Massa-Sieg in Istanbul Endlich am Ziel
Sah ja gut aus. Und machte geradezu Hoffnung, dass diese Saison in der Formel 1 doch nicht ganz so deutlich von zwei roten Autos aus Maranello dominiert werden würde, wie es nach der ersten vier Rennen der Saison zu befürchten war. So leicht, so locker, so elegant zog Lewis Hamilton in der 24. Runde von Istanbul mit seinem McLaren-Mercedes am Ferrari von Felipe Massa vorbei, dass es nicht nur Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug warm ums Herz wurde.
Ein paar Minuten lang schien Hamilton geradezu davonzufliegen - aber dann holte ihn die Realität wieder ein. Einen Stopp mehr als die Ferrari einzulegen sorgte zwar für ein paar spannende Runden, doch eine echte Siegchance besaß McLaren-Mercedes nie. Im Gegenteil: Hätte sich Kimi Räikkönen nach seinem verpatzten Start und der kleinen Kollision mit Heikki Kovalainen nicht zeitweilig im Feld verfangen, wäre wohl der nächste Doppelsieg für Ferrari fällig gewesen.
Dass Haug später befand, "Ferrari und wir waren eine Liga heute", durfte man da getrost als Wunschdenken verbuchen - was der Mercedes-Vorsprecher wohl auch selbst einsah, als er kurz darauf vor den Fernsehmikrofonen relativierte: "Lewis hat die Ferrari heute gut beschäftigt." Das ist es wohl, was in diesem Jahr in der Formel 1 möglich ist - die Scuderia in Atem zu halten und darauf zu hoffen, dass die Rivalität zwischen Massa und Räikkönen eine Möglichkeit eröffnet, in der Fahrerwertung durchzuschlüpfen. Eine klare Nummer eins gibt es bei den Roten nicht, und wohin das führen kann, hat man in der vergangenen Saison bei den Silbernen gesehen: Da beharkten sich Hamilton und Fernando Alonso solange, bis am Ende Räikkönen als lachender Dritter beide um einen Punkt distanzierte.
In diesem Jahr geht es trotz der eklatanten Überlegenheit der Ferrari - die in der Konstrukteurswertung am Ende haushoch triumphieren werden, falls nicht gerade das heimische Werk abbrennt - bei den Piloten erneut knapp zu. Räikkönen liegt mit 35 Punkten noch in Sichtweite von Massa, Hamilton (je 28) und BMW-Pilot Robert Kubica (24).
Die Spitze aus den Augen verloren hat dagegen Nick Heidfeld, der an einer Qualifying-Schwäche leidet, die sich noch zu verstärken scheint. Vom fünften Startplatz zum Saisonstart in Malaysia ging es abwärts bis zu den Rennen in Barcelona und der Türkei, die der Deutsche jeweils von Platz neun begann. Der 31-Jährige hat in diesem Jahr ähnlich mit der Abstimmung des Autos auf die Reifen zu kämpfen wie in der vergangenen Saison Kubica - der nun wiederum zum Fahrer Nummer eins bei den Weiß-Blauen avanciert ist.
Ganz andere Schwierigkeiten mit Reifen erlebt dagegen momentan Heikki Kovalainen im zweiten McLaren-Mercedes. Vor zwei Wochen in Barcelona bescherte ihm ein beschädigter Pneu einen haarsträubenden Abflug in einen Reifenstapel (!), heute nun fing er sich am Start gleich wieder einen "schleichenden Plattfuß" ein, den er glücklicherweise rechtzeitig bemerkte. Ein Unfall blieb den Finnen dieses Mal erspart, für die Punkteränge reichte es aber nicht mehr. Damit bleiben die Silberpfeile in der Teamwertung hinter BMW-Sauber, und angesichts des Blicks auf diese Tabelle wird die Freude über Hamiltons Zwischenspurts bei McLaren-Mercedes schnell verfliegen.
So richtig gestrahlt hat nach dem Großen Preis der Türkei dann auch ein anderer: Sebastian Vettel freute sich bis über beide Ohren darüber, dass er erstmals in dieser Saison mit seinem Toro Rosso die erste Runde überstand und im Überschwang der Begeisterung die folgenden 57 auch gleich noch fuhr. Allerdings reichte es nur zum 17. und letzten Platz, weshalb sich jemand anderes noch mehr gefreut haben sollte.
Adrian Sutil im Force India hatte vor dem Rennen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE angekündigt, dass sein eigentlich hoffnungslos unterlegenes Team nunmehr in der Lage sei, mal einen Konkurrenten wie Toro Rosso abzuhängen - was er dann auch gleich in die Tat umsetzte. Platz 16 in Istanbul bedeutete für den zuletzt auch privat stark unter Druck geratenen Deutschen zudem, dass er erstmals seinen Teamkonkurrenten Giancarlo Fisichella hinter sich lassen konnte, der in der ersten Runde ungebremst auf den Williams von Kazuki Nakajima bretterte und nach seinem darauf folgenden kurzzeitigen Höhenflug wieder krachend auf dem Boden landete.
Der Kampf um ein Cockpit für die kommende Saison führt im letzten Drittel des Feldes immer wieder zu absurd riskanten Aktionen am Start. Vor zwei Wochen noch hatte sich Sutil überschätzt, nun zog Fisichella durch. Sah, ehrlich gesagt, nicht so gut aus.