Vettel in Budapest: Erst gefrustet, dann gefeiert
F-1-Champion Vettel Sieglos zur Titelverteidigung
Er hatte allen Grund zur Freude - doch Sebastian Vettel war unzufrieden. Dass er nach dem Großen Preis von Ungarn, dem elften von 19 Saisonrennen, mit 85 Punkten Vorsprung in die vierwöchige Sommerpause geht, war dem Formel-1-Weltmeister noch gar nicht bewusst. Auch nicht, dass er drei der acht ausstehenden Rennen komplett aussetzen könnte und in der WM-Wertung noch immer vorne wäre.
Das alles interessierte Vettel direkt nach dem Rennen, dem dritten sieglosen in Folge, nicht. Er war mit dem zweiten Platz auf dem Hungaroring nicht zufrieden. "Ich will gewinnen und nicht Zweiter werden", sagte er: "Der Sieg war in Reichweite, aber ich habe es nicht ganz gepackt. Alles in allem war es ein gutes Ergebnis. Ich bin zufrieden, was die Punktesituation angeht. Aber trotzdem nagt es, wenn man das Gefühl hat, dass man hätte gewinnen können."
Nicht nur die eigene Situation, auch die Konkurrenten machen Vettel zu schaffen. "Ferrari und besonders McLaren haben aufgeholt", so seine Beobachtung. Deshalb fordert er jetzt von seinem Team: "Wir müssen nachlegen, haben momentan nicht das beste Auto. Die McLaren sind sehr stark und zwar unter allen Bedingungen. Sie haben in den letzten Rennen einen Schritt nach vorne gemacht, und wir müssen zurückkommen."
Vettel hat bereits Ideen, wo Red Bull jetzt anzusetzen hat, wo beim bislang stärksten Auto der diesjährigen Formel-1-Saison noch Verbesserungspotential liegt. "Wenn ich mich hier so umsehe, kommen mir einige Sachen sehr bekannt vor, die ich bei anderen Autos sehe", so Vettel in Anspielung auf die Boliden der Konkurrenz.
Großer Preis von Ungarn: Heidfeld flüchtet bei Buttons Sieg
Was Vettel schmunzeln lässt: Force India und besonders Ferrari haben seinen Red Bull mehr oder weniger kopiert. Beide haben ihr Heck angehoben, um mehr Abtrieb zu gewinnen. Fast Zwei Jahre haben diese Teams gebraucht, um das Red-Bull-Geheimnis zu lüften. "So lange sieht man schon, dass der Red Bull von hinten nach vorne leicht abfällt", sagt ein Offizieller des Automobil-Weltverbands Fia. Der Red Bull fällt sogar so extrem nach vorne ab, dass die Fia die Messplattform jedes Mal neu ausrichten muss, wenn der Bolide auf die Anlage gerollt wird. Jetzt kann die "Formel-1-Polizei" ihre spezielle Red-Bull-Plattform auch bei Ferrari und Force India benutzen.
Die Philosophie von Red-Bull-Designer Adrian Newey, die nun Nachahmer fand: Durch das Abfallen wird der Abstand zwischen Frontflügel und Straße automatisch geringer. Insgesamt wird viel mehr Abtrieb erzielt, das Auto kann dadurch höhere Kurvengeschwindigkeiten fahren.
Red Bull hat noch das Diffusor-Ass im Ärmel
Ferrari brauchte bis zum Rennen in Silverstone, um das Red-Bull-System zum Funktionieren zu bringen. Frontflügel, Unterboden, Auspuff, Heckflügel und Motorabdeckung mussten erst angepasst werden. "Eine Kopie ist nie so gut wie das Original", sagt Mercedes-Teamchef Ross Brawn: "Weil das Original immer einen Schritt schneller ist als die Kopie."
Deshalb arbeitet Red Bull jetzt noch einmal auf seinem Spezialgebiet nach. "McLaren hat den größten Sprung im Bereich des angeblasenen Diffusors gemacht", vermutet Red-Bull-Teamchef Christian Horner: "Dort haben wir aber auch noch Potential nach oben." Soll heißen: Schon beim ersten Rennen nach der Sommerpause am 28. August im belgischen Spa (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) kommt Red Bull mit einem überarbeiteten Unterboden und neuem Diffusor-Design, das Vettel pro Runde drei Zehntelsekunden schneller machen soll. Beim Freien Training in Spa wird das neue System getestet.
Parallel dazu steht in der Red-Bull-Fabrik in England die Simulator-Crew bereit, um mit Nachwuchspilot Jean-Eric Vergne das Qualifying einen Tag vorher mit alternativen Fahrzeugeinstellungen quasi vorzufahren. In Ungarn brachte dieser Aufwand schon eine klare Verbesserung. Die Tests in England lieferten in der Nacht zu Freitag Daten, die Vettel am Samstag ins Auto einfließen ließ. Mit dem Ergebnis, dass er im Qualifying auf die Pole-Position fahren konnte.
"Wir haben über Nacht viel am Auto verändert. Die Mechaniker haben sehr hart gearbeitet und kaum geschlafen. Ich fühlte mich am Samstag viel wohler als am Tag zuvor", sagte Vettel, dessen großer Vorsprung in der WM nicht nur dem starken Auto zu verdanken ist. Er macht von allen Top-Piloten die wenigsten Fehler. Lewis Hamilton etwa vergab in Budapest den Sieg, weil er sich mit seinem McLaren drehte, anschließend zu wild wieder anfuhr und eine Durchfahrtsstrafe kassierte. Die anderen Verfolger Mark Webber (Red Bull), Fernando Alonso (Ferrari) und Jenson Button (McLaren) können mit ähnlichen Missgeschicken aufwarten.
TV-Experte Nico Hülkenberg, nebenbei auch Ersatzfahrer bei Force India, bringt es auf den Punkt: "Auch wenn Sebastian nur Zweiter geworden ist, war es ein super Rennen von ihm. Er hat seine Führung im Gesamtklassement ausgebaut. Die, die ihm die Punkte wegnehmen müssten, haben es in Ungarn nicht getan. So wird man Weltmeister."