Ralf Waldmann "Ein ganz ekliges Gefühl"
SPIEGEL:
Herr Waldmann, Sie haben jüngst Ihren Abschied vom Motorradrennsport verkündet. Was überwiegt: Wehmut oder Erleichterung?
Waldmann: Der Druck ist weg. Wenn die Saison jetzt für mich losgehen würde, müsste ich wieder sagen, dass ich Weltmeister werden will ...
SPIEGEL: ... was Ihnen nie gelungen ist. Stattdessen haben Sie einen bitteren Rekord aufgestellt: 20 WM-Läufe gewonnen, aber nie den Titel geholt. Was hat gefehlt?
Waldmann: Ein Quäntchen Glück. 1997 jedenfalls. Da bin ich mit einem Budget von 1,5 Millionen Mark gegen einen Max Biaggi gefahren, der 4,5 Millionen zur Verfügung hatte. Der konnte sich bei Ferrari Räder aus Kohlefaser bauen lassen, das Stück für 40.000 Mark und schwups war sein Motorrad um drei Kilogramm leichter. Am Ende haben nur zwei WM-Punkte gefehlt, deshalb schätze ich meine Leistung 1997 höher ein als die von Biaggi.
SPIEGEL: Wie ist das, wenn man seinen Lebenstraum aufgeben muss? Um endlich Weltmeister zu werden, hatten Sie für 1999 sogar ein höher dotiertes Engagement in der Superbike-Meisterschaft ausgeschlagen.
"Klar wäre ich liebend gern Weltmeister geworden"
Waldmann: Klar wäre ich liebend gern Weltmeister geworden, aber ich gräme mich nicht. Ich habe in der vergangenen Saison noch zwei Rennen gewonnen, höre also auf hohem Niveau auf.
SPIEGEL: Dennoch ist Ihr Rücktritt nur bedingt freiwillig. Es hat sich kein Team mehr gefunden, das Ihnen eine konkurrenzfähige Maschine zur Verfügung stellt.
Waldmann: Es gab Angebote, und ich hätte 2001 definitiv noch fahren können. Aber ich habe gesagt: Für dieses Geld und mit diesem Material fahre ich nicht mehr. Das steht nicht in Relation zum Risiko und zu meinem Namen. Wenn ich mich aufs Motorrad setze, erwartet man, dass ich vorne mitfahre. Und das erwarte ich auch von mir.
SPIEGEL: Die Vernunft hat gesiegt?
Waldmann: Meine Konkurrenten waren zuletzt alle zehn Jahre jünger. Mit Anfang 20 ist man bereit, schlechtes Material mit höherem Risiko zu kompensieren das habe ich seinerzeit auch getan und bin auf diese Weise 1989 mit 45 Saisonstürzen ins Guinnessbuch der Rekorde gekommen. Mit 34 macht man das nicht mehr. Da gibt man nicht mehr in jedem Training 100 Prozent. Und trotzdem bin ich voriges Jahr elfmal gestürzt. Mein Renninstinkt hat mich also in den Grenzbereich getrieben und dazu geführt, dass ich zu viel riskiere. Insofern ist meine Entscheidung auch reiner Selbsterhaltungstrieb.
SPIEGEL: Kritiker haben Ihnen zuletzt mangelnde Professionalität vorgehalten Sie seien zum Beispiel nicht ordentlich austrainiert gewesen.
"Warum machst du das für die paar Mark?"
Waldmann: Es fällt mir schwer, das gelassen zu kommentieren. Nur ich kann wirklich beurteilen, was bei einem Rennen möglich war und was nicht. Und mit wie viel Einsatz ich unterwegs war. Ich habe mir vorletztes Jahr einen Arm gebrochen, 1998 eine Hand, 1997 eine Sehne aufgeschürft, 1996 ein Schlüsselbein gebrochen. Damals bin ich in Malaysia im Krankenhaus aufgewacht, und neben mir lag ein Inder, der den ganzen Tag Hindumusik hörte. Das Essen wurde grundsätzlich nur mit den Fingern gefuttert. Da denkt man sich: Warum machst du das für die paar Mark?
SPIEGEL: Haben Sie eine Antwort?
Waldmann: Der Mensch ist ein Meister des Verdrängens. Wenn ich meine Verletzungen nicht bagatellisieren könnte, dann hätte ich nicht 15 Jahre Rennen fahren können. Wobei langsame Stürze in der Regel schlimmer sind als jene mit Tempo 200.
SPIEGEL: Wieso das?
"Für einen Tag weiß man nicht mehr, wo oben und unten ist"
Waldmann: Bei hoher Geschwindigkeit kippt man meistens einfach seitlich vom Motorrad und rutscht über den Asphalt. Unangenehmer sind die so genanten High-Sider. Die Maschine gerät ins Rutschen, bremst sich ab und bekommt plötzlich wieder Haftung zur Straße das hebelt den Fahrer kopfüber über den Lenker aus. Da schlägt man dann so ein, dass man für einen Tag nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Wissen Sie, wie das ist, wenn man wieder zu sich kommt und kennt seinen Namen nicht mehr?
SPIEGEL: Nein.
Waldmann: Ein ganz ekliges Gefühl. Als wenn man in einem dunklen Raum steht, und auf einmal dreht einer den Dimmer an. Man guckt an sich herunter und fragt sich: Was mache ich hier? Wo bin ich? Und vor allem: Wer bin ich? Und dann, nach ein paar Stunden, kommt es so langsam zurück: Klar, Motorrad bist du gefahren. Waldmann heißt du. In Valencia bin ich 1999 bei Regen eingeschlagen, war für zehn Minuten bewusstlos, also nur ganz kurz. Aber nachher bin ich durchs Fahrerlager gelaufen und habe mein Wohnmobil gesucht. Ich wusste nicht mehr, wo es steht. Das ist Scheiße. Echt.
SPIEGEL: Sind solche Vorfälle schlimmer als ein Knochenbruch?
"Knochenbrüche sind schlimmer"
Waldmann: Nein, Knochenbrüche sind schlimmer. Das eine ist für einen Tag, mit einem weiteren Tag Kopfschmerzen. Das andere zieht sich über Wochen hin.
SPIEGEL: Fachleute wie Ihr ehemaliger Kollege Martin Wimmer werten Ihren Rückzug als "K.-o.-Schlag für den deutschen Motorradsport". Versinkt Ihr Metier ähnlich in der Bedeutungslosigkeit wie der Rallyesport nach dem Abschied von Walter Röhrl?
Waldmann: Vor Waldmann gab es Motorradrennen, und nach ihm wird es auch welche geben ...
SPIEGEL: ... jedoch unter anderen Bedingungen. Zuletzt war es so, dass Waldmann-Siege in rund 350 verschiedenen Zeitungen Niederschlag fanden. Schieden Sie jedoch aus, war das Rennen vielen Redaktionen keinen Artikel wert. Warum hat der Motorradsport gegenüber früheren Zeiten so an Popularität eingebüßt?
Waldmann: Die Identifikation fällt schwerer. Früher war es ein preiswertes Fortbewegungsmittel. Der Motorradfahrer von damals war: Lederjacke, schmutzig, kein Geld. Heute ist Motorradfahren für viele ein exklusives Hobby, betrieben von Leuten, die sich für 30.000 Mark eine Harley kaufen und sie in ihrer Doppelgarage neben den Porsche stellen.
SPIEGEL: Vielleicht müsste der Motorradsport in der Vermarktung neue Wege gehen, um die Harley-Porsche-Fahrer zu interessieren: Weg von der benzingeschwängerten Zeltplatz-Romantik, bei der die Fahrer neben der Strecke im Wohnmobil nächtigen. Hin zu mehr Exklusivität à la Formel 1.
Waldmann: In den USA haben alle Autorennfahrer ihr Wohnmobil an der Strecke. Selbst in der Formel 1 haben das David Coulthard und Jacques Villeneuve in Indianapolis so gemacht. Es gibt nichts Bequemeres. Ich garantiere: Wenn der Bernie Ecclestone es erlauben würde, brächte jeder Formel-1-Pilot eine Villa auf Rädern mit.
SPIEGEL: Ecclestone, der Chefvermarkter der Formel 1, wird seine Gründe haben.
"Der Formel-1-Sport ist ermüdend langweilig"
Waldmann: Natürlich. Die Formel 1 ist als Show konzipiert. Das Drumherum hebt die Publicity: Wenn Schumacher sich Wortgefechte mit Häkkinen liefert. Wenn Naomi Campbell da rumstakst. Es geht nicht um den Sport. Der ist ermüdend langweilig. Man muss aufpassen, nicht einzuschlafen. Und auf der Tribüne sieht man ein Auto pro Runde maximal 30 Sekunden. Aber wenn man Montag zur Arbeit geht, dann weiß der Arbeitskollege: Wow, der war wirklich da. Der Besuch eines Rennens ist eine Imagefrage, so wie früher beim Tennis. Das war ein Event, und jeder wollte mitreden über Steffi und Boris. Heute weiß jede Oma, was eine "Pace-Car-Phase" ist.
SPIEGEL: Sie halten die Formel 1 wegen ihres Glamours für abgehoben?
Waldmann: Ich wollte immer, dass die Fans sagen: Ich habe den Waldi kennen gelernt, er ist ein Netter, mit dem kann man sich ganz normal unterhalten. Alle im Profisport sind so ernst, keiner hat mehr ein Lächeln übrig. Die Menschen trauen sich nicht mehr, sie selbst zu sein. Ich habe neulich einen Jahresrückblick gesehen, da wurde ein Film gezeigt, wie Michael Schumacher als etwa 16-Jähriger mit seinem Bruder Ralf redet, voll Kerpener Dialekt, total amüsant. Das war viel wärmer als das bemühte Hochdeutsch, das er heute spricht. Heute hört er sich kalt an.
SPIEGEL: Das passiert nun mal mit Sportlern, die sich an Weltkonzerne als deren Werbeboten verkaufen.
"Schumacher hat sich in die Herzen der Italiener geweint"
Waldmann: Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine Autofirma will, dass ihr Rennfahrer unnahbar ist. Lange Zeit war es unter Ferraristi doch so: Wenn Schumacher zwei Rennen nicht gewonnen hatte, war er gleich der kühle Tedesco. Doch dann hatte er diesen Gefühlsausbruch in Monza. Er hat sich in die Herzen der Italiener geweint. Und in manches deutsche Herz auch. Es war der goldene Treffer.
SPIEGEL: Sie beabsichtigen, quasi ein Arbeitskollege von Michael Schumacher zu werden. Was befähigt den Motorradfahrer Waldmann, Autorennen zu fahren?
Waldmann: Das Gefühl für den Grenzbereich. Ich kann fühlen, wann ein Auto zu rutschen beginnt. Beim Motorrad ist dieser Grenzbereich viel schmaler.
SPIEGEL: Was bedeutet das?
Waldmann: Autofahren ist einfacher als Motorradfahren, also können es mehr, also ist der Konkurrenzkampf größer.
SPIEGEL: Was müssen Sie lernen?
Waldmann: Die Linienwahl. Wenn ich mit dem Motorrad in eine Kurve reinfahre, lenke ich früher und sanfter ein, mit dem Auto bleibt man lange außen und reißt dann das Steuer herum. Mit dem Auto bremst man auch 50 bis 70 Meter später.
SPIEGEL: Können Sie als Seiteneinsteiger eine Gage verlangen?
Waldmann: Eine kleine Gage wird es wohl geben. Ich hoffe, dass sie für den Lebensunterhalt reicht. Ich fange ja nicht bei null an. Ich bin seit 1995 häufiger als Gastfahrer bei Tourenwagenrennen wie dem Porsche-Cup gestartet. Einen gewissen Speed habe ich. Sonst hätte ich die Angebote ja auch nicht bekommen.
SPIEGEL: In welcher Rennklasse wollen Sie antreten?
Waldmann: Die DTM, die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft, ist mein Ziel. Ich hoffe da aufgrund meines Namens und meines Könnens reinzurutschen. Die Frage ist aber, ob die Autofirmen in der DTM das Risiko eingehen, einen Waldmann einzukaufen, der nicht direkt Rennen gewinnen kann. Ich werde mich wohl deshalb erst mal ein Jahr in einer Rennserie unterhalb der DTM bewähren müssen.
Interview: Alfred Weinzierl