Pistenpatrouille Dem Elend entkommen
Auf dem Weg zum Autodromo José Carlos Pace, wo am Sonntag (19 MESZ) der Große Preis von Brasilien ausgetragen wird, kommt man an einigen Favelas vorbei. In den vergangenen Jahren wurden diese kurz vor dem Grand-Prix-Rennen immer "aufgeräumt". Doch wer die Augen nicht zumacht, konnte die Elendsquartiere stets sehen und kann es immer noch. Meine Kollegin Karin Sturm ist nicht nur Brasilien-Fan, sie hat das Schicksal vieler Slumbewohner so bewegt, dass sie jetzt zeitweise in Sao Paulo lebt und eine Stiftung für brasilianische Straßenkinder ins Leben gerufen hat.
Sturm hat zum Akquirieren von Spenden in Deutschland 1997 den Verein "Aufgehende Sonne" gegründet. Das Hilfsprojekt in einem Außenbezirk der 17-Millionen-Metropole beruht auf einer Initiative von Schwestern des in Italien beheimateten Dominikanerinnen-Ordens "Sanissimo Sacramento". Rund 30 Kilometer südwestlich des Smoglochs Sao Paulo liegt im Grünen das ehemalige Gut "Casa do menor". Dort leben 30 Mädchen zwischen 7 und 15 Jahren. "Alegria e esperanca" ("Freude und Hoffnung") heißt die Einrichtung.
"Die Mädchen sind zum Teil Vollwaisen, zum Teil stammen sie aus völlig zerrütteten Familien. Viele haben eine zeitlang auf der Straße gelebt", sagt Sturm, die auch regelmäßig von Teams und Fahrern gespendete F1-Devotionalien zugunsten ihres Vereins versteigern lässt.
"Teufelskreis von Armut und fehlender Bildung"
Zusätzlich zum normalen Schulbesuch werden die Kinder und Jugendlichen mit Computerkursen gefördert, um sie darauf vorzubereiten, als Erwachsene ihr eigenes Leben leben zu können. "Sie sollen einen Beruf erlernen, um selbst aus diesem Teufelskreis von Armut und fehlender Bildung herauszukommen, dessen Opfer sie beinahe geworden wären", fügt die deutsche Motorsportjournalistin hinzu.
Die beiden Sauber-Piloten Nick Heidfeld und Heinz-Harald Frentzen unterstützen das Projekt und haben die "Casa do Menor" unter der Woche besucht. Bereits vor zwei Jahren war Heidfeld zum ersten Mal hier, entsprechend groß ist die Wiedersehensfreude. Für Frentzen war es der erste Besuch.
"Ich bin selbst Vater einer kleinen Tochter und weiß, wie wichtig es für Kinder ist, die Liebe und Fürsorge der Eltern zu erfahren", sagte Frentzen, "leider wird das nicht jedem Kind auf dieser Welt zuteil." Es sei daher schön zu sehen, wie man mit einfachen Gesten ein Leuchten in Kinderaugen zaubern kann, so der 35-Jährige.
"Ich freue mich, dass die Einrichtungen weiterentwickelt werden konnten und die Bedingungen für die Kinder hier noch besser geworden sind", sagte der 25 Jahre alte Heidfeld, "es ist gut zu wissen, dass die Kinder hier unterkommen können und gut betreut werden. Es ist für sie eine vernünftige Basis, um etwas aus ihrem Leben zu machen."
Die 13-jährige Deborah ist schon seit drei Jahren in der "Casa do menor". Ihr größter Wunsch ist es, Sängerin zu werden und mal auf der Bühne zu stehen. "Zum Teil hatten wir auch Mädchen hier, die schon in die Prostitution abgeglitten waren, auch kleinere, die völlig verwahrlost aufgegriffen worden sind", weiß Karin Sturm, "viele sind, wenn sie hier ankommen, auch unterernährt, wenn sich eben die Eltern gar nicht mehr gekümmert haben. Jetzt haben sie wieder eine Perspektive."