Istanbul-Grand-Prix Schumachers Offenbarungseid
Es ist wirklich schade, dass Giovanni Trapattoni neben seinem Trainerjob beim Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart nicht gleich die Leitung der Motorsportsparte beim ortsansässigen Autobauer Mercedes übernommen hat. Dann hätte man sich als Zuschauer nach dem Großen Preis der Türkei mit einiger Sicherheit an einer wundervollen Brandrede erfreuen können, die ihren Höhepunkt in einem zornentbrannt über die Piste gebrüllten "Was erlauben Montoya?" gefunden hätte.
Doch in der Formel 1 sucht man vergeblich nach Verantwortlichen, die solchen Klartext reden, selbst wenn sie sich mit einiger Fassungslosigkeit jene Aussetzer des McLaren-Mercedes-Piloten (wahlweise auch -Chaoten) Juan-Pablo Montoya angeschaut haben dürften, die möglicherweise am Ende über die Fahrer- und/oder die Konstrukteurs-Weltmeisterschaft entscheiden könnten.
Nur zur Erinnerung: Montoyas Rolle ist seit einiger Zeit dahingehend definiert, dass er seinem Teamgefährten Kimi Räikkönen gefälligst den Rücken freizuhalten hat, damit der als zurzeit überragender Fahrer seinen Rückstand auf WM-Spitzenreiter Fernando Alonso im Renault mit möglichst großen Schritten aufholen kann.
Auf dem "Otodrom" bei Istanbul klappte diese Taktik ausgezeichnet, scheinbar völlig ungefährdet zogen die beiden "Silberpfeile" auf Platz eins und zwei ihre Runden, das vom Start weg ausgetragene unmittelbare Duell gegen die Erzkonkurrenz von Renault beherrschten Montoya und Räikkönen in beeindruckender Manier.
Trotzdem blieb - eingedenk vergangener Rennen - immer dieser leise Zweifel im Hinterkopf: Ob da nicht noch was passiert? Wo doch bei den McLaren-Mercedes-Rennern eigentlich immer irgendwas passiert? Und es passierte.
Rennen in Istanbul: Premierenjubel und Abschiedstränen
Zwar stiegen diesmal keine silberschwarzen Rauchwolken aus Räikkönens Wagen auf, doch dafür machte Montoya seinem zweifelhaften Ruf alle Ehre, als er zunächst den sicher nicht sonderlich geschickt agierenden Tiago Monteiro im Jordan ohne Not viel zu riskant überrundete und prompt vom perplexen Portugiesen ins Seitenaus geschubst wurde. Kurz darauf fuhr der PS-Banause mit Fernando Alonso im Nacken in der Kurve geradeaus - ganz nach dem Motto: Wir machen den Weg frei.
Wenn Ende Oktober die ersten Rückblicke auf die Formel-1-Saison 2005 über die Bildschirme flimmern, dürfte der doppelte Montoya-Aussetzer bei den entscheidenden Szenen ganz vorn mit dabei sein. Zur Ehrenrettung des bald 30-Jährigen muss allerdings gesagt werden, dass er bei seinem zweiten Malheur schon arg gehandicapt war: Montoyas Fahrzeug hatte im Clinch mit Monteiro einen Schaden am Diffusor erlitten, dem Strömungskanal unter der Bodenplatte des Rennwagens.
Für keinesfalls diffuse, sondern eindeutig tragikomische Bilder sorgte wieder einmal auch Michael Schumacher. Der siebenmalige und immer noch amtierende Weltmeister traute sich nach einer Pause von etwa 20 Runden mit seinem reparierten Ferrari noch einmal auf die Piste, um andere liegengebliebene Konkurrenten in der Endabrechnung hinter sich zu lassen und beim nächsten Qualifying am 3. September in Monza nicht als Erster auf die Piste zu müssen. Am Ende gab Schumacher zum ersten Mal in einem seiner 226 WM-Rennen auf.
In taktischer Hinsicht ist das Verhalten von Ferrari sicher verständlich, immerhin ist der 15. von 19 WM-Läufen das Heimrennen der Scuderia, aber es passte doch nur zu gut als i-Tüpfelchen auf ein restlos verkorkstes Wochenende, das in seinem ganzen Verlauf eines so deutlich klar machte wie vielleicht kein anders Rennen dieses Jahres: Michael Schumacher ist nur noch ein Pilot unter vielen, ein Ex-Unantastbarer, der sich nun mit dem - wie er es noch in der vergangenen Saison empfunden haben mag - Pistenproletariat herumprügeln muss und dabei natürlich deutlich mehr Blessuren riskiert als bislang. Diesmal war es der bereits überrundete BMW-Williams-Fahrer Mark Webber, der sich mit Schumacher duellierte - früher hätte ein Fahrer dieser Preisklasse zurückgezogen.
Einziger Trost für Schumacher: Der dritte Platz in der Fahrerwertung bleibt ihm erhalten, weil die nächsten Konkurrenten wie Giancarlo Fisichella (Renault), Jarno Trulli (Toyota) oder Montoya zu unbeständig fahren. Ganz zu schweigen von Webber und Nick Heidfeld in ihren BMW-Williams (der Bindestrich ist hier eher als Trennstrich zu lesen). Die beiden deuteten zwar im Qualifying ein zartes Comeback an, dann aber wurden sie offenbar Opfer misslungener Reifenexperimente des Lieferanten Michelin. Der brachte es nach dem Pneu-GAU von Indianapolis ein weiteres Mal nicht zustande, die passenden Reifen für einen neuen Streckenbelag bereitzuhalten.
Was selbstredend nicht gegen die Piste spricht, einem wahren Renntempel, denn der für 100 Millionen Dollar errichtete "Otodrom" erwies sich als nicht einfach zu meisternde Berg- und Tal-Bahn, die eine ganze Reihe an tückischen Überholmöglichkeiten bietet. Ganz im Gegensatz zu den vor dem Rennen völlig verstopften Zubringerstraßen, die von den Planern in gewohnter Manier vernachlässigt wurden. Immerhin: In Silverstone werden sich die Verantwortlichen freuen - bislang galt das Verkehrschaos rund um die britische Uralt-Piste als nicht zu toppen.