Renn-Analyse Autoscooter im Steuerparadies
Danke Juan Pablo Montoya! Man mag vom kolumbianischen Hasardeur im weißblauen Dress des BMW-Williams-Teams halten, was man will, aber über das Gespür für den richtigen Moment verfügt er zweifellos. Da war kurz zu befürchten, dass Michael Schumacher das kleine Rennchaos auf den Straßen von Monte Carlo nutzen könnte, um sich doch noch auf den ersten oder zumindest zweiten Platz vorzuschieben. Ach je. Schon kreisten die Gedanken wieder in gewohnten Bahnen. Würde es doch nix werden mit dem Wunder von Monte Carlo? War der vierte Platz im Qualifying nur ein weiterer perfider Trick von Ferrari, um Spannung vorzutäuschen?
Dabei versprach die überraschende Startaufstellung doch eine kleine Sensation - und beflügelte die Phantasie. Wenn Michael Schumacher nicht auf dem Siegerpodest in Monaco stehen und damit einen neuen F1-Startrekord aufgestellt haben sollte, wären dann sogar alle scheinbaren Gesetzmäßigkeiten dieses Wochenendes außer Kraft gesetzt? Würde Horst Köhler doch nicht Bundespräsident werden? Der Abonnementsvierte Mainz 05 gar in die Fußball-Bundesliga aufsteigen? Nein, nein, nein, es geschehen halt keine Wunder. Am Sonntag Nachmittag um kurz vor halb vier war Horst Köhler bereits gewählt, Mainz lag wie immer auf Platz vier und Michael Schumacher führte in Monaco. Mal abgesehen von dem Safety-Car, das vor ihm fuhr, weil Fernando Alonsos Renault nach einem Crash von der Piste geräumt werden musste.
Alles war so wie immer, ewig grüßt das Murmeltier. Aber dann kam Montoya. Wie er während des Überholverbots in der Safety-Car-Phase in Michael Schumachers Ferrari hineinrauschte, weil der Weltmeister einmal kurz auf die Bremse getreten hatte, verdient in seiner konsequenten Dummheit Respekt. Man durfte ja schon viele schwer nachvollziehbare Manöver des Kolumbianers bewundern, aber die Aktion im Hafentunnel von Monte Carlo taugt zum Highlight im persönlichen Kuriositätenkabinett Montoyas.
"Der hat einfach gepennt", entfuhr es RTL-Kommentator Christian Danner spontan, womit der ehemalige Rennfahrer bereits das Ergebnis aller folgenden Diskussionen um diese Szene vorwegnahm. Nach dem Rennen sollte David Coulthard, einer allzu engen Freundschaft mit Michael Schumacher unverdächtig, noch deutlichere Worte für Montoyas Fehltritt aufs Gaspedal finden. Dass Montoya in der kommenden Saison Coulthards Platz bei McLaren-Mercedes einnimmt, dürfte bei der Beurteilung des Vorfalls eher eine untergeordnete Rolle spielen. In jedem Fall können sich die Silberpfeile, die bislang nur Probleme mit ihren Autos - und weniger mit den Fahrern - haben, jetzt auf einen Piloten freuen, der in seiner geistigen Frische gut zur technischen Verfassung des Teams zu passen scheint. Die Rennkommissare hatten im Übrigen nichts gegen Montoyas Einlage, die Fia-Stewards sahen einen "normalen Rennunfall".
Rennen in Monaco: Promi-Auflauf im Fürstentum
Andererseits: Noch mal danke, schließlich machte Montoyas Schubser den Weg frei für den ersten Grand-Prix-Sieg von Jarno Trulli im Renault, und es war doch erfrischend, die italienische Hymne bei einer Siegerehrung mal als erste vorgespielt zu bekommen. Ganz abgesehen davon, dass Jenson Button im BAR-Honda und Trulli im Renault nun nur noch 18 und 19 Punkte hinter Michael Schumacher liegen und zumindest eine Ahnung von Spannung vermitteln. Außerdem schaffte, zweifellos beflügelt von Montoyas forschem Tun, sogar Mainz 05 ein paar Minuten später den Aufstieg in die erste Liga. Wunder gibt es eben immer wieder. Vor allem in Monaco.
Denn die definitiv Formel-1-untaugliche Rennstrecke sorgt schon durch ihre Enge zwangsläufig für ein gewisses Durcheinander. Zum einen zeigten die Rauchsignale aus diversen Autos, dass Motor und vor allem Getriebe der auf Hochgeschwindigkeitskurse ausgelegten Boliden auf der langsamen, enorm schaltintensiven Piste schnell an ihr Limit geraten. Zum anderen klappen manche Manöver einfach nicht, die auf anderen Kursen womöglich für durchschlagenden Erfolg gesorgt hätten. Takuma Sato im BAR-Honda etwa hatte sich seinen Todesritt durch die Mitte beim Start anscheinend von Jarno Trulli abgeschaut, der mit exakt dem gleichen Manöver vor zwei Wochen in Barcelona Michael Schumacher und Juan-Pablo Montoya düpiert hatte.
Nur in Monte Carlo reicht der Platz für solche Aktionen nicht aus, und so knallte Sato sowohl gegen Schumachers Ferrari als auch gegen Kimi Räikkönens McLaren-Mercedes, bevor der Japaner sich mit Motorschaden verabschiedete - und dabei unfreiwillig die Kehrseite des reizvollen Anachronismus Monte Carlo deutlich machte. Denn jeder Un- oder Ausfall sorgt hier sofort für extrem gefährliche Situationen: Dass Giancarlo Fisichella im Sauber, behindert durch den Rauch aus Satos Motor, bei seinem spektakulären Überschlag zwei Streckenposten nur um Haaresbreite verfehlte, war nichts als Glück.
Die Eigentümlichkeiten der Stadtschluchten am Mittelmeer lassen schließlich auch nur begrenzte Rückschlüsse auf den weiteren Verlauf der Saison zu. Sicher, Trullis Sieg war kein Zufall, doch auf den kommenden, regulären Rennpisten steht zu befürchten, dass Ferrari seine Überlegenheit erneut ausspielen wird (en passant: Schumacher-Adlatus Rubens Barrichello wurde in Monte Carlo Dritter). Dann dürften auch wieder mehr als neun Autos das Ziel erreichen, so dass der bemerkenswerte siebte Rang Nick Heidfelds im nicht wirklich wettbewerbstauglichen Jordan diese Saison wohl einmalig bleiben würde.