Formel 1: Die Gunst der Verfolger - DER SPIEGEL
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Formel 1 Die Gunst der Verfolger

Drei Kandidaten für einen Titel: Vor dem Großen Preis von China führt Lewis Hamilton die WM-Wertung an. Doch es fällt nicht leicht, Argumente für einen Triumph des Briten zu finden. Robert Kubica und vor allen Dingen Felipe Massa scheinen stärker.
Von Frieder Schilling
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Schöne an der laufenden Formel-1-Saison ist ihre Unberechenbarkeit. Das ärgert zwar die auf Konstanz ausgerichteten Teams, freut aber die Zuschauer. Beigetragen haben dazu außergewöhnlich viele Regenrennen, überraschend viele Strafen - vor und nach den Rennen - und in dieser Häufigkeit selten gesehene Fahrfehler der Inhaber der Superlizenz, genannt Piloten. Zwei Rennen noch bis zum Saisonende, drei Fahrer hoffen noch auf die Krönung. Was spricht für wen? Was gegen wen? Der Versuch einer Prognose.

WM-Führender Hamilton: Druck, Druck, Druck

WM-Führender Hamilton: Druck, Druck, Druck

Foto: DPA

Das Hauptargument für einen Weltmeister Lewis Hamilton sind die fünf Punkte Vorsprung, die er mit zum Großen Preis von China bringt (Sonntag 9 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). 84 Punkte hat der McLaren-Mercedes-Pilot in der Fahrerwertung über die bisher absolvierten 16 Rennen gesammelt. Verfolger Nummer eins, Ferrari-Fahrer Felipe Massa, kommt auf 79, ihm folgt BWM-Pilot Robert Kubica mit 72. Mehr eindeutige Punkte zu finden, die für eine Thronbesteigung des Briten sprechen, fällt jedoch schwer.

Fraglich ist die Stabilität der Psyche Hamiltons. Die abschließenden zwei Rennen der vergangenen Saison wird er nicht vergessen haben. 17 Punkte lag er vor dem Finnen Kimi Räikkönen. In China endete er dann mit vollständig abgefahrenen Reifen im Kiesbett der Boxeneinfahrt, in Brasilien stoppte ihn ein technischer Defekt - der sicher geglaubte Titel war weg. Eine Tatsache, die den Druck auf den 23-Jährigen noch weiter erhöhen wird.

Und der Druck scheint ihn zu belasten. Bei der Auftaktpressekonferenz am Donnerstag in Shanghai fühlte Hamilton sich sichtbar unwohl, gab fast ausschließlich kurze Antworten, wirkte schüchtern und nervös. Während er im Laufe der Saison noch fehlerfreie Fahrten bei schwierigsten Bedingungen wie in Monte Carlo oder Silverstone bot, riskierte er in Japan sein Rennen bereits in der ersten Kurve. Der dreimalige Weltmeister Sir Jackie Stewart sagte anschließend: "Das Rennen in Japan hat gezeigt, dass Lewis noch sehr jung und auf der Rennstrecke nicht immer genauso cool ist, wie er sich in Interviews gibt." Wenn er so weitermache, werde er nicht Weltmeister, prophezeite Stewart.

Drei der fünf deutschen Piloten setzen trotzdem auf Hamilton. Sowohl Adrian Sutil (Force India) als auch Nico Rosberg (Williams) tippen auf den Briten als Weltmeister. Nick Heidfeld sagt: "Ich glaube, dass Lewis Weltmeister wird, würde es aber Massa wünschen, weil ich ihn mehr mag." Keiner der drei aber wird auf der Strecke in den Titelkampf eingreifen wollen, was man vom letztjährigen Teamkollegen Hamiltons nicht behaupten kann. "Ja, kein Zweifel", sagte Renault-Pilot Fernando Alonso, Überraschungssieger der zurückliegenden zwei Wettfahrten in Singapur und Japan, "wenn ich helfen kann, werde ich Massa helfen".

Hilfe braucht der Brasilianer, denn aus eigener Kraft ist der Titel für ihn nicht zu gewinnen. Aber doch spricht einiges für ihn. Oft schon hat der Sport bewiesen, dass es in der entscheidenden Phase leichter ist, der Verfolger zu sein. Zudem bringt Massa wesentlich mehr Rennerfahrung mit, absolvierte bereits 104 Grand Prix - Hamilton hat gerade mal 34 gestartet. Massa lernte an der Seite von Rekord-Weltmeister Michael Schumacher, 2003 als Testfahrer, 2006 als Nummer zwei im Team.

Sollten seine Titelchancen in Brasilien noch vorhanden sein, motiviert Massa das Heimrennen sicherlich zusätzlich. Die Chance, der erste brasilianische Formel-1-Weltmeister seit der Legende Ayrton Senna zu werden, dürfte ihn beflügeln. Genauso gut könnte es ihn allerdings hemmen. Für ihn spricht zudem die Siegstatistik. Fünfmal sah er 2008 die Zielflagge als erster, Hamilton nur viermal. Sollten die zwei Kontrahenten am Ende punktgleich die Motoren abstellen, hieße der Champion somit Massa.

Doch auch den Polen Kubica sollte man nicht abschreiben. Er kann in Shanghai und Sao Paulo am meisten der drei Kandidaten riskieren - und hat am wenigsten zu verlieren. Der BWM-Pilot ist schon jetzt eine starke Saison gefahren, keiner in seinem Team wird ihm irgendetwas vorwerfen.

F1-Rennkalender 2009

Melbourne/Australien 29. März
Kuala Lumpur/Malaysia 05. April
Schanghai/China 19. April
Manama/Bahrain 26. April
Barcelona/Spanien 10. Mai
Monte Carlo/Monaco 24. Mai
Istanbul/Türkei 07. Juni
Silverstone/England 21. Juni
Nürburgring/Deutschland 12. Juli
Budapest/Ungarn 26. Juli
Valencia/Europa 23. August
Spa/Belgien 30. August
Monza/Italien 13. September
Singapur/Singapur 27. September
Fuji/Japan 11. Oktober
São Paulo/Brasilien 18. Oktober
Abu Dhabi/V.A.E. 01. November

Für Kubica spricht sein Auto. Wenn es auch nicht ganz mit der Speed der Scuderia und der Silberpfeile mithalten kann, so ist es doch das wohl zuverlässigste im Feld. Kubicas Teamkollege Heidfeld ist in der laufenden Saison noch ohne Ausfall. Der Pole selbst ist in Australien von Williams-Fahrer Kazuki Nakajima aus dem Rennen befördert worden, als der Japaner bei der Rennfreigabe nach einer Safety-Car-Phase zu ungeduldig aufs Gaspedal trat. In Silverstone verlor er bei heftigem Regen die Kontrolle über seinen Boliden und blieb im Gras stecken. Einen technischen Defekt im Rennen jedoch sucht man bei BMW vergeblich.

Die Silberpfeile dagegen haben ihre Insassen 2008 schon dreimal enttäuscht. In Spanien brach eine Felge an Heikki Kovalainens linkem Vorderrad, was einen heftigen Einschlag in die Reifenstapel zur Folge hatte. In Ungarn erlitt Hamilton einen Reifenschaden, wurde trotzdem Fünfter. Und am vergangenen Wochenende in Japan musste Kovalainen den ersten Motorschaden eines McLaren-Mercedes seit zwei Jahren hinnehmen. Auch kein schöner Zeitpunkt für das fragile Nervenkostüm von Titelanwärter Hamilton.

Am anfälligsten aus der Riege der drei Top-Teams zeigten sich die Ferraris. Zwei Motorschäden (Räikkönen in Valencia, Massa in Ungarn), Räikkönens gebrochener Auspuff in Frankreich, technischer Deffekt bei Massa in Australien.

Was auch immer auf dem chinesischen Asphalt passieren wird, wer auch immer am Sonntag die Kohlefasernase vorne hat - Unterhaltung scheint garantiert. Eine Formel-1-Saison, die gefällt. Mit noch unbekanntem Ende.

Mit Material von sid und dpa