Renn-Analyse Der totale Plattfuß
Wenn man zu einem bestimmten Moment den Ort größtmöglicher Schadenfreude auf der ganzen Welt lokalisieren konnte, dann am gestrigen Abend um 20 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit. Es handelte sich um die japanische Hauptstadt Tokio, in der sich auch die Zentrale des Reifenherstellers Bridgestone befindet. Was hat man sich dort in den vergangenen Jahren nicht alles anhören müssen über die eigene Unfähigkeit, stets einen konkurrenzfähigen Formel-1-Pneu parat zu haben, was haben sich die anderen Teams und deren Fans nicht schon über den vermeintlichen Wettbewerbsnachteil von Ferrari amüsiert, von den Hinterbänklern Jordan und Minardi mal abgesehen.
Angesichts dieser Spöttelei bringt man ein gewisses Verständnis dafür auf, wenn am Sonntag um 20 Uhr der eine oder andere bei Bridgestone in aller fernöstlichen Zurückhaltung, sagen wir mal, ein wenig gelächelt haben sollte über das größte anzunehmende Desaster, das den Konkurrenten Michelin soeben ereilt hatte: Weil die Franzosen es nicht fertiggebracht hatten, einen rennfähigen Reifen für den ungewohnten Rillenbelag von Indianapolis zu liefern, starteten die von ihnen belieferten Teams erst gar nicht zum Großen Preis der USA.
Grand Prix der USA: Aufruhr an der Rennstrecke
Womit der ganze Skandal dieses Wochenendes auch schon beschrieben wäre - denn alles andere ergab sich erst aus dem rätselhaften Versagen der französischen Gummimischer. Schade war es da vor allem, dass angesichts dieser Panne anschließend niemand beim Reifenlieferanten den Mut hatte, öffentlich zu sagen: Jawohl, wir sind schuld, dass es plötzlich so leer auf der Piste geworden war. Stattdessen wurde in bester Formel-1-Manier buchstäblich bis zur letzten Sekunde hinter den Kulissen gefeilscht und gehandelt - und somit auch noch fahrlässig in Kauf genommen, dass die Zuschauer am Fernseher und vor allem auf den Rängen des Indianapolis Motor Speedway angesichts des Geisterstarts völlig vor den Kopf gestoßen wurden.
Dennoch können diese Zumutungen nie und nimmer jene Durchgeknallten entschuldigen, die Flaschen und Dosen auf eine Piste warfen, auf der immerhin noch sechs Piloten mit Geschwindigkeiten von über 300 Stundenkilometern um die Wette rasten. Solche Leute hätten sich in früheren Jahrhunderten vermutlich an öffentlichen Hinrichtungen ergötzt.
Dennoch - die Farce spielte sich am gestrigen Abend nicht auf, sondern am Rande der Piste ab. Dort, wo noch während des Rennens gewundene Presseerklärungen verfasst wurden, in denen die Michelin-Teams mehr oder weniger deutlich dem Rennsportverband Fia die Schuld am Rumpf-Rennen gaben. Was ziemlich bemerkenswert erscheint, wenn man bedenkt, dass die Fia nichts anderes getan hat, als sich an die Regeln zu halten.
Für das schleimigste Statement sorgte aber zweifellos der immer mal wieder auf die Unterstützung der anderen Rennställe und insbesondere des Formel-1-Impresarios Bernie Ecclestone angewiesene Minardi-Teamchef Paul Stoddart. Der Australier, dessen Team wie Ferrari und Jordan Bridgestone-Reifen fährt, ließ der Welt allen Ernstes wissen, er "habe Mitleid mit den Michelin-Teams" und könne "aus dem heutigen Rennen keine Befriedigung" ziehen. Ach ja, er sei dann aber entgegen seines ursprünglichen Entschlusses trotzdem gestartet, natürlich nur, weil die gemeinen Jordan-Boliden auch ins Rennen gegangen seien.
Kaum weniger merkwürdig wirkte aber auch die Haltung von Renault, McLaren-Mercedes, BMW-Williams & Co., sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen für ihre großartige Haltung, wichtige WM-Punkte wegen Sicherheitsbedenken sausen zu lassen. Als wenn es da etwas zu überlegen gäbe! Als wenn es eine großartige Leistung wäre, seine Fahrer nicht mit lebensgefährlichen Reifen auf eine von Betonmauern umschränkte Hochgeschwindigkeitspiste rauszujagen - und nicht schlicht eine Selbstverständlichkeit, über die man kein weiteres Wort verlieren muss. Und die man schon gar nicht als Entschuldigung verbreiten sollte, wenn man sich nicht der Peinlichkeit preisgeben will.
Es bleibt trotz solcher Dreistigkeit die Frage: Hätte es eine Alternative zum Mini-Grand-Prix von Indianapolis gegeben? Ehrlich gesagt: kaum. Der kurzfristige Einbau einer Schikane etwa hätte alle Teams eingebremst - mithin auch jene, die im Hinblick auf die ursprünglich vorgesehene und verbindliche Streckenführung alles richtig gemacht hatten. Sicher, aus Gründen der Solidarität hätte Ferrari auf diesen Vorschlag eingehen können. Doch solche Solidarität ist im knallharten Konkurrenzkampf der mittlerweile von Großkonzernen beherrschten Formel 1 schon seit langem - wenn überhaupt - nur noch in monatlangen Verhandlungen zu erreichen und nicht ad hoc an einem Rennwochenende.
Wer nun über die Starrköpfigkeit von Ferrari meckert, stelle sich die Situation einmal umgekehrt vor. Angenommen, Bridgestone wäre nicht in der Lage gewesen, einen sicheren Reifen zu liefern und Ferrari hätte eine Veränderung des Rennkurses gefordert. Die Empörung bei den anderen Teams und deren Fans über eine solche Extrawurst für die Scuderia wäre vermutlich und zu Recht groß gewesen.
Eine Möglichkeit wäre es gewesen, am Sonntag auf den höhnisch klingenden Vorschlag des obersten Rennkommissars Charlie Whiting zu hören, der den Michelin-Teams empfahl, "einfach etwas langsamer zu fahren" - wenn es dann nur an der Geschwindigkeit läge. Doch natürlich wäre auch dann ein grotesker Rennverlauf entstanden, über den das Publikum empört gewesen wäre. Genauso wie - mit etwas Verzögerung - über die Idee, mit Schikane zu fahren und anschließend den Michelin-Teams die Punkte abzuerkennen. Oder über eine Absage des ganzen Rennens.
Tatsächlich waren die Entscheidung der Fia und die daraus gezogenen Konsequenzen der Rennställe, so seltsam sie auch anmuten, richtig: Wer kein rennfähiges Auto stellen kann, fährt nicht mit. Falls bei Minardi ein paar Schrauben locker sind, kräht kein Hahn danach. Dass es nun gleich 14 Autos erwischt, ist Pech - und zugleich der schlagende Beweis für die zügige Einführung des Einheitsreifens, wie von der Fia für 2008 angedacht.
Wenn alle Teams den gleichen Pneu verwenden, hört die absurde Jagd nach dem immer perfekteren, von Woche zu Woche neu gemischten Gummi auf - die wohl letztlich zum totalen Plattfuß bei Michelin führte. Abgesehen davon kann kein Außenstehender die technischen Fortschritte der Reifen wirklich nachvollziehen - im Gegensatz zur technischen Entwicklung der Boliden, die immer schon einen Teil der Formel-1-Faszination ausmachte. Wenn es in absehbarer Zeit übrigens darum gehen wird, wer den Einheitsreifen herstellen darf - nun, für diese Diskussion hat sich Minderheiten-Lieferant Bridgestone am vergangenen Wochenende ein paar gute Argumente gesichert.