Formel 1 Autokonzerne drohen mit Boykott
Stuttgart - Nach den umstrittenen Regeländerungen des Automobil-Weltverbandes (Fia) ist ein Boykott der führenden Hersteller beim ersten Saisonrennen am 9. März in Melbourne nicht auszuschließen, da die Neuerungen in der Kürze der Zeit nicht realisierbar seien.
Die radikalen "Abrüstungsvorschläge" von Fia-Präsident Max Mosley sorgen weder für mehr Spannung noch helfen sie, die enormen Kosten zu senken, so die Meinung der fünf in der Hersteller-Vereinigung "Grand Prix World Championship" (GPWC) zusammengeschlossenen Autobauer BMW, DaimlerChrysler (Mercedes), Ferrari, Jaguar (Ford) und Renault.
Hersteller zeigen sich "bestürzt"
Kurzfristige Änderungen würden sogar Kosten verursachen, hieß es in einer GPWC-Erklärung am Freitagabend. "Deshalb ist die GPWC bestürzt, dass die Maßnahmen zur Kostenreduzierung, die die Teams im letzten Dezember vorgeschlagen hatten, von der Fia zum Teil nicht beachtet wurden", erklärten die Konzernvertreter, die sich am Donnerstag in Berlin getroffen hatten.
Laut GPWC stimmen der Inhalt und die Form, wie die am Mittwoch beschlossenen Regeländerungen umgesetzt werden sollen, nicht "mit den vertraglichen Rahmenbedingungen der Formel 1" überein. Dennoch sei man bereit, die Angelegenheit im Sinne des Sports zu lösen. Deshalb werde die GPWC die ihr verbundenen Teams auffordern, "geeignete Mechanismen" zu analysieren, um dafür zu sorgen, dass die Veränderungen der Formel 1, den Teams und den Fahrern in Zukunft keine Probleme bringen.
Skeptischer Haug
"Der Schuss könnte nach hinten losgehen, diese Regeln schaden unserem Sport", hegte auch Mercedes-Sportchef Norbert Haug Skepsis. Sollte kein Kompromiss gefunden werden, ist ein Startverzicht in Australien durchaus denkbar. Haug: "Wenn die Teams nicht in der Lage sind, diese Regeländerungen umzusetzen, gibt es bis Melbourne ein größeres Problem." Falls sich die fünf GPWC-Hersteller einig sind, müssten etwa 75 Prozent der geplanten Änderungen wieder rückgängig gemacht werden.
Mosley will sich jedoch nicht unter Druck setzen lassen. "Wenn einem Hersteller die Änderungen nicht gefallen, ist das okay. Und wenn ein großer Hersteller aus diesem Grund einen Rückzug aus der Formel 1 anstrebt, ist es auch okay. Wir gewinnen durch die Regeländerungen mehr, als wir durch einen Rückzug der Hersteller verlieren würden", sagte der Engländer der Zeitung "The Guardian".
"Nicht auf einen Schlag"
Angesichts der augenblicklichen Streitereien in der Formel 1 werden aus alten Rivalen neue Verbündete, denn Ferrari-Teamchef Jean Todt reagierte ebenso wie Haug mit Unverständnis. "Sicher ist es notwendig, die Kosten zu senken, aber die geplanten Änderungen müssen Schritt für Schritt umgesetzt werden und nicht auf einen Schlag. Eine Umsetzung in nur zwei Monaten bis zum Start in Melbourne ist völlig unrealistisch", sagte der Franzose.
Die großen Autobauer fühlen ihre Interessen von der Fia schon lange nicht mehr ausreichend vertreten. Um ihrer Forderung nach mehr Transparenz, mehr Mitsprache und vor allen Dingen mehr Geld Nachdruck zu verleihen, drohten die Hersteller bereits mehrfach mit einer eigenen Rennserie. Diese könnte schneller als erwartet Wirklichkeit werden, da die jüngsten Regeländerungen nicht in Einklang mit den Statuten des Concorde-Agreements stehen, so die Argumentation. Dieses Abkommen gilt als Grundgesetz der Formel 1, an das sich Teams und Weltverband bis Ende 2007 zu halten haben.
"Glatter Vertragsbruch"
Für Mosley ist die Gründung einer eigenen Rennserie allerdings unvorstellbar. "Die Rennteams würden nur aus der aktuellen Formel 1 aussteigen und sich einer Konkurrenzserie anschließen, wenn sie die Gewissheit hätten, dort mehr Geld zu verdienen. Ihre Vorstände und Aufsichtsräte würden derartigen Risiken niemals zustimmen", sagte der Brite in der "Wirtschaftswoche". Ein Ausstieg vor Ende des Concorde-Agreements wäre laut Mosley zudem ein "glatter Vertragsbruch".
Nach der eintönigen Saison 2002, für die Michael Schumacher mit seinem fünften WM-Titel und einer beispiellosen Siegesserie für Ferrari verantwortlich war, wollte Fia-Chef Mosley am grünen Tisch für Spannung sorgen. Von sinkenden TV-Quoten, dem Abspringen potenter Sponsoren und vor dem Ruin stehenden Teams
unter Druck gesetzt, verblüffte der Engländer jetzt mit einem Schnellschuss, der in dieser Form mit den Hauptdarstellern in keinster Weise abgestimmt wurde.
Zweifel der Autohersteller
Laut Mosleys Planspielen sollen schon beim Großen Preis von Australien alle Rennautos ohne elektronische Hilfsmittel wie Traktionskontrolle, Startautomatik und automatisches Getriebe fahren. Es soll keinen Funkverkehr mehr geben, zwischen Qualifying und Rennen dürfen die Teams nicht mehr an den Autos arbeiten. Die Hersteller bezweifeln allerdings, dass die neuen Regeln ihren Zweck erfüllen. "Noch nie in der Geschichte des Sports hat eine Regeländerung Langsamere schneller gemacht", beschwerte sich Haug.
Nach Einschätzung des Mercedes-Sportchefs wäre mit den neuen Regeln der Abstand von Ferrari noch größer gewesen. Und zum Thema Kosten urteilt Haug: "Spontan erkennen wir bei diesen Vorschlägen keine Ersparnis." Die Stuttgarter hatten wenige Tage zuvor einen eigenen Vorstoß zur Kostensenkung unternommen und angekündigt, ihre Motoren für eine vergleichsweise niedrige Leasinggebühr von zehn Millionen Euro pro Jahr anderen Rennställen zur Verfügung stellen zu wollen.