GP von Silverstone: Das Ferrari-Dilemma - DER SPIEGEL
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GP von Silverstone Das Ferrari-Dilemma

Der Große Preis von Großbritannien steht im Zeichen der Anschläge in London. Doch eine Absage wurde nicht einmal erwogen – und sportlich könnte das Rennen in Silverstone für eine Vorentscheidung in der Fahrer-WM sorgen. Es sei denn, der neue Ferrari-Motor sorgt für ein Wunder.
Von Jörg Schallenberg
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Eines ist klar: Der Grand Prix von Silverstone wird nicht nur wegen seiner sportlichen Ergebnisse in die Geschichte eingehen, sondern als das Rennen nach den Anschlägen von London. Und viele Beobachter werden mehr auf die Sicherheitsmaßnahmen rund um den Kurs als auf das Geschehen auf der Piste achten.

Dennoch - für den weiteren Verlauf der Formel-1-Saison 2005 könnte der kommende Sonntag vorentscheidend sein. Zeigt sich Fernando Alonso im Renault einmal mehr so unüberholbar wie zuletzt in Magny-Cours, dürften auch die letzten Hoffnungen auf einen Zwei- oder Dreikampf an der Spitze dahin sein. Und es spricht einiges dafür, dass es genauso kommen wird - auch wenn Michael Schumacher in der vergangenen Woche bereits eine Aufholjagd der Ferraris angekündigt hatte.

Seine Hoffnungen stützen sich dabei auf den neuen Motor, der 15 PS mehr als bislang an den Start bringen soll. Doch ob das ausreicht, um den Leistungsrückstand im Vergleich zu Renault und McLaren-Mercedes auszugleichen, muss man bezweifeln. Formel-1-Experten schätzen bislang, dass Ferrari zumindest 25 PS zur Spitze fehlen. Ganz offensichtlich war Motorenchef Paolo Martinelli bei der Saisonplanung zu vorsichtig - galt es doch, einen Motor zu entwickeln, der in jedem Fall zwei Rennen lang durchhalten muss.

Doch das Aggregat ist nur eines von mehreren erheblichen Problemen bei der Scuderia. Angesichts der geballten Häme, die zuletzt auf Michelin niederprasselte, geriet es ein wenig aus dem Blickfeld, dass Bridgestone bislang nicht in der Lage war, Ferrari einen Reifen zu liefern, der sowohl ein schnelles Qualifying als auch eine gleichmäßige Abnutzung während eines langen Rennens garantiert.

Beim Großen Preis von Frankreich vor einer Woche sahen Schumachers Pneus am Ende aus, als wären sie gerade ein paar Runden über glühenden Asphalt gefahren. Den sowohl im Rennen als auch in der Fahrerwertung vor ihm liegenden Kimi Räikkönen zu überholen, war schon wegen des Zustandes der Bridgestone-Gummis schlicht unmöglich.

Zudem muss sich die Scuderia bald entscheiden, ob sie überhaupt noch mit allen Mitteln um die Weltmeisterschaft 2005 kämpft - oder nur noch das Nötigste unternimmt und sich stattdessen auf die Entwicklung des kommenden Modells F2006 konzentriert, von dem man sich bei Ferrari - und bei den Fans - mindestens Wunderdinge verspricht.

Die Zeichen stehen auf 2006: Sollte man angesichts der bereits jetzt geschürten Erwartungen die Neukonstruktion in den Sand setzen, droht man sich ebenso zu blamieren wie im vergangenen Jahr McLaren-Mercedes mit dem motorenfressenden MP 4-19, der gleichfalls als eine Art Wunderwagen gehandelt worden war.

Fahrer wollen trotz der Terroranschläge starten

Lachender Dritter angesichts des Ferrari-Dilemmas und der bis heute anhaltenden technischen Probleme bei McLaren-Mercedes dürfte also Alonso sein. Bei Renault stimmten zuletzt alle Entwicklungsschritte auf den Punkt genau - und alle Probleme, die an einem hochkomplizierten Formel-1-Rennwagen auftreten können, erlebt rätselhafter Weise Alonsos Teamkollege Giancarlo Fisichella.

Für Teamchef Flavio Briatore ist die Pannenserie des Italieners mehr als ärgerlich: Zwar scheint Alonso der Titel kaum noch zu nehmen, doch Renault läuft Gefahr, in der Konstrukteurswertung am Ende hinter McLaren-Mercedes und vielleicht sogar Ferrari zurückzufallen - was für das über die vergangenen Jahre stetig ansteigende Prestige der Marke ein empfindlicher Rückschlag wäre.

Doch all diese Überlegungen werden am Sonntag in Silverstone ausnahmsweise zweitrangig sein. Die Frage, ob das Rennen überhaupt stattfinden sollte, war schnell geklärt. In Großbritannien gehört es zur politischen wie auch sportlichen Tradition, keine Angst zu zeigen - und zudem hatte Formel-1-Boss Bernie Ecclestone, selbst Brite, auch zweieinhalb Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 den Großen Preis der USA in Indianapolis trotz damals heftiger Kritik austragen lassen.

Bei den Fahrern stößt die Entscheidung auf Zustimmung. BMW-Williams-Pilot Nick Heidfeld betonte: "Ich denke, es ist richtig, wenn wir weiterfahren. Es ist genau das, was bezweckt werden soll, dass nun alles aus der Bahn läuft. Doch diesen Gefallen sollten wir den Attentätern auf keinen Fall tun". Im Gedenken an die Opfer, so Heidfeld, sollten die Fahrer am Sonntag einen Trauerflor tragen.

Die Fia teilte heute in einer Pressemitteilung mit, dass die Formel 1 vor dem Start mit einer Schweigeminute den Opfern der Terror-Anschläge gedenkt. "In dieser tragischen Zeit übersenden alle, die mit der Formel 1 zu tun haben, ihre Kondolenz an die Familien und Freunde derjenigen, die in London ihr Leben gelassen haben", heißt es in dem Schreiben.