Mercedes vs. Ferrari: Alles nur geklaut? - DER SPIEGEL
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Mercedes vs. Ferrari Alles nur geklaut?

Eine Affäre wird zur Partybremse: Vor dem Heimrennen von Mercedes-Star Lewis Hamilton erschüttert ein Skandal die Formel 1. Der McLaren-Mercedes-Rennstall gibt indirekt Spionage bei Ferrari zu - will aber von dem Know-how nicht profitiert haben.
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Es sollte sein großer Tag werden: McLaren-Mercedes-Pilot Lewis Hamilton wollte bei seinem ersten Heim-Grand-Prix am Sonntag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) seine Fans in Silverstone mit dem dritten Saisonsieg beschenken. Die Euphorie beim britisch-deutschen Rennstall war im Vorfeld trotz des Ferrari-Doppelerfolges von Magny-Cours groß. "Silverstone ist zweifellos das wichtigste Rennen des Jahres", sagte Hamilton, der am vergangenen Sonntag beim Großen Preis von Frankreich hinter den beiden Ferraris auf dem dritten Rang landete. "Ich kann es kaum erwarten, vor meinen Fans zu fahren, es wäre toll, dieses Rennen zu gewinnen", so der WM-Führende.

Auch sein Teamkollege Fernando Alonso freute sich auf den Trip auf die Insel. "Die Atmosphäre ist einmalig, es macht Spaß, vor diesem Publikum zu fahren", sagte der Weltmeister. "Das gilt in diesem Jahr noch mehr, denn viele McLaren-Mercedes-Mitarbeiter werden das Rennen besuchen", so der 25-Jährige zu Beginn der Woche.

Doch seit einigen Tagen zeigt die Stimmungskurve bei den Silberpfeilen steil nach unten. Denn ein Mitarbeiter wird am Sonntag garantiert nicht im McLaren-Rennstall zu finden sein. Chefdesigner Mike Coughlan wurde völlig unerwartet am Dienstagabend entlassen . Der Vorwurf klingt unglaublich: Coughlan soll durch den Ferrari-Mechanikchef Nigel Stepney vertrauliche Informationen erhalten haben.

Nach Angaben italienischer Zeitungen wurde in Coughlans Wohnung in England ein 700-seitiges Dossier mit vielen technischen Details über den Ferrari F2007 beschlagnahmt. Nach einem Bericht der "auto, motor und sport" soll das Informationspaket neben Konstruktionszeichnungen und Daten des F2007 Beschreibungen der Ferrari-Strukturen sowie Informationen über Ingenieure, Setup, Rennstrategie, Testergebnisse und Entwicklungspläne enthalten.

McLaren hat die Informationsübergabe bislang nicht dementiert und am Mittwoch in einem Statement lediglich erklärt, dass "zu keinem Zeitpunkt geistiges Eigentum von Ferrari zu anderen Mitgliedern des Teams übermittelt worden ist". Zudem sei kein Ferrari-Know-how zur Verbesserung der aktuellen Renner benutzt worden, heißt es in der Erklärung.

Zweifel bei den Experten

Trotzdem bleiben Zweifel, schließlich startete Mercedes nach der Übergabe, die Ende April stattgefunden haben sollen, eine Serie von drei Siegen. Resultieren diese Erfolge aus der Spionage beim Konkurrenten Ferrari? "Kurzfristig könnten solche Daten nicht zum Erfolg führen", sagte ein Mercedes-Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden möchte, zu SPIEGEL ONLINE. Ihn ärgere besonders, dass die überragenden Leistungen von Lewis Hamilton durch das Fehlverhalten eines einzelnen Mitarbeiters jetzt in Frage gestellt würden.

Auch Hans-Joachim Stuck kann sich nicht vorstellen, dass McLaren so schnell von der Informationsweitergabe profitiert hat: "Da lege ich mich fest: Nein", sagte der ehemalige Formel-1-Pilot in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung. Bevor Mercedes-Teamchef Ron Dennis Informationen von seinem größten Erzfeind annehme, springe er lieber vom Dach seiner Super-Fabrik, so Stuck weiter. Passend zu dieser Einschätzung ist auch das Verhalten der McLaren-Verantwortlichen, die sofort auf die Spionage-Vorwürfe reagierten, umgehend den Weltverband Fia einschalteten und ihre Unterstützung bei den Ermittlungen zusicherten.

Bis die Untersuchungen abgeschlossen sind, duellieren sich die Kontrahenten um den WM-Titel weiter auf dem Asphalt. Dort scheint derzeit Ferrari die bessere Abstimmung gefunden zu haben. Nach dem Doppelerfolg in Frankreich sind die Roten im Rennen um die Weltmeisterschaft wieder mit dabei. Felipe Massa verkürzte den Abstand auf den WM-Zweiten Fernando Alonso auf drei Punkte (47:50). Ob der Brasilianer allerdings den 17-Punkte-Rückstand auf Hamilton (64) noch aufholen kann, darf bezweifelt werden. In der Konstrukteurswertung liegt Ferrari (89) jetzt noch 15 Zähler hinter McLaren (104).

"Das hat die Motorsportwelt noch nicht gesehen"

"In England sind alle trocken wie ein Schwamm, nachdem sie jahrelang keinen Star mehr hatten", stellte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug fest. Der Grand Prix am Sonntag ist seit Wochen ausverkauft, das Verkehrschaos am Wochenende programmiert. "Was da abgehen wird, hat die Motorsportwelt noch nicht gesehen", ist sich Haug sicher.

Seit Damon Hill 1996 haben die Fans in Silverstone keinen WM- Spitzenreiter aus dem selbst ernannten "Mutterland des Motorsports" gesehen. Der letzte Brite, der in Silverstone gewann, war 2000 der Schotte David Coulthard. "Hamilton wird die Historie der Formel 1 neu schreiben. Der Preis des aufregendsten Neulings muss nur für ihn erfunden werden", sagte Ex-Weltmeister Hill.

Hamilton weiß, dass alle Augen ihn gerichtet sein werden. Wenn der Neuling dem Druck standhalten kann, ist ein Sieg auf seiner Heimstrecke durchaus realistisch. Damit könnte der Brite die Partybremse wieder lösen – und dafür sorgen, dass die Silberpfeile am Ende einer schwarzen Woche doch noch einen großen Tag erleben.

Mit Material von sid und dpa