F1-Saisonrückblick: Ein Quantum Prost - DER SPIEGEL
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F1-Saisonrückblick Ein Quantum Prost

Fragwürdige Disqualifikationen, ein Sexskandal und undurchschaubare Feindschaften: Das Formel-1-Jahr war eine einzige Seifenoper - ausgerechnet das Finale allerdings blieb verregnet-enttäuschend. SPIEGEL ONLINE zeigt die kuriosesten und interessantesten Szenen im Rückblick.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Regen.

Okay, es hätte spektakulärer aussehen können. Ein explodierender Motor im Ferrari von Felipe Massa, ein Feuerschweif auf der letzten Runde – das wäre durchaus angemessen gewesen, um Lewis Hamilton zum Weltmeister zu krönen. Oder die Erde hätte sich für einen Augenblick auftun und einen Rennwagen verschlucken können, damit Hamilton auf den nötigen fünften Platz emporsteigt. Warum denn nicht? Ein bisschen pyrotechnisches Gedöns, laut und grell, passt doch prima zur Formel 1.

Statt dessen: Regen. Normaler, feuchter Niederschlag auf den letzten Runden hat die Weltmeisterschaft entschieden. Das muss man erst einmal... glauben.

Die Formel 1 ist eine Theaterbühne. Um eine simple Story – wer ist der Schnellste auf der Welt? – ranken sich diverse Nebenhandlungen, ohne die alles nur halb so aufregend wäre. Es tauchen Spione auf, die Rennställe beklauen und die heiße Ware an den größten Konkurrenten verhökern. McLaren-Mercedes wird dazu verurteilt, die willkürliche Summe von 100 Millionen Dollar zu zahlen, weil es geheime Dateien gesichtet hat, während Renault für das gleiche Vergehen nicht einmal angeklagt wird.

Ein paar Monate später wird der Präsident des Automobil-Weltverbandes, der für das harsche Urteil zuständig war, heimlich dabei gefilmt, wie er sich in einem Londoner Keller mit einigen Frauen vergnügt. In der Folgezeit muss der bereits bestrafte Rennstall mit weiteren Zurückstufungen und Disqualifikationen seitens des Weltverbandes klarkommen.

Irgendwie sind alle miteinander verfeindet oder verbandelt, aber niemand durchschaut, wer genau was mit wem ist. Das ist das Grundmuster jeder Seifenoper.

18 Rennen dauerte die Saison, und am Ende entscheidet alles ein Regenschauer? Das ist zwar dramaturgisch kaum zu überbieten, in Wahrheit allerdings ernüchternd. Es ist nicht anders, als würde der böse Gegenspieler von James Bond zum Schluss, nach Verfolgungsjagd und Kugelhagel, auf einer Bananenschale ausrutschen. Kann ja passieren, aber soll's das wirklich gewesen sein?

Ein Spitzenteam betraut tausend Mitarbeiter mit der Aufgabe, alle zwei Wochen zwei Rennwagen auf eine Asphaltpiste zu schicken. In Computern mit Rechenkapazitäten für Weltraumflüge wird vorher die Realität simuliert. In Singapur fand dieses Jahr das erste Nachtrennen statt, die Formel 1 hat es mittlerweile sogar geschafft, sich vom Tageslicht unabhängig zu machen. Vom Wetter offenbar nicht. Die Saison ist so banal zu Ende gegangen, dass ihre skandalgepeitschte Vorgeschichte wie ein fernes Donnergrollen wirkt. Zuletzt sitzen zwei Männer in zwei Autos, es regnet, der eine profitiert davon, der andere nicht. Die Formel 1 ist eine Fernsehsportart geworden, und im Fernsehen laufen die Nachrichtensendungen so ab: Erst kommen Politik, Aufreger und Skandale, dann wird es langsam ruhiger. Bis die Sendung mit dem Sport ausklingt.

Gefolgt vom Wetter.

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