Großer Preis von Japan Schrott oder Treppchen
Mit der Statistik ist es so eine Sache: Hätte in der vergangenen Saison ein Pilot mit einem B.A.R-Honda zwei Rennen vor Schluss bereits 26 WM-Punkte ergattert, so wäre er beim englisch-japanischen Team begeistert gefeiert worden. In diesem Jahr aber reißt die Leistung von Takuma Sato niemanden zu Lobeshymnen hin. Ganz im Gegenteil: B.A.R-Renningenieur Jock Clear bescheinigt dem Japaner kühl, "kein besonders großes Talent" zu besitzen. Denn 26 Punkte bedeuten für Sato vor dem Heimspiel beim Großen Preis von Suzuka zwar Platz 8 in der Fahrerwertung - aber zugleich mehr als 50 Punkte Rückstand auf seinen Teamkollegen Jenson Button.
So ist das mit der Statistik. Am Sonntag in Suzuka zählt glücklicherweise eine andere: Denn da tritt nicht der B-Fahrer von B.A.R-Honda, sondern der beste japanische Formel-1-Pilot aller Zeiten zum dritten Mal vor seinen Landsleuten aufs Gaspedal. Sato, keine Frage, wird gefeiert werden. Vor allem deshalb, weil er in der Tat kein herausragendes Talent hat - aber dafür, und das wollte Jock Clear wohl betonen, über einen außergewöhnlichen Willen verfügt, über eine bemerkenswerte Bereitschaft, sich zu quälen, über eine Detailversessenheit von geradezu schumacherschen Ausmaßen und zudem über eine außerordentlich große Portion an Risikobereitschaft. Und zumindest die ersten drei Eigenschaften werden in Japan eben noch ein wenig mehr goutiert als anderswo auf der Welt.
Es ist natürlich nicht so, dass mangelndes Talent und große Risikofreude sich immer gut ergänzen: Als Sato 2002 dank der Unterstützung zahlungskräftiger Sponsoren bei Jordan einstieg, raufte sich Teamchef Eddie Jordan bald die Haare: Das Schnäppchen aus Fernost produzierte soviel Renn-Schrott, dass sich das Geschäft nicht mehr zu rechnen drohte. Also musste sich Sato im folgenden Jahr als Testfahrer bei B.A.R-Honda verdingen, bevor er, ausgerechnet in Suzuka, den zunehmend lustlosen Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve ersetzen durfte - und sofort auf den sechsten Platz vorfuhr.
Elf gravierende Fahrfehler
Teamchef David Richards beförderte ihn angesichts dieser Leistung und der energischen Fürsprache des Motorenlieferanten Honda zum Stammpiloten. Seitdem wechseln sich bei Takuma Sato Licht und Schatten so rasant ab wie Sonne und Regen im April. In Indianapolis schaffte er dieses Jahr erstmals den Sprung aufs Treppchen, in Monaco hätte er sich um ein Haar die Pole Position gesichert - um nach einem heftigen Verbremser auf Platz acht zurückzufallen. Ein typischer Sato.
Elf gravierende Fahrfehler notierten die Statistiker seit Saisonbeginn in Training und Rennen - das ist rekordverdächtig. Auch andere Piloten können dem rasenden Japaner nicht immer entkommen. Rubens Barrichello etwa erwischte es auf dem Nürburgring gleich in der ersten Kurve. Sato zog trotz aussichtsloser Lage einfach nicht zurück und rammte den Ferrari-Piloten von der Piste. "Dieser Überholversuch war einfach amateurhaft", giftete Barrichello später - und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. So etwas, sagte sein Gesichtsausdruck, bringt in der Formel 1 eben nur Takuma Sato fertig. Der bereute seine Attacke natürlich keinesfalls: "Da war eine große Lücke, die ich nutzen wollte. Mit diesem Manöver bin ich sehr, sehr glücklich."
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Wenn man Takuma Sato reden hört oder fahren sieht, scheint es bisweilen, als käme er von einem anderen Stern. Was daran liegen könnte, dass er einen ziemlich außergewöhnlichen Karriereweg genommen hat. Im Gegensatz zu manch vierjährigem Kart-Wunderkind aus Kerpen stieg Sato erst mit 19 Jahren richtig in den Motorsport ein. Zuvor hatte es der Japaner mit einer Karriere als Radrennfahrer versucht - ehe er kurzerhand entschied, sich bei der Rennfahrerschule von Honda zu bewerben. Mit Erfolg. Trainiert hat er damals übrigens immer in Suzuka - besser als Sato dürfte also niemand die Strecke kennen.
Honda will Siege sehen
So steht vor dem Großen Preis von Japan eigentlich alles zum Besten für den 1,63 Meter kleinen Extremfahrer, zumal B.A.R-Honda gerade bekannt gegeben hat, den Vertrag auch für die kommende Saison zu verlängern. Zudem hat Honda gerade angekündigt, die Motoren im nächsten Jahr noch einmal kräftig aufzumotzen und mit über 1000 PS an den Start zu gehen - soviel Kraft brachten bisher nur die Turbo-Motoren der achtziger Jahre auf die Piste. Ob Sato diese Pferdestärken dann auch zügeln kann, ist eine andere Frage.
Wenn nicht, könnte seine Formel-1-Karriere in einem Jahr beendet sein - denn Honda will schon aus Prestigegründen endlich Siege sehen. Der Konzern, der Platz zwei in der Rangliste der absatzstärksten japanischen Hersteller in diesem Jahr an Nissan abtreten musste, hat zwar nicht zuletzt durch seine Formel-1-Engagements in den Sechzigern und Achtzigern weltweite Popularität erlangt, dennoch wird das kostspielige Marketinginstrument in der Firmenspitze kritisch betrachtet. Umso wichtiger wäre es da, dass Takuma Sato am Sonntag ein überragendes Rennen fährt. Schließlich kämpft B.A.R-Honda noch gegen Renault um den zweiten Platz in der Konstrukteurswertung. Obwohl: Eigentlich muss man auch diese Statistik anders interpretieren: Es geht natürlich um den ersten Platz. Hinter Ferrari.