F1-Pilot Vettel Der verhinderte Dominator
Formel-1-Pilot Vettel (in Melbourne): "Wir hatten einen Bremsschaden"
Foto: Jens Büttner/ dpaHamburg - Sebastian Vettel hat ein Problem: die Zuverlässigkeit seines Red-Bull-Boliden. Deshalb stand der junge Mann mit zerzausten Haaren bereits in der Boxengasse von Melbourne und musste eine Reihe von Interviews geben, als der Große Preis von Australien noch lange nicht beendet war. Vettel, 22, versuchte zwar die Fassung zu wahren, seinen Frust konnte er aber nicht verbergen. "Sehr ärgerlich. Man kann allerdings nichts daran ändern. Aber es ist schon Scheiße. Das geht mir auf die Eier."
Vettels Ärger ist ebenso verständlich wie seine deutliche Wortwahl. Er hatte schließlich das Wochenende dominiert, war im Qualifying trotz eines Fehlers auf die Pole-Position gefahren. Im Rennen verteidigte er Platz eins am Start souverän und zog - zunächst bei leichtem Regen, dann bei abtrocknender Piste - davon. Dass Vettel mit solch schwierigen Witterungsbedingungen glänzend zurechtkommt, hatte er schon 2008 in Monza bewiesen, bei seinem ersten Formel-1-Sieg im Toro Rosso.
Und auch in Melbourne sah alles nach einem Erfolg aus - bis Vettel in der 26. von 58 Runden plötzlich im Kiesbett steckte. "Wir hatten einen Bremsschaden. Das hat sich eine Runde vorher angekündigt. Ich wollte noch an die Box fahren, um das nachschauen zu lassen, aber bis dahin bin ich gar nicht mehr gekommen", sagte er sichtlich enttäuscht über das Aus. "Es gab einen Funkenschlag auf der linken Seite. Danach hatte ich Vibrationen im Lenkrad. Ich habe Kurve 13 vorsichtig angebremst, aber dann ist links vorne die Bremsscheibe wohl explodiert."
Schnellstes Auto, wenig Punkte
Chefkonstrukteur Adrian Newey hat Vettel mit dem RB6 das schnellste Auto des Feldes gebaut, wie McLaren-Pilot Lewis Hamilton anerkennend zugab. Profitieren konnte sein Fahrer davon bislang allerdings kaum. Bereits beim Saisonauftakt in Bahrain brachte ihn ein technisches Problem um den Sieg. Eine defekte Zündkerze kostete viel Zeit und warf ihn auf Platz vier zurück.
So reist Vettel statt als zweifacher Sieger und der maximalen Ausbeute von 50 Punkten lediglich mit zwölf Zählern aus Melbourne ab. 25 weniger als Ferrari-Pilot Fernando Alonso, der die Gesamtwertung anführt. "Um als Erster ins Ziel zu kommen, muss man überhaupt erst mal ins Ziel kommen", sagte Vettel und forderte: "Wir müssen die Zuverlässigkeit in den Griff bekommen." Zumal es in Melbourne Spekulationen gab, dass seine Boxencrew das Problem durch ein beim Reifenwechsel nicht richtig befestigtes Rad selbst verursacht haben könnte.
Grand Prix von Melbourne: Turbulenter Start, Vettel im Pech
Vettel hatte sich vor der Saison hohe Ziele gesetzt. "Ich will mich um einen Platz verbessern", kündigte der WM-Zweite von 2009 selbstbewusst an. Die Saison ist zwar noch jung, doch sein anfälliger Dienstwagen dürfte Vettel erhebliche Sorgen bereiten. Zumal es erschreckende Parallelen zum vergangenen Jahr gibt, als technische Probleme fast schon fahrlässig um seine WM-Chance brachten. Der Red-Bull-Pilot kam fünfmal nicht ins Ziel, Weltmeister Jenson Button fuhr lediglich einmal nicht in die Punkte.
Zudem demonstrierte der Engländer zu Beginn der vergangenen Saison, wie man die Vorteile eines überlegenen Autos perfekt ausnutzt. Er gewann im Brawn GP fünf der ersten sieben Rennen und fuhr dabei 32 Punkte Vorsprung auf Vettel heraus. Der war zum Saisonende zwar klar der stärkste Formel-1-Fahrer, konnte den Rückstand aber lediglich noch auf elf Punkte verkürzen.
"Das Leben geht weiter"
Nun droht Vettel ein ähnliches Dilemma: Eigentlich dominiert er, zeigt in Training und Rennen tadellose Leistungen, hat seinen Teamkollegen Mark Webber im Griff und ist für Formel-1-Boss Bernie Ecclestone der kommende Weltmeister; doch in der WM-Wertung liegt er nur auf Platz sieben. "Darauf kann man nicht stolz sein, aber das Leben geht weiter", sagte Vettel, der aber immerhin noch einen Rang vor Rückkehrer (neun Punkte) platziert ist. Der Rekordweltmeister musste sich nach einer Kollision in der ersten Kurve einen neuen Frontflügel besorgen und fiel ans Ende des Feldes zurück. Letztlich fuhr der 41-Jährige noch auf Platz zehn und erkämpfte sich so einen WM-Punkt. Seine Rennanalyse: "Wir haben einen Fortschritt gemacht mit unserem Auto, aber zum Überholen hat es nicht gereicht."
Von Vettels Pech profitierte in Melbourne insbesondere . Der Titelverteidiger war dank einer kühnen Entscheidung seines Teams McLaren - Button wechselte zwei Runden früher als alle anderen auf Trockenreifen - bereits auf Platz zwei vorgefahren, als Vettel im Kiesbett landete. "Es ist ein ganz besonderes Gefühl", beschrieb der Brite seinen ersten Erfolg nach dem Wechsel zu McLaren.
Die Pause bis zum nächsten Grand Prix ist kurz. Am Ostersonntag (10 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) steht das Rennen in Malaysia auf dem Programm. Für Sebastian Vettel ist das zugleich eine positive und eine negative Nachricht. Der Red Bull wird auch dort das schnellste Fahrzeug sein, weil die Konkurrenz keine großen Veränderungen an ihren Autos vornehmen kann. Allerdings bleibt dem Team auch kaum Zeit, um an der Zuverlässigkeit seines Boliden zu arbeiten.
Bevor Vettel von der Rennstrecke in Australien verschwand, wiederholte er in einigen Interviews seine Forderung: "Wir müssen es ins Ziel schaffen."