Indy-Vorschau: PS-Amazone im Anflug - DER SPIEGEL
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Indy-Vorschau PS-Amazone im Anflug

Danica Patrick gilt plötzlich als große Hoffnung für die Formel 1. Die Amerikanerin wäre die erste Frau, die seit fast 30 Jahren bei einem Rennen der Königsklasse startet. Allerdings werden in Indianapolis, dem Zentrum des US-Motorsports, gern Fahrerinnen getestet – vor allem aus PR-Gründen.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kennen Sie den? Warum gibt es keine Frauen in der Formel 1? Weil die Boxengasse zu eng zum Einparken ist. Jaja, was für ein schaler Chauvi-Witz. In Wahrheit sind sich natürlich von Niki Lauda über Michael Schumacher bis Bernie Ecclestone all jene, die in der Formel 1 etwas zu sagen haben (oder dies glauben), einig: Im Prinzip spricht nichts dagegen, dass endlich eine Pilotin in der Königsklasse des Motorsports ihre Runden dreht. Wenn es nur eine gäbe, die das fahrerische Können mitbringt - denn leider, so urteilte Michael Schumacher mal, gibt es zu wenig weiblichen Renn-Nachwuchs.

Nun endlich könnte die Leerstelle besetzt werden - zumindest, wenn man den Lobeshymnen glaubt, die in diesen Tagen aus den USA herüberklingen. Danica Patrick heißt die große Hoffnung, die am Samstag beim Großen Preis der USA im BAR-Honda ein paar Vorführrunden auf der Piste drehen soll. Die 23-Jährige kommt mit besten Empfehlungen: Bei den 500 Meilen von Indianapolis landete sie auf Platz vier, eine Viertelstunde lang lag sie sogar in Führung - was in den Vereinigten Staaten vorübergehend eine regelrechte Motorsport-Euphorie auslöste.

Das reichte, um sich ein paar höfliche Bemerkungen der männlichen Top-Fahrer abzuholen. Jenson Button, der Patrick noch aus britischen Nachwuchsserien kennt, attestierte trocken: "Die ist schnell." Und Michael Schumacher wünschte sich gar: "Ich hätte Danica Patrick liebend gern bei uns, damit sie mit uns Rennen fährt. Es wäre sehr interessant zu sehen, ob sie konkurrenzfähig ist."

Allzuviel Respekt vor der Macho-Welt Formel 1 zeigt die schnelle US-Frau bislang nicht. Bernie Ecclestone tönte jüngst, dass er wegen der großen körperlichen Belastung nicht mehr an Frauen in der Formel 1 glaube. Daraufhin schrieb ihm Patrick ins Stammbuch: "Ich reiße mir hier den Hintern auf, und dann höre ich so etwas." Ecclestone antwortete verblüfft: Er würde sich freuen, wenn er sich getäuscht haben sollte.

Beste Voraussetzungen also, um tatsächlich als erste Frau seit gut 30 Jahren ein Formel-1-Rennen zu bestreiten. Gar eine vielversprechende Karriere zu beginnen? Klar - zumindest fast so gut wie bei Sarah Fisher. Falls es irgend jemand nicht mehr auf Anhieb parat haben sollte, wer Sarah Fisher ist: Die damals 22-jährige Pilotin aus Indianapolis fuhr von 2001 bis 2003 in der US Indy League, zu der auch die 500 Meilen in ihrer Heimatstadt zählen. Sie holte dort als erste Frau jemals eine Pole Position und schaffte sogar einen zweiten Rang. Daraufhin lud sie Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug 2003 zum Formel-1-Grand-Prix in Indianapolis ein, wo Fisher einige Runden im McLaren-Mercedes drehte.

Dabei beeindruckte sie nachhaltig, sammelt reichlich warme Komplimente von Schumi & Co., der Jaguar-Rennstall lud sie gar zu einem Härtetest nach Europa ein, die Aussichten auf einen Start in der Formel 1 waren, gelinde gesagt, prächtig. Ein Jahr später hörte man dann mal wieder etwas von Sarah Fisher. Sie beklagte sich, dass sie leider keinen Sponsor mehr gefunden hatte und lediglich ein Rennen in der Indy League bestreiten konnte. Man muss sich deswegen nicht zwangsläufig Sorgen um Danica Patrick machen. Geschichte wiederholt sich ja nicht. Eigentlich.

Die einzige Frau, die bislang überhaupt mehrere Rennen in der Formel 1 bestritt, war die Italienerin Lella Lombardi, die zwischen 1974 und 1976 zwölf Mal startete - für Brabham, March und Williams. Beim Großen Preis von Spanien 1975 ergatterte sie sogar einen halben WM-Punkt, doch leider vor tragischem Hintergrund. Denn der Deutsche Rolf Stommelen raste ins Publikum, nachdem an seinem Hill-Ford der Heckflügel gebrochen war. Fünf Zuschauer starben, das Rennen wurde abgebrochen, die Punktewertung halbiert.

Lella Lombardi verabschiedete sich ein Jahr später mit einem respektablen zwölften Platz in Österreich. Seitdem schaffte es keine Frau mehr, ein Formel-1-Rennen zu fahren. Wenn es Danica Patrick nun tatsächlich gelingen sollte, dann könnte das daran liegen, dass sie über gleich zwei perfekt zu vermarktende Eigenschaften verfügt: Sie ist zweifellos weiblich - und Amerikanerin.

Im wichtigen Werbemarkt USA fehlt der Formel 1, wie nicht zuletzt PR-Chefstratege Bernie Ecclestone immer wieder kritisch anmerkt, bislang eine Identifikationsfigur. Wenn es sich dabei in Zukunft um eine Frau handeln sollte, so schwärmt Fahrerlegende Jackie Stewart, "wäre das doch um so spektakulärer". Da hat er recht. Und es erklärt natürlich, warum Danica Patrick am Wochenende für BAR-Honda publikumswirksam ein paar Runden in Indianapolis drehen darf.

Abzuwarten bleibt dann nur, was im nächsten Jahr noch von Danica Patrick zu hören ist.