Renn-Analyse Der durstige Sieger
Gerechte Strafe? Dummheit? Oder einfach nur kollektives Unglück? Was auch immer der Grund war - man durfte schon darüber schmunzeln, dass beim Großen Preis von Malaysia ausgerechnet die beiden Boliden der Motorentrickser von BAR-Honda schon nach wenigen Runden, begleitet von Rauch und Feuer, auf dem Rasen neben der Piste ausrollten. Zur Erinnerung: Das englisch-japanische Team hatte beim ersten Rennen in Melbourne beide Fahrer Sekunden vor Schluss mit "taktischen Defekten" aus dem Rennen genommen, um an diesem Wochenende neue Aggregate verwenden zu können.
Es nutzte alles nichts, die Überflieger der vergangenen Saison haben einen rabenschwarzen Start in das Rennjahr 2005 hingelegt. Neben Sauber-Petronas, bei denen vor allem Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve mal wieder seiner Form hinterherfährt, ist BAR-Honda bislang zweifellos die größte Enttäuschung der Formel 1.
Pech für Webber
Fast alle Erwartungen erfüllt hat dagegen Renault. Der Sieg des Spaniers Fernando Alonso ist umso höher einzuschätzen, weil er das halbe Rennen über mit dem so ziemlich schlimmsten Defekt kämpfen musste, der einen Fahrer bei den enormen Temperaturen in Malaysia ereilen kann: Seine ins Cockpit eingebaute Trinkflasche war kaputt. Was zur Folge hatte, dass Alonso bei der Siegehrung wegen Wassermangel fast zusammenklappte. Der Champagner, den Nick Heidfeld auf ihn spritzte, half da nur bedingt weiter.
Heidfeld als Drittplatzierter wiederum profitierte bei seiner Aufholjagd von Startplatz zehn aus davon, dass sein australischer Teamkollege Mark Webber zum großen Pechvogel des Rennens geriet: Zunächst hätte ihn ein in die Kurve schlitternder Ralf Schumacher fast von der Piste gedrängt. Webber reagierte glänzend, kollidierte aber kurz darauf mit Giancarlo Fisichella, der halsstarrig das Überholmanöver des BMW-Williams-Piloten blockierte, obwohl sein Renault längst nicht mehr die volle Leitung brachte.
Neben Nick Heidfeld konnte sich insbesondere Toyota über den Crash kurz hinter der Spitze freuen: Mit Platz zwei für Jarno Trulli und Rang fünf für Ralf Schumacher schnitt das oft geschmähte Team, dessen mäßige Leistungen bisher nie den enormen finanziellen Mitteln entsprachen, wesentlich besser ab als für diese Saison erwartet.
"Schwierig, aber nicht hoffnungslos"
Die Lage das anderen roten Rennstalls brachte dessen Cheffahrer Michael Schumacher hingegen kurz nach dem Rennen auf den Punkt: "Schwierig, aber nicht hoffnungslos". In der Tat war der siebte Platz für Weltmeister Schumacher noch das Beste, was nach dem missratenen Qualifying und angesichts der derzeit hoffnungslosen Unterlegenheit insbesondere der anscheinend zu hart angemischten Bridgestone-Reifen möglich war.
Andererseits rieb man sich aber nicht nur wegen der frühen Morgenstunde hierzulande die Augen, wenn man mit ansehen musste, wie sehr Schumacher im Ferrari kämpfen musste, um überhaupt mit den erneut sensationell laufenden Red Bull Racing-Boliden von David Coulthard und Christian Klien mitzuhalten.
Was nach dem ersten Rennen zu ahnen war, scheint jetzt Gewissheit zu werden: Für Ferrari hängt in diesem Jahr alles davon ab, wie gut der neue Wagen mit der Typenbzeichnung F 2005 einschlagen wird - womöglich bereits in zwei Wochen in Bahrein statt wie geplant erst beim vierten Grand Prix der Saison in Barcelona. Solche Eile verrät aber auch, wie nervös man angesichts des ungewohnten Hinterherfahrens bei Ferrari geworden ist. Denn bei der erfolgsverwöhnten Scuderia belächelt man normalerweise die Hektik, mit der die Konkurrenz gelegentlich ans Werk - und anschließend im schlimmsten Falle - baden geht.
Heiße Luft bei McLaren-Mercedes
Abgesehen davon hat man im Gegensatz zu den vor Saison eigentlich auch als Titelfavoriten gehandelten McLaren-Mercedes zumindest noch den Trumpf des neuen Wagens im Ärmel. Bei den Silberpfeilen hingegen reichte es mit jenen Wagen, die das ganze Jahr über an den Start gehen werden, erneut nur zu einem ziemlich mittelprächtigen Ergebnis mit Rang vier für Juan-Pablo Montoya und dem zehnten Platz für Kimi Räikkönen. Das kaputte Ventil an Räikkönens Hinterreifens setzt zudem die Pannenserie des Vorjahres fort: Immerhin scheint man sich bei McLaren-Mercedes darauf verständigt zu haben, dass kein Teil zweimal den Geist aufgeben darf - dafür aber immer wieder ein anderes.
Doch McLaren-Mercedes und Ferrari sind im Moment ohnehin nur Randnotizen der Formel 1. Seit Sonntag, 20. März 2005, 9.40 Uhr MEZ, gibt es einen neuen Topfavoriten: Renault. Wobei es sich noch als großes Problem für Teamchef Flavio Briatore erweisen könnte, wer denn im Zweifelsfall Weltmeister werden darf: Giancarlo Fisichella, der Sieger von Melbourne - oder Fernando Alonso, der Sieger von Malaysia. Oder doch ein lachender Dritter.