Coulthard-Interview: "Eigener Kopf, nicht angepasst" - DER SPIEGEL
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Coulthard-Interview "Eigener Kopf, nicht angepasst"

Sportlich hat sich der Wechsel von McLaren-Mercedes zu Red Bull für David Coulthard nicht ausgezahlt. Der Schotte fährt weiter hinterher. Dafür gewann der Routinier etwas, das rar ist in der reglementierten Formel 1 - persönliche Freiheit, wie Coulthard SPIEGEL ONLINE verriet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Coulthard, seit Ihrem Wechsel von McLaren-Mercedes zu Red Bull tragen Sie einen Dreitage-Bart. Ständige Begleiter des Grand-Prix-Zirkus haben beobachtet, dass Sie deutlich entspannter durchs Fahrerlager marschieren. Fühlen Sie sich von der Last befreit, bei einem Werksteam mit höchsten Ansprüchen arbeiten zu müssen?

Coulthard: Ich habe mich nie gefesselt gefühlt bei McLaren-Mercedes. Es gab vielmehr einen Respekt vor der Marke, einer Luxusmarke. Deshalb war es selbstverständlich, sich in einer angemessenen Art und Weise zu benehmen und zu handeln. Red Bull ist ein Softdrink-Hersteller. Red Bull will andere Werte als McLaren-Mercedes vermitteln: frei sein, seinen eigenen Kopf haben, nicht angepasst sein, eine eigene Meinung vertreten. Dietrich Mateschitz, der Chef von Red Bull, hat mir das alles erklärt und mich ermutigt, mich so zu geben, wie ich nun einmal bin. Er hat mir versichert, ich könne alles sagen, was ich will, solange ich nicht behaupte, dass Red Bull ein entsetzliches Getränk sei.

SPIEGEL ONLINE: Normalerweise haben Formel-1-Fahrer keine eigene Meinung zu haben. Die Verhaltensregeln sind sehr strikt. Nun lesen wir in einer offiziellen Red-Bull-Pressemitteilung nach dem Grand Prix in Frankreich das Wort "Bugger". Es heißt so viel wie "Scheißkerl" oder "Scheißding". Hätten Sie bei McLaren dieses Wort öffentlich benutzen dürfen?

Coulthard: Sicher nicht. Das wäre nicht erlaubt gewesen. Aber die Welt entwickelt sich nun mal weiter. Es gibt Bereiche im Leben, da werden die Sachen etwas lockerer gesehen, weniger formell - und dennoch effizient. Bei Red Bull ist die Kultur etwas anders. Das fängt schon bei unserer Kleidung an.

SPIEGEL ONLINE: War der Wechsel für Sie so etwas wie ein Kulturschock der positiven Art?

Coulthard: Nein, so hoch würde ich das nicht hängen. Sehen Sie, es gibt nach wie vor zwei Elemente in meinem Leben. Das Privatleben, das sich im Prinzip nicht verändert hat. Und das Berufsleben, in dem die Dinge jetzt etwas entspannter ablaufen. Der Grund ist einfach: Wir repräsentieren keinen Auto-Hersteller und keinen großen fremden Sponsor. Wir repräsentieren nur uns selbst, das Red-Bull-Image.

SPIEGEL ONLINE: Manche Journalisten argwöhnen, Sie spielen nach den neun Jahren bei McLaren jetzt nur eine andere Rolle: Statt des braven, wohlerzogenen Jungen würden Sie nun den wilden Typ geben.

Coulthard: Ich glaube nicht, dass ich wild bin. Ich lebe mein Leben und genieße es. Ich fahre Rennen und genieße es. Ich muss es nicht tun, sondern ich will es tun. Und ich bin dankbar, dass ich bei Red Bull die Chance bekommen habe, mich zu beweisen. Und nach den zuletzt enttäuschenden Resultaten bei McLaren-Mercedes bin ich froh, dass ich mit meiner Erfahrung umgekehrt auch etwas für Red Bull tun kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit über einem Jahrzehnt im Grand-Prix-Zirkus, zählen also zu den langgedienten Fahrern. Was hat sich seit Ihrem Debüt 1994 verändert?

Coulthard: Die Arbeit des Fahrers ist in jeder Hinsicht intensiver geworden - das Testen, die Autoentwicklung, die Sponsorenarbeit, die Medienarbeit. Aber gleichsam sind auch die Gehälter der Fahrer gestiegen, so dass man nicht klagen sollte. Die Formel 1 hat sich in eine positive Richtung entwickelt, durch das verstärkte Interesse der Öffentlichkeit, durch die umfänglichere Vermarktung. Ich bin am vorigen Freitag in Istanbul mit meinem Rennwagen über jene Brücke gefahren, die Europa und Asien verbindet, um für den Türkei-Grand-Prix im August und für Red Bull zu werben. Das ist schon ein sehr strategisches Vorgehen, wie man das Image der Formel 1 nutzt, um öffentliche Beachtung zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Alte Weggefährten beklagen, der Spaß käme heutzutage zu kurz.

Coulthard: Ich habe noch Spaß, aber es ist zweifelsohne ruhiger geworden im Fahrerlager. Früher hat man mit derselben Einlasskarte 15 Freunde ins Paddock reingeschmuggelt. Das ist nicht mehr möglich. Das Fahrerlager ist jetzt mehr eine Arbeitsstätte geworden, wie ein offenes Büro. In einem Büro können auch keine Kinder rumturnen, weil es die Effizienz des Arbeitens stört. Was wir aber bei aller Professionalität nicht vergessen dürfen ist, dass wir Rennen fahren für das Publikum - am Ende bezahlt uns der Zuschauer. Wir müssen also eine Balance finden zwischen dem Professionalismus des Geschäfts und dem eigentlichen Rennsport.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Formel-1-Pilot von heute mehr Druck als die Generation der Prost, Mansell oder Piquet?

Coulthard: Ich glaube nicht, wir tragen vielleicht mehr Verantwortung für andere, etwa für die verschiedenen Geldgeber. Aber Druck ist das nicht. Druck bildet sich, wenn man die Kontrolle verliert. Wenn man eine Situation kontrolliert, fühlt man auch keinen Druck. Ich vergleiche das mit einem Kampfjetpiloten - der steht für Laien unter einem wahnsinnigen Druck, aber er kontrolliert die Situation, denn er ist für sie ausgebildet und trainiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Formel 1 war bis in die achtziger Jahre ein lebensgefährlicher Job. Brauchte man damals als Fahrer einen speziellen Charakter?

Coulthard: Vom heutigen Standpunkt aus würde man sagen, ja. Die Realität ist aber - sie haben damals etwas getan, das den höchsten Stand der Technologie repräsentierte. Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, kann man sich kaum vorstellen, dass wir mal ohne Handy oder Internet gelebt haben. Es ist also alles relativ, und so ist es auch mit der Gefahr in der Formel 1. Die Fahrer haben damals gewusst, dass sie umkommen können, aber sie haben es als Teil des Alltags gesehen. Jeden Tag sterben irgendwo Menschen. Heute ist das Risiko viel kleiner, aber es ist immer noch da. Und irgendwann wird es wieder passieren. Die Gefahr ist Teil unseres Sports. Wir sollten also weiter daran arbeiten, die Autos noch sicherer zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich in ein Auto der achtziger Jahre setzen?

Coulthard: Ich würde es tun, aber ich würde nicht mit 100 Prozent fahren. Das wäre mir unmöglich, dazu hätte ich zuviele Informationen in meinem Kopf über die Risiken. Wer wissen will, warum die Fahrer damals das Risiko eingegangen sind, muss die Frage anders stellen: Warum würde ein Nelson Piquet sich heute in ein aktuelles Rennauto setzen? Antwort: Nicht weil das Auto heute sicher ist, sondern weil es die Spitze der heutigen Rennwagen-Technologie bedeutet. Das ist der Reiz.

SPIEGEL ONLINE: Sie engagieren sich als Direktor der Piloten-Vereinigung GPDA für die Verbesserung der Sicherheit. Normalerweise schaut jeder Fahrer nur auf seinen persönlichen Vorteil. Was treibt Sie an, sich diesem zuweilen mühsamen und unerfreulichen Job zu widmen?

Coulthard: Wenn ich als GPDA-Direktor Verantwortung übernehme, wenn ich mich um höhere Sicherheitsstandards kümmere, dann tue ich das nicht nur für alle anderen Fahrer, sondern auch für mich. Denn ich sitze ja ebenso im Rennwagen - und profitiere von jeder Verbesserung, die wir bei der GPDA durchsetzen.

Die Fragen stellte Alfred Weinzierl