Renn-Analyse: Die traurigen Mäuse von Monza - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Renn-Analyse Die traurigen Mäuse von Monza

Für Ferrari lief beim Großen Preis von Italien erst einmal alles schief. Diese kurzfristigen Aussetzer bescherten dem Publikum allerdings das beste Rennen der Saison. Bei der Konkurrenz blickte man am Ende noch betrübter drein als sonst. Nicht einmal mit dem Anschieben klappte es.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hat er das wirklich geglaubt? Hat der Spanier Fernando Alonso es tatsächlich für möglich gehalten, dass die italienischen Streckenposten an der Ferrari-Heimpiste von Monza seinen Formel-1-Boliden französischer Bauart zurück auf die Piste schieben würden? Ähnlich wie vergangenes Jahr, als Michael Schumacher auf dem Nürburgring Unterstützung durch flinke und kräftige Helfer erhielt? Nix da, Signore, signaliserte ihm ein freundlicher Herr mit eindeutigen Handbewegungen, nachdem Alonso sich mit seinem Renault im Kiesbett festgefahren hatte - und man konnte sich ungefähr vorstellen, was dem Streckenposten gerade so durch den Kopf ging: "Ich? Sie zurückschieben auf die Piste? Wo Sie unseren roten Heiligtümern gefährlich werden könnten? Das glauben Sie doch wohl selbst nicht. So, jetzt aber mal raus aus der Kiste, dahinten kommt schon der Abschleppwagen." Und so trat Alonso, nachdem ihm die Aussichtslosigkeit seines Ansinnens bewusst geworden war, vor Wut einmal kräftig gegen die Leitplanke und trollte sich.

Es ist natürlich nicht so, dass Ferrari die Hilfe der treuen Streckenposten gebraucht hätte, um sich den Doppelsieg in Monza zu sichern. Das Geschehen auf der Rennpiste wirkte heute Nachmittag eher so, als wenn eine anfangs noch etwas verschlafene Katze plötzlich merkt, dass ihr die kleinen Mäuse gerade ein bisschen auf der Nase herumtanzen wollen - und das aus Mäusesicht Furcht erregende Vieh dann mal eben ernst macht.

Im wahren Leben sah das so aus: Rubens Barrichello startete mit Regenreifen und verlor nach gutem Start auf der rasant abtrocknenden Piste soviel Zeit, dass er einen außerplanmäßigen Halt an der Box einlegen musste. Scuderia-Partner Schumacher startete dagegen mit normalen Pneus und drehte sich in einer der Restpfützen um die eigene Achse. Bei Ferrari wird man sich nach den ersten drei Runden gesagt haben: Egal, was wir machen, es ist verkehrt. Ein Gefühl, dass man bei McLaren-Mercedes gut kennt. Doch dann starteten Schumacher und Barrichello eine Aufholjagd, die den Großen Preis von Italien zum vielleicht beeindruckendsten Rennen dieser Saison werden ließ. Einziger Kritikpunkt: Es ist schon frustrierend, mit ansehen zu müssen, dass Schumacher seinen brasilianischen Teamkollegen am Ende mit allen Mitteln nicht mehr überholen wollte.

Der Rest der kurz nach dem Start noch so lustigen Mäuseschar fuhr da mit seinen - im Vergleich zu den Ferrari - bunten Seifenkisten längst nur noch traurig hinterher. Oder war schon längst beim Duschen gewesen. Wie Kimi Räikkönen, den dieses Mal anscheinend ein Defekt im Kühlsystem stoppte. Bei Pannenweltmeister McLaren-Mercedes möchte man in Sachen Aussetzer dieses Jahr offensichtlich demonstrieren, dass kein Teil des Autos verschont bleiben soll. Was wohl in zwei Wochen beim Grand Prix von China kaputt gehen wird? Vielleicht fällt ja zur Abwechslung einfach der Auspuff ab.

Das ewige B.A.R-Honda-Talent Jenson Button erreichte dagegen zwar das Ziel, wirkte aber bei der Siegehrung eher so, als wenn der dritte Platz für ihn eine Strafe Gottes sei. So, wie das Rennen in Monza lief, könnte man ihn gut verstehen - denn der Brite durfte zwischenzeitlich vom ersten Fomel-1-Sieg seiner Karriere - im 82. Rennen - träumen. Doch dann zeigten die Ferrari ihre Krallen, was für Button soviel bedeutete wie: Aus die Maus.

Wie eigentlich soll sich in absehbarer Zeit etwas an diesem mitleidlosen Katz- und Maus-Spiel ändern? Als Fiat- und Ferrari-Boss Luca di Montezemolo jüngst über die aus seiner Sicht ungerechte Verteilung der Formel-1-Einnahmen wetterte und Impresario Bernie Ecclestone indirekt mit einem Boykott von Ferrari drohte, dürften die Verantwortlichen in dem einen und auch anderen Rennstall gehofft haben, dass der Italiener seiner vollmundigen Ankündigung Taten folgen lässt. Um im Bild zu bleiben: Nur wenn die Katze aus dem Haus ist, können die Mäuse auf dem Tisch tanzen.

Doch soweit wird es selbstverständlich nicht kommen, auch wenn Montezemolo schimpft: "Die Ära der Ein-Mann-Show ist vorbei. Die Formel 1 muss sich ändern und ihre Regeln überdenken. Die Situation derzeit ist lächerlich, das Spielzeug ist kaputt." Ferrari braucht schon aus Werbezwecken die Formel 1 mindestens genauso sehr wie umgekehrt. Wenn man bloß einen Gegner hätte.

Mehr lesen über