiten Platz gibt, was ja auch eine gewisse Spannung verspricht. Doch selbst wenn Schumis Scuderia momentan vor sich hindarben sollte (was man mindestens bis zum Rennen am Sonntag bezweifeln darf), bleibt die entscheidende Frage der Saison 2005 offen: Wer um Himmels Willen kann denn überhaupt Weltmeister werden anstelle des Weltmeisters?