Interview mit Jarno Trulli "Wir wollen die Topteams kitzeln"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Trulli, sind Sie noch sauer?
Trulli: Warum sollte ich?
SPIEGEL ONLINE: Vergangene Saison sind Sie bei Renault rausgeflogen. Kein Blick zurück im Zorn?
Trulli: Nein, ich war froh zu gehen. Ich wäre sogar noch glücklicher gewesen, wenn es früher gewesen wäre. Es war ja nicht so, dass man mich gefeuert hat. Wir hatten gemeinsam entschieden, uns zu trennen. Es gibt deshalb keinen Grund, enttäuscht zu sein. Ich habe mein Bestes getan, vergangene Saison war ich mit zwei Pole-Positions und einem Sieg der bessere der beiden Renault-Fahrer (Trullis Teamkollege war der Spanier Fernando Alonso; d. Red.) Ich hätte nicht mehr leisten können. Den Rest müssen die Renault-Leute unter sich ausmachen.
SPIEGEL ONLINE: Was waren die Gründe für die Trennung?
Trulli: Es gab keine Basis mehr für mich. Ich habe es vorgezogen zu gehen, anstatt in einer für mich schwierigen Situation zu bleiben. Deshalb habe ich mich auch für Toyota entschieden - ein junges Team, das einen Fahrer brauchte, der das Auto zu verbessern hilft.
SPIEGEL ONLINE: Ihr ehemaliger Renault-Boss Flavio Briatore gilt als Alleinherrscher. Sind Sie auch dieser Ansicht?
Trulli: Nein, das ist er nicht. Er kann zwar eine ziemlich sonderbare Person sein und ist oft auch schwer einzuschätzen. Aber ich kam mit ihm in der ganzen Zeit immer sehr gut klar.
SPIEGEL ONLINE: Wirklich?
Trulli: Ich kann Flavio nur danken. Aber unser Verhältnis ist nach zehn Jahren beendet. Er brachte mich in die Formel 1 und hat eine Menge für mich getan. Ich übrigens auch für ihn.
SPIEGEL ONLINE: Wie lange wird Ihr neuer Arbeitgeber Toyota brauchen, um so erfolgreich zu sein wie Renault?
Trulli: Toyota hat langfristig das größere Potenzial, aber wir brauchen Geduld. In der Formel 1 passiert nichts durch Zufall, Zeit und Erfahrung sind nötig. Ich bin sicher, dass wir kommendes Jahr besser sein werden als 2004. Aber wie groß diese Verbesserung sein wird, können wir erst sagen, wenn das neue Auto da ist.
SPIEGEL ONLINE: Aber warum Toyota? Das Team ist bisher bei weitem nicht seinen hohen Ansprüchen gerecht geworden.
Trulli: Es ist richtig, vergangene Saison lief es nicht sonderlich gut. Man sollte nicht vergessen, dass Toyota erst seit wenigen Jahren dabei ist. Die Erfahrung fehlt, es gibt noch viel zu lernen. Aber der Rennstall hat sich jedes Jahr verbessert und verfügt meiner Meinung nach über viel Potenzial. Im Moment ist das Team dabei, in allen Bereichen konkurrenzfähig zu werden.
SPIEGEL ONLINE: Das hat Sie überzeugt?
Trulli: Toyota ist ein junges Team, hat aber große Ziele. Hier ist man davon überzeugt, in der Zukunft ein ernstzunehmender Konkurrent für die großen Teams sein zu können. Das vor allem hat mich überzeugt.
SPIEGEL ONLINE: Was können Sie mit Toyota erreichen?
Trulli: Über konkrete Ziele zu sprechen ist nicht leicht. Auf jeden Fall wollen wir näher an die Topteams herankommen. Es wäre schön, sie ein bisschen zu kitzeln - sicher nicht in jedem Rennen, aber von Zeit zu Zeit.
SPIEGEL ONLINE: Ralf Schumacher soll mitkitzeln - mit ihm werden Sie sich den Nummer-eins-Status teilen. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?
Trulli: Wir wissen alle, dass Ralf und ich schnell sind und natürlich auch gewinnen wollen. Aber da wir beide neu bei Toyota sind, hat keiner von uns einen Vorteil gegenüber dem anderen. Ich halte das für eine sehr gute Voraussetzung. Für mich steht fest: Ich will gern mit Ralf arbeiten und bin davon überzeugt, dass ich mit ihm genauso gut klarkommen werde wie mit meinen vorherigen Teamkollegen. Ich hatte eigentlich noch nie mit jemandem Probleme.
SPIEGEL ONLINE: Kann ein Team ohne klare Fahrerhierarchie funktionieren?
Trulli: Auf jeden Fall. Wenn das Team uns unterstützt und beiden die gleichen Möglichkeiten gibt, dann werden Ralf und ich im Gegenzug versuchen, das Beste aus dem Auto herauszuholen. Aber sicher wird es auch Momente geben, in denen wir Kompromisse finden müssen - die Entscheidungen werden dann mal zu Ralfs Gunsten, mal zu meinen ausfallen. Aber so ist das im Leben, nicht nur im Motorsport.
SPIEGEL ONLINE: Experten sind der Meinung, Sie beide hätten für viel Geld die Möglichkeit zu siegen verkauft.
Trulli: Die Leute mögen es, über Geld zu reden. Allerdings haben sie keine Ahnung, was hier wirklich abgeht und wie stark Toyota sein kann. Ich habe jedenfalls großes Vertrauen in das Team. Ich hatte auch ein anderes Angebot, habe mich aber bewusst für Toyota entschieden, weil ich an den Erfolg harter Arbeit glaube. Ich erwarte auch gar nicht, innerhalb von sechs oder zwölf Monaten schon Rennen zu gewinnen.
SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie von den ersten Tests mit Toyota in diesem Winter?
Trulli: Die sind extrem wichtig, besonders für mich. Ich bin neu im Team und ich will das Auto mit entwickeln. Das Toyota-Werk braucht Daten, dafür muss sowohl im Windkanal als auch auf den Teststrecken viel gearbeitet werden. All das ist für einen guten Saisonstart 2005 von größter Bedeutung.
SPIEGEL ONLINE: Nach 116 Rennen haben Sie in der vergangenen Saison in Monaco Ihren ersten Sieg geholt. Dauert es noch mal so lange bis zum nächsten?
Trulli: Ich habe keine Eile und bin überzeugt, dass wir es schaffen können.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben ihre Formel-1-Karriere 1997 in einem Minardi begonnen. Können Sie beschreiben wie es ist, in einem hoffnungslos unterlegenen Auto seine Runden zu drehen?
Trulli: Das ist sehr schwierig. Ganz tief drinnen bist du von dir überzeugt, jedes Mal wenn du ins Auto steigst. Wenn man sich immer wieder sagt, dass man nur das Beste aus dem machen kann, was man zur Verfügung hat, spielt es eigentlich keine Rolle, ob du schnell oder langsam fährst. Wenn du das Maximum rausholst, also wie ich mit Minardi unter die ersten fünf oder zehn fährst, ist das ein tolles Resultat. Es ist sicher nicht in allen Bereichen erfüllend, aber ein Team wachsen zu sehen ist auch schön.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben wie viele Formel-1-Piloten auf der Kartbahn Ihre Motorsportkarriere gestartet. Warum ist Kart eine so gute Vorbereitung?
Trulli: Meine zwölf Jahre im Kartsport sind unbezahlbar. Alle guten Piloten fangen hier an. Man lernt alles, was man braucht: schnell zu sein und ein Auto abzustimmen.
SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als der F1-Fahrer, der am schwersten zu überholen ist. Verraten Sie uns Ihr Geheimnis?
Trulli: Das Geheimnis? Fest steht, dass man sehr gelassen, aber auch gerissen sein muss, wenn hinter dir jemand fährt, der um jeden Preis vorbei will. Ich bin nicht der Typ, der einfach einen Fahrer blockiert. Wenn ich vor jemandem fahre, versuche ich einfach, ihm so wenig Platz wie möglich zu lassen. Ich glaube aber nicht, dass ich der am schwersten zu überholende Pilot bin. Ich mache auch Fehler, etwa dieses Jahr in Magny Cours, als mich Rubens Barrichello kurz vor dem Ziel noch überholte. Es war eine Schande, aber ich habe auch nie versucht, das zu vertuschen. So etwas passiert eben.
Das Interview führten Christian Gödecke und Jörg Schallenberg