Renn-Analyse Die Farce im Feuchtgebiet
Das Bild, das sich dem Zuschauer auf dem Siegerpodest zeigte, sagte alles über dieses Rennen aus: Ganz oben stand Kimi Räikkönen, der am Ende des Rennens eigentlich Zweiter gewesen war, links neben ihm schüttelte Giancarlo Fisichella, der eigentlich vorne lag, unmerklich den Kopf, auf dem Platz für den Dritten stand gar niemand, weil Fernando Alonso nach seinem schweren Unfall während der Siegerehrung im Krankenhaus lag.
Richtig, der Grand Prix von Brasilien war das totale Chaos oder, wie Mercedes-Chef Norbert Haug hinterher bemerkte: "Wir haben einen Riesenschrottplatz hier gesehen. Ich bin froh, dass das Rennen vorbei ist." Natürlich war Haug auch ganz besonders froh, dass Räikkönen schon wieder oben auf dem Treppchen stand, aber man darf dem erfahrenen Sportdirektor wohl abnehmen, dass er einige Ängste um die Gesundheit seiner Piloten ausgestanden haben dürfte.
Denn dass auf dem Kurs von Interlagos an diesem Sonntag niemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist, gleicht einem Wunder. Und es ist ganz sicher nicht das Verdienst der Rennleitung, auch wenn der fröhlich grinsende Niki Lauda den Rennkommissaren im RTL-Studio bescheinigte, "gerade unter diesen widrigen Verhältnissen besonders umsichtig" gehandelt zu haben - weil sie gleich fünfmal das Safety-Car auf die Strecke schickten.
Nur - es waren dieselben Fia-Kommissare und insbesondere Rennleiter Charlie Whiting, die am Freitag kaltlächelnd eine Protestnote der Fahrer in den Papierkorb warfen, in der die darauf hinweisen, dass die Rennstrecke bei dem anhaltenden starken Regen wegen Aquaplaning nicht befahrbar sei.
Die Fahrer fügten sich, wie sich am Ende immer fügen, obwohl es immerhin um ihr Leben ging. Beim Qualifying ließ der Regen dann nach - um am Sonntagmittag brasilianischer Ortszeit mit voller Wucht auf den Rennkurs niederzugehen. Angesichts der Wassermassen sah sich selbst die Rennleitung zu Zugeständnissen gezwungen: Sie ließ das Rennen 15 Minuten später starten und das Safety-Car ein paar Runden vorne weg fahren. Dann durfte Rubens Barrichello in der Pole Position endlich Gas geben: Start frei zum Großen Gerutsche von Brasilien auf dem Kurs von Aquaplagos.
Da wähnte man sich, als dann auch der sechste Fahrer an exakt der gleichen Stelle aus der Kurve schleuderte und im Reifenstapel landete. Dass der Ort, an dem auch Michael Schumacher und Juan-Pablo Montoya ihr Rennen beendeten, ausgerechnet Curva do Sol, also Sonnenkurve, heißt, machte den schlechten Witz dieser Veranstaltung nicht besser. Denn es war einfach nur pures Glück, dass Schumachers Ferrari keinen der Streckenposten zerquetschte, die sich gerade um die Wagen von Pizzonia und Montoya kümmerten, als der rote Bolide herangeflogen kam.
Tatsache ist: In der Curva do Sol stand das Wasser so tief, dass die Wagen für die Fahrer ganz offensichtlich nicht mehr richtig zu beherrschen waren - es hätten auch gut noch drei weitere Piloten an dieser Stelle rausfliegen können, wie unschwer zu erkennen war, wenn man mal all die Beinahe-Dreher an dieser Stelle beobachtete. Schuld am Curva-Chaos war allerdings nicht nur die Rennleitung. Die Fahrer müssten sich als erstes bei ihren eigenen Teams beschweren.
Denn deren Idee war es, diese Saison pro Rennen nur noch eine Sorte Regenreifen zuzulassen, die eine Profiltiefe von mindestens 2,5 Millimetern besitzen. Das schlugen die Rennställe vor, als die Fia vor der Saison Sparmaßnahmen eingefordert hatten. Mit diesen "Intermediates" kann man gut bei leichtem Niederschlag und feuchter Piste fahren, wenn allerdings irgendwo eine etwas tiefere Wasserlache steht, gerät das Auto sehr schnell ins Schwimmen.
Wie man sich dann fühlt, beschrieb Michael Schumacher so: "Bei Aquaplaning ist man nur noch Beifahrer im eigenen Auto." Sein Ausscheiden wollte er trotzdem nicht auf das Wetter und die Reifen schieben: "Der Unfall geht im Prinzip auf mich. Ich bin in der Gischt von Coulthard gefahren und habe das Aquaplaning nicht gesehen." Bei aller Kritik spricht ihre Leistung natürlich für jene sieben Fahrer, denen das Kunststück gelang, ihren Wagen wieder heil an der Box abzuliefern - zwanzig waren gestartet. Natürlich hat auch Kimi Räikkönen im McLaren-Mercedes wieder mal gezeigt, dass er dieses Jahr zu den ganz heißen Favoriten auf den Titel zählt - auch wenn er ziemlich davon profitierte, dass beim davonbrausenden Rubens Barrichello kurz vor Schluss die Technik versagte und dass die Rennleitung statt Fisichella eben Räikkönen zum Sieger erklärte.
Dabei lag der Jordan-Pilot eigentlich vorn, als das Rennen in der 55. Runde nach den schweren Unfällen von Webber und Alonso abgebrochen wurde. Gewertet wurde aber der Stand nach dem Ende von Runde 53. So wollen es die Regeln. Paragraf 154 der Formel-1-Regularien schreibt vor, dass die Reihenfolge, die zwei Runden vor dem Abbruch bestand, gewertet wird. Angesichts des Rennverlaufes aber, der teilweise die Züge einer Farce trug, wäre es konsequent gewesen, den Tourenwagen-Piloten Bernd Mayländer zum Sieger zu erklären. Der steuerte das Safety-Car und lag ohnehin die meiste Zeit an der Spitze. Kein Wunder eigentlich: Er hatte als einziger vernünftige Regenreifen.