Formel-1-Start in Melbourne Der Vettel-Schock
Red-Bull-Pilot Vettel: Überlegen zur Pole-Position
Foto: Andrew Brownbill/ APWie sich die Bilder doch unterscheiden. Zu Beginn der vergangenen Saison lächelte Michael Schumacher bei seinem Comeback trotz vieler schlechter Runden und Rennen die Probleme meist galant weg. Locker und gelöst gab er sich, wie ein Junge, der nach einem Hausarrest endlich wieder mit seinen Freunden spielen darf. Am Samstag zeigte er sich nach seinem elften Platz beim Qualifying in Melbourne hingegen schmallippig, kritisierte die Probleme an seinem Wagen. Ein Lächeln huschte - wenn überhaupt - nur flüchtig über sein Gesicht. Doch Sorgen bereiteten ihm nicht nur sein schlechtes Abschneiden, sondern sie waren vielmehr einem geschuldet: Sebastian Vettel.
Der Weltmeister zeigte eine dermaßen imposante Vorstellung, dass Schumacher sagte: "Das war ein Weckruf an alle." Dabei beeindruckte Rekordweltmeister Schumacher nicht nur die Performance von Vettels Red Bull, sondern vielmehr der mit mehr als acht Zehntelsekunden riesige Abstand, den der 23-Jährige auf seinen Teamkollegen Mark Webber herausgefahren hatte. "Das ist in der Formel-1-Szene eine Menge Holz", sagte Schumacher.
Denn Webber hat exakt das gleiche Auto und wurde damit sogar Dritter.
Selbst der Zweite Lewis Hamilton hatte fast acht Zehntelsekunden Rückstand - Welten in der Formel 1. Der staunte anschließend: "Eine unglaubliche Zeit von Vettel." Um genau zu sein, waren es 1:23,529 Minuten. "Eine phänomenale Runde", sagte auch Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Schumachers Teamkollege Nico Rosberg erklärte beinahe ehrfürchtig: "Sebastian war gigantisch. Er und sein Auto, das ist eben eins."
"Wir werden einen noch besseren Sebastian in dieser Saison sehen"
Anstatt als amtierender Weltmeister Druck zu verspüren, scheint Vettel der Titel eher sicherer gemacht zu haben. Auch in seinem Umfeld ist häufig von einer neuen Lockerheit die Rede. So präsentierte er sich auch im Anschluss an die Qualifikation. "Besser hätte es nicht laufen können", sagte Vettel mit breitem Grinsen. Mit seiner Leistung hat er die Konkurrenz geschockt. Optimismus pur daher bei seinem Team: "Ich glaube, wir werden einen noch besseren Sebastian in dieser Saison sehen", sagte Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko.
Vettel hat vor dem Rennen am Sonntag (8 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wohl die meiste Arbeit damit, das viele Lob auszublenden. "Der Vorsprung mag riesig erscheinen, aber die Saison ist lang, es kann viel passieren. Wir müssen auf dem Boden bleiben", sagte Vettel, den im Vorjahr trotz großer Überlegenheit immer wieder technische Mängel gebremst hatten. "Wir haben ein gutes Paket. Aber wir haben noch keine Punkte."
Im Schatten von Vettel gingen die vielen Probleme der restlichen deutschen Fahrer fast unter. Schumacher, der Schwierigkeiten mit dem Kers-System seines Mercedes hatte, sagte: "Man muss ganz klar sagen, dass wir nicht auf dem Stand sind, auf dem wir sein sollten." Auch das interne Teamduell mit dem siebtplatzierten Rosberg verlor der 42-Jährige. "Es reicht nicht, um über vordere Plätze nachzudenken", so Schumacher.
"Es ging nix"
Er wirkte resigniert, war er doch sogar als möglicher Vettel-Rivale gehandelt worden, nach seiner Bestzeit bei den Testfahrten in Barcelona. Doch davon ist er so weit entfernt wie schon in der vergangenen Saison. Auch Rosberg war unzufrieden: "Ich dachte, da geht was. Aber es ging nix."
Wenn man diese Aussage als Maßstab nimmt, ging bei Nick Heidfeld im Lotus-Renault noch weniger als nichts. Als 18. schied er schon in der ersten Qualifikationsrunde aus. "Ich hab keine freie Runde hinbekommen. Jetzt kann es hoffentlich nur noch besser werden", sagte der 33-Jährige. Adrian Sutil steuerte seinen Force India nach einem spektakulären Dreher auf Platz 16, für Timo Glock reichte es mit dem Marussia-Virgin nur zu Rang 21.
Enttäuschung bei den meisten deutschen Piloten, Sorgen auch bei der direkten Konkurrenz von Vettel. Vizeweltmeister Fernando Alonso wurde im Ferrari Fünfter, doch bei der Bewertung stand für ihn etwas anderes im Vordergrund. "Mit dem Platz sind wir zufrieden, mit dem Rückstand nicht", sagte der Spanier, dem mehr als 1,4 Sekunden zur Bestzeit fehlten.
Während die gesamte Konkurrenz gebannt auf Vettel schaut, gab der nach seiner Pole-Position über den Boxen-Funk die Devise aus: "Wir machen unser Ding, wir schauen auf uns." Nichts beschreibt die Verhältnisse treffender.