Red-Bull-Pilot Vettel: Im Windschatten zum Titel - DER SPIEGEL
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Red-Bull-Pilot Vettel Im Windschatten zum Titel

Sebastian Vettel will Formel-1-Weltmeister werden, dafür riskiert er sogar einen Crash mit dem Teamkollegen. Das Resultat: Rang fünf in der Gesamtwertung. Der Red-Bull-Pilot muss lernen, taktischer zu fahren. Spektakuläres Racing beeindruckt zwar die Fans, Punkte bringt aber nur die Zielankunft.
Von Frieder Schilling
Enttäuschter Vettel nach Türkei-GP: Keine Punkte im Titelkampf
Enttäuschter Vettel nach Türkei-GP: Keine Punkte im Titelkampf

Enttäuschter Vettel nach Türkei-GP: Keine Punkte im Titelkampf

Foto: Jan Woitas/ dpa
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Es war die anschließende Geste, mit der sich Sebastian Vettel keinen Gefallen tat. Mit dem rechten Zeigefinger beschrieb er kleine Kreise an seiner Schläfe, wollte so seinen Red-Bull-Teamkollegen Mark Webber offensichtlich zum Nachdenken auffordern, gab ihm die Schuld für das Geschehene. Wenige Momente zuvor war Vettel am Ende der langen Geraden mit dem Australier kollidiert, was Vettel das Rennen und Webber den Sieg kostete. Der dann folgende Fingerzeig jedoch könnte den deutschen Formel-1-Fahrer noch deutlich mehr kosten: Sympathien bei Kollegen und Fans, sowie - letztlich für seine sportlichen Ambitionen viel wichtiger - den WM-Titel.

An der schnellsten Stelle der Strecke hatte Vettel in Runde 40 des Rennens in der Türkei den folgenschweren Überholversuch gewagt. Wissend, dass der Red Bull des Teamkollegen bereits im Sprit-Spar-Modus unterwegs war und auch er bald den Verbrauch und somit das Tempo würde drosseln müssen, wollte er die wohl letzte Chance nutzen. Mit aller Macht. Mit zu viel Risiko.

Dreimal war Webber zuletzt von Pole gestartet, hatte die vergangenen zwei Rennen gewonnen. Der 33-Jährige stand kurz vor einem Hattrick und dem Ausbau seiner Führung in der Gesamtwertung. Eine denkbar unschöne Situation für Vettel, der vor Beginn der Saison von den meisten Beobachtern als klare Nummer eins im Team gesehen wurde, als erster Anwärter auf den Titel galt. Und es ist kaum davon auszugehen, dass er dies nicht ähnlich empfand.

Ein offensichtlich nervöser Vettel

Nun aber fährt der härteste Konkurrent im eigenen Team. Red Bull hat immer betont, beide Piloten gleich zu behandeln. Aber auch Vettel weiß: Enteilt Webber ihm in der Fahrerwertung, wird Red Bull den Australier favorisieren. Denn letztlich ist das wichtigste Ziel für den österreichischen Rennstall der Fahrertitel. Eine Situation, die Vettel offensichtlich nervös macht. Die für ihn untypisch aggressive Reaktion nach dem Crash und der zerknirscht wirkende Auftritt vor den Fernsehkameras sind Ausdruck dessen. Das äußerst riskante Überholmanöver gegen Webber ohnehin, für dessen Ausgang nicht nur Mercedes-Pilot Nico Rosberg ("ganz klar Sebastians Fehler") Kollege Vettel schuldig sprach.

Die Folgen sind bekannt: Anstatt nach einem wahrscheinlichen Red-Bull-Doppelsieg mit sieben Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Webber als Zweitplatzierter zum kommenden Grand Prix nach Kanada zu reisen, wird Vettel nur auf Rang fünf gelistet. 15 Punkte hinter dem Teamkollegen. Zwischen den beiden liegen die McLaren-Piloten Jenson Button und Lewis Hamilton sowie Ferraris Fernando Alonso - allesamt bereits Weltmeister und zumindest die beiden Briten in einem aktuell starken Auto sitzend. Keine Konkurrenz also, die sich so einfach wieder vertreiben lassen wird.

Vettel muss sich zügeln

Natürlich ist nach sieben Saison-Rennen die Chance für Vettel, jüngster Weltmeister der Formel-1-Geschichte zu werden, weiterhin gegeben. Jedoch wird der 22-Jährige sich in seiner Fahrweise zügeln müssen. Zweifellos ist der Mut zum Überholen zu loben und Stallorder, wie sie Ferrari vor einigen Jahren betrieb, zu verurteilen. Die Zuschauer wollen Racing sehen und nicht das lange Zeit exzessiv betriebene Hintereinanderherfahren.

Vettel ist nur eines wichtig. Er will Weltmeister werden.

Dazu muss er lernen, taktischer zu fahren, sich auch mal mit weniger als dem Sieg zufrieden zu geben. Bereits in der vergangenen Saison gab es eine ähnliche Situation, als Vettel beim Auftaktrennen in Australien gegen den deutlich schnelleren Polen Robert Kubica mit aller Macht seinen zweiten Platz verteidigen wollte, er mit dem damaligen BMW-Sauber-Piloten kollidierte und beide ausschieden. Drei Runden vor Schluss. Statt mit sicheren sechs Punkten für Rang drei in die Saison zu starten, stand auf dem Ergebnisbogen das ungeliebte DNF. Did not finish.

Speziell in der laufenden Saison, in der es ungewöhnlich viele Titelkandidaten gibt, werden am Ende des Jahres aber wenige Punkte über Triumph oder Tränen entscheiden. Da ist ein unscheinbarer vierter Rang letztlich mehr wert als ein starkes Rennen, das nicht beendet wird.

Bislang waren es technische Mängel, die Vettel 2010 um wichtige Punkte brachten. Eine defekte Zündkerze in Bahrain, eine defekte Radmutter in Australien, Balanceprobleme in Barcelona. In der Türkei bewegte sich der Bolide nun endlich einmal fehlerfrei. Dass er diese Zuverlässigkeit bis zum Ende der Saison dauerhaft zeigen wird, erscheint fraglich. Somit sind Punkte, die aus eigenem Verschulden verschenkt werden, doppelt ärgerlich auf dem Weg zum großen Ziel.

Auch ein angespanntes Verhältnis zum Teamkollegen ist nicht von Vorteil. Da aber bislang noch keiner der beiden Red-Bull-Piloten die Schuld am Desaster für das Team, das um 28 Punkte und die Führung in der Konstrukteurswertung gebracht wurde, auf sich nahm, wird die Beziehung zwischen Webber und Vettel sicherlich abkühlen. Der Australier kündigte bereits an: "Sebastian und ich werden uns unterhalten und wahrscheinlich unterschiedliche Meinungen haben."

Ihr Ziel aber bleibt dasselbe.