Formel-1-Einstieg: Angriff der rasenden Russen - DER SPIEGEL
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Putins Pläne: Russen fahren auf die Formel 1 ab

Foto: RIA NOVOSTI/ REUTERS

Formel-1-Einstieg Angriff der rasenden Russen

Jetzt ist der Deal perfekt: Der russische Sportwagen-Bauer Marussia steigt in die Formel 1 ein. Die Firma übernimmt mit dem Segen von Premier Putin Anteile am angeschlagenen Team Virgin Racing. Viel Ahnung vom Autorennsport haben die Investoren zwar nicht - dafür sind ihre Ambitionen umso größer.
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Wladimir Putin mag große Auftritte in der Presse. Und so sieht man den russischen Premierminister wahlweise mit nacktem Oberkörper angelnd oder stilecht im Business-Anzug. Am vergangenen Wochenende legte er den schicken Einreiher wieder ab. Putin schlüpfte stattdessen in einen Rennanzug, bestieg einen Formel-1-Boliden von Renault und drehte einige Runden auf einem Parcours bei St. Petersburg. Wieder ein großer Auftritt.

Der Ausflug auf die Rennstrecke war allerdings kein reines Privatvergnügen des 58-Jährigen. Die Aktion hatte vielmehr werbenden Charakter, denn Russland treibt seine Expansionspläne in der Formel 1 voran. Nachdem bereits bekannt geworden war, dass Sotschi Austragungsort der Königsklasse des Motorsports werden soll, folgt nun ein Rennstall.

Zum neuen Jahr steigt die russische Sportwagenmarke Marussia Motors in die Formel 1 ein. Der erst 2007 gegründete Moskauer Hersteller von Luxuskarossen beteiligt sich am Virgin-Rennstall, für den auch der Deutsche Timo Glock fährt. Die Motoren will das als "Marussia Virgin Racing" startende Team von der britischen Firma Cosworth beziehen, die bereits mit Virgin kooperiert. "Das sichert die Zukunft des Teams", sagte Virgin-Vorstand Graeme Lowdon.

In der kommenden Saison 2011 wollen die Russen an den Start gehen - und sie hegen große Pläne. "Wir kommen, um zu siegen", sagte Marussia-Investor Jefim Ostrowski SPIEGEL ONLINE. Details des in der Nacht zu Donnerstag in London besiegelten Deals wurden nicht bekannt. Die Russen teilten lediglich mit, man habe "mit erheblichen finanziellen Mitteln einen bedeutenden Anteil" an dem Rennstall übernommen.

Laut Firmenangaben stehen rein wirtschaftliche Motive hinter dem Entschluss. Tatsächlich aber dürfte Russlands politische Führung den Einstieg in die Königsklasse mit großem Wohlwollen verfolgen. Der mächtige Putin treibt seit geraumer Zeit Russlands Offensive persönlich voran, in die Königsklasse des Motorsports einzusteigen. Mitte Oktober empfing er dafür Formel-1-Boss Bernie Ecclestone in der Schwarzmeerstadt Sotschi. Dort will Moskau eine neue Rennstrecke für 140 Millionen Euro bauen. Die Formel 1 soll in Sotschi 2014 erstmals Station machen - gleich nach den Olympischen Winterspielen.

Formel-1-Boss Ecclestone bezeichnet Virgin-Team als "Krüppel" und "peinlich"

Der russische Premier und ehemalige Präsident habe "Russland wieder stark gemacht. In diesem Sinne ist Putin unser Bündnispartner", sagt Marussia-Mann Ostrowski, 42, ein Dandy russischer Prägung. Er trägt sein Haar halblang, dazu eine vergoldete Brille, das iPad immer in der Hand. Der Mann, der einst als Polit-Berater zu Reichtum kam, bezeichnet sich heute gern blumig als "Architekt für Lebensart".

Ecclestone hatte noch vor kurzem Teams wie Virgin Racing kritisiert, die in dieser Saison zum ersten Mal antraten und mit massiven technischen Problemen zu kämpfen hatten. Der Rennstall des britischen Milliardärs Richard Branson brauchte in der laufenden Saison 2010 allein drei Rennen, um überhaupt einmal ins Ziel zu kommen. "Sie tun nichts für uns, sondern sind einfach nur peinlich", wetterte Ecclestone. "Wir müssen einige dieser Krüppel loswerden."

Vor dem Formel-1-Saisonfinale am Sonntag in Abu Dhabi (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist das Virgin-Team nach bislang 18 Rennen noch ohne jeden Punkt in der WM-Wertung, ebenso wie Hispania und Lotus.

Ob Marussia Motors aber der geeignete Partner ist, um das Niveau des Rennstalls im speziellen und der Rennserie im allgemeinen tatsächlich zu heben, muss sich erst noch zeigen. Bislang sind die Erfahrungen der Russen im Autobau überschaubar. Ganze 40 Luxuskarossen haben das Werk in Moskau bislang verlassen. Laut Firmenangaben liegen aber allein 700 weitere Bestellungen bereits vor. Dennoch verspricht sich Glock einen Fortschritt vom Einstieg der Russen: "Generell ist das positiv, weil es dem Team einen finanziellen Schub gibt. Das ist das, was wir brauchen, um einen Schritt nach vorn zu machen."

Die etablierten Autohersteller seien laut den Marussia-Verantwortlichen doch "groß, satt und behäbig, wir aber sind klein und schnell". Von der Formel 1 erhofft sich das Unternehmen eine technologische Dividende für die Weiterentwicklung seiner Serienfertigung. Die Marussia-Gründer wollen ihre Präsenz auf den Rennstrecken in Europa auch nutzen, um den Bekanntheitsgrad ihrer eigenen Marke im Westen zu steigern.

"Wir haben jene halbe Milliarde Menschen im Visier, die bei Formel-1-Rennen vor dem Bildschirm sitzen", sagt Investor Ostrowski. Zudem dient Marussias Einstieg einer patriotischen Mission, einer Art Psychotherapie auf Slicks: "Wir wollen zeigen, dass man Großes in unserer Heimat erreichen kann", sagt Ostrowski, "und dabei helfen, Russlands Minderwertigkeitskomplex zu überwinden."