Formel-1-Sieger Vettel: Der Schattenmann - DER SPIEGEL
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Formel-1-Sieger Vettel Der Schattenmann

Mit drei Jahren drehte er seine ersten Runden, mit sieben fuhr er das erstes Rennen: Sebastian Vettel wuchs auf der Rennpiste auf. Nach seinem Sensationssieg in Monza gilt er als neue deutsche Formel-1-Hoffnung - und will aus dem Schatten seines Vorgängers Schumacher herausfahren.
Von Jan Reschke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Michael Schumacher und Sebastian Vettel - seit Vettels sensationellem Sieg beim Großen Preis von Italien werden die Namen der beiden Fahrer von Fans und Medien in einem Atemzug genannt. Vettel, der 21-jährige Nachwuchspilot vom zweitklassigen Rennstall Toro Rosso, soll den Erwartungen nach in die Fußstapfen des siebenmaligen Weltmeisters treten. Oberflächlich betrachtet ist es also der Erfolg, der die beiden Fahrer verbindet. Doch die beiden hatten bereits vor Vettels Erfolg in Monza eine ganz besondere Verbindung zueinander. Nachdem Vater Vettel ihm mit dreieinhalb Jahren das erste Kart schenkte, drehte er seine ersten Runden. Mit sieben fuhr er sein erstes Rennen. Dort, wo auch die Karriere von Michael Schumacher seinen Anfang genommen hatte, auf der Kerpener Kartbahn, wurde er vom Bauunternehmer Gerhard Noack entdeckt und fortan gefördert. Noack ist der Mann, der schon Schumacher förderte und auf die Formel-1-Bühne gebracht hat.

Noack machte Schumacher auf das Talent aufmerksam. Als der damalige Ferrari-Pilot 2001 mit Gerhard Berger, Sportchef bei Toro Rosso, gemeinsam den Urlaub verbrachte, gab er ihm den Tipp: "Michael erzählte mir von Sebastian. Er legte ihn mir fast euphorisch ans Herz", so Berger, für dessen Rennstall Vettel seit 2007 fährt. Schumacher ist auch heute noch vom Talent des jungen Heppenheimers überzeugt: "Es ist zwar verfrüht zu sagen, dass man mit dem Sieger von Monza den Weltmeister von morgen gesehen hat, aber er hat definitiv das Potential, in diese Richtung zu kommen und das auch irgendwann zu erreichen."

Als das Sportmagazin "Kicker" Vettel darauf ansprach, ob er sich als Nachfolger von Schumacher sehe, antwortete er: "Wenn ich im Auto sitze und das Visier schließe, ist es mir wurscht, ob ich eine Lücke füllen kann. Keiner kann Michael ersetzen."

Vettels bisherige Karriere gibt zumindest Anlass zur Hoffnung, dass Deutschland bald wieder einen Titelkandidaten anfeuern darf. Nachdem er seine ersten Jahre erfolgreich im Kart verbrachte hatte und im Jahr 2001 Europameister geworden war, wechselte er zur Saison 2003 in die Formel BMW, wo er auf Anhieb Zweiter und zum Rookie des Jahres gewählt wurde. Im folgenden Jahr gelang ihm das Kunststück, 18 von 20 Rennen zu gewinnen. Schon damals sagte Vettel: "Mein Traum ist es, irgendwann in der Formel 1 zu fahren."

Als Belohnung durfte er erstmals einen BMW-Formel-1-Boliden testen. Schon damals lobte ihn BMW-Boss Theissen: "Sebastian hat die Umstellung von 220 PS in der Formel 3 auf mehr als das Vierfache im Formel-1-Fahrzeug sehr gut hinbekommen." Im Anschluss wechselte er in die Formel-3-Euroserie und wurde dort Gesamtfünfter. 2006 gelang ihm die Vizemeisterschaft und er wurde fest als Formel-1-Testpilot bei BMW eingestellt.

Bereits in seinem ersten Einsatz im Freitagstraining der Formel 1 im August 2006 beim Grand-Prix in Istanbul überzeugte Vettel mit Bestzeit. Als jüngster Fahrer der Formel-1-Geschichte. Vettel erklärte daraufhin in der "Frankfurter Rundschau": "Ich will 2007 möglichst schnell ein Renncockpit." Das hatte ihm im Herbst 2005 bereits Red Bull-Eigner Dietrich Mateschitz in Aussicht gestellt: "Wenn er nicht stagniert, bekommt er bei uns in den nächsten ein bis zwei Jahren seine Formel-1-Chance."

Fortan war er ein klassischer Freitagstester, einer, der die Wagen der Stammpiloten auf das Rennwochenende vorbereitet. In dieser Funktion erzielte er regelmäßig Bestzeiten. Parallel fuhr er auch noch in der Renault-World-Series, um Fahrpraxis zu bekommen. Seine Leistungen blieben auch 2007 konstant gut und so folgte im Juli der Wechsel zu Toro Rosso, wo er einen Vertrag bis 2008 erhielt und bereits beim Großen Preis von Ungarn anstelle des US-Amerikaners Scott Speed an den Start ging. Als Achter fuhr er seinen ersten WM-Zähler ein. Im Oktober, beim Großen Preis von China belegte er sogar Rang vier, in einem Auto, das für Formel-1-Maßstäbe zweitklassig ausgestattet ist, in einem Team, das als Ableger des Hauptrennstalles Red Bull Racing nur bedingt um gute Plazierungen fahren kann.

Schon vor seinem Coup in Monza, wo er ebenfalls als jüngster Fahrer der Formel-1-Geschichte Pole Position und Sieg holte, wurde bekannt, dass er in der kommenden Saison für Red Bull Racing fahren wird. Dort soll er den Platz von David Coulthard einnehmen. Bis 2010 ist er dort unter Vertrag. Bei einem Team, dessen Autos in dieser Saison oftmals hinter denen der "Roten Stiere" landeten. Auf seinen Wechsel angesprochen sagt Vettel: "Bei so einem Wechsel gibt es immer ein weinendes und ein lachendes Auge. Aber egal, was passiert - ich werde nächstes Jahr für Red Bull fahren und sehe das nicht als Schritt zurück."

Im Anschluss dürften die großen Teams anklopfen, wenn seine Entwicklung anhält. Mercedes-Chef Norbert Haug sagt über den Rekordfahrer: "Ich freue mich total, wenn Vettel zu solchen Leistungen mit einem Toro Rosso fähig ist." Auch bei BMW haben sie die Entwicklung des Talents nicht aus den Augen verloren: "Ich wusste von Anfang an, zu welchen Leistungen Sebastian fähig ist", so BMW-Motorsportchef Mario Theissen. Angeblich soll BMW eine Option auf Vettel für die Saison 2011 haben.

Vettel selbst setzt sich nicht unter Druck: "Ich habe keinen Masterplan für meine Karriere, aber ein klares Ziel. Wenn ich nicht Weltmeister werden wollte, könnte ich nach Hause fahren." Das Potential dazu sieht sein Chef Berger: "Sebastian wird viele Rennen gewinnen und um die WM, um Titel fahren. Ob er die gewinnt, wird dann von den Umständen abhängen", sagte er der "Abendzeitung". Zumindest Abheben wird er wohl nicht. Nach der Sensation in Italien erklärte Vettel: "Ich bin genau der Gleiche, der vor diesem Rennen früh aufgestanden ist. Ich sehe keinen Grund, mich zu ändern. Ich bin ein bodenständiger Mensch." Die Umstände versucht Abiturient Vettel auf seine Art positiv zu beeinflussen: Er steckt sich vor jedem Rennen eine Christophorus-Medaille in den Gas-Schuh. Der Heilige Christophorus gilt als Schutzpatron der Reisenden. Vettels Reise durch die Formel 1 dürfte jetzt erst richtig Fahrt aufgenommen haben.