Renn-Analyse Es wird einsam an der Spitze
Also erstmal: Alle Achtung! Oder anders gesagt: So viele Achtungserfolge gab es noch selten bei einem Formel-1-Rennen. Alle Achtung verdiente etwa Ralf Schumacher, der mit seinem zweiten Platz von Montreal genau im passenden Moment endlich mal wieder aufs Siegertreppchen kletterte. Allerdings währte die Freude nur sehr kurz. Wenige Stunden nach dem Rennen wurden beide BMW-Williams wegen unzulässiger Bremslüftung disqualifiziert.
Da passt es irgendwie, dass Formel-1-Altrocker Eddie "The Eagle" Irvine in einer deutschen Sonntagszeitung höhnte, dass Toyota keinen größeren Fehler begehen könnte, als "Ralfi" Schumacher zu verpflichten. "Little Schu" kommt in dieser Saison einfach nicht vom Fleck, auch wenn er ein tolles Rennen fährt.
Vielleicht ahnte Ralf Schumacher bereits die drohende Disqualifikation, als er nach seiner triumphalen Fahrt mit versteinerter Miene auf dem Treppchen stand und den Champagner freudlos an die Mechaniker weiterreichte. Neben ihm dagegen hüpften Michael Schumacher und Rubens Barrichello dermaßen begeistert über die Bühne, als wären es ihre ersten Erfolge im Rennsport überhaupt. Nun - zumindest war es ein besonderes Rennen für Ferrari. Aber dazu später mehr.
Hut ab vor Räikkönen
Alle Achtung, Teil zwei, gebührt nämlich, wer hätte das gedacht, Kimi Räikkönen! Der Finne fuhr mit seinem ewigen McLaren-Mercedes-Auslaufmodell tatsächlich in die Punkteränge, obwohl dieses Mal - man lässt nichts aus bei den Silberpfeilen - das Lenkrad klemmte und Räikkönen eine Strafe kassierte, weil er bei der Boxenausfahrt die durchgezogene Trennlinie zur Piste überfuhr. Man kann ihm zugute halten, dass es möglicherweise am Lenkrad lag oder Räikkönen gerade irritiert in den Rückspiegel blickte, weil immer noch keine Rauchwolken aus seinem Wagen emporstiegen.
Alle Achtung, die dritte, geht natürlich an Timo Glock. Bei seinem Formel-1-Debüt fuhr der 22-Jährige aus Dinklage im Jordan in Folge der Disqualifikationen der BMW-Williams- und Toyota-Boliden auf Platz sieben und landete damit sogar noch vor seinem Teamgefährten Nick Heidfeld. Dass Glock nur deshalb ans Steuer rückte, weil der etatmäßige Fahrer Giorgio Pantano offenbar Ärger mit einem Sponsor hat, demonstriert zwar einmal mehr, dass es nicht so sehr auf die Leistung ankommt, wenn man ein Formel-1-Cockpit erobern will - doch das Rennergebnis spricht klar für den Newcomer. Nebenbei feierte durch Glock auch endlich das Autoland Niedersachsen seinen Einstand in der Königsklasse des Rennsports - der sich VW bekanntlich seit Jahren beharrlich verweigert.
Was umso betrüblicher wirkt nach einem Rennen, das einmal mehr klar gemacht hat, wie sehr Ferrari ein belastbares Konkurrenzprodukt fehlt. Beide Renaults, bislang auf Rang zwei der Konstrukteurswertung, kamen nicht ins Ziel, und der wiederholte Motorschaden bei B.A.R-Honda-Crashpilot Takuma Sato bewies erneut, dass Jenson Button in dieser Saison als Ein-Mann-Team an den Start geht. Zwar holte sich BMW-Williams bis zur Disqualifikation ein bisschen Reputation zurück, doch bereits der Kurs von Indianapolis, auf dem es nächsten Sonntag weitergeht, dürfte den Blau-Weißen erheblich weniger liegen. Mal abgesehen davon, dass BMW-Rennsportdirektor Mario Theisen Sinn für die Realität bewies, als er nach dem Rennen nüchtern urteilte, dass man nur im Qualifying mit Ferrari mithalten kann. Im Klartext: Siege sind von BMW-Williams bei normalen Rennverläufen in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.
Siege ohne zu überholen
Die Bilanz des Großen Preises von Montreal fällt also doch noch so aus, wie man es nach der Startaufstellung nicht unbedingt erwartet hatte: Michael Schumacher und Ferrari ziehen einsamer denn je ihre Kreise und düpierten die verzweifelt Hinterherhechelnden einmal mehr mit einer überlegenen Boxenstrategie - wobei Michael Schumacher im Gegensatz zu anderen, schnell entschiedenen Rennen dieser Saison dieses Mal auch ausreichend Geduld bewies, um bis zum letzten Tankstopp der Konkurrenz - zu warten, um sich endgültig an die Spitze zu setzen. Das Prinzip, Rennen zu gewinnen, ohne jemals überholen zu müssen, scheint Ferrari mehr und mehr zu perfektionieren.
Dass der Formel 1 ein wichtiger Bestandteil ihrer Dramaturgie abhanden kommt, wenn entscheidende, direkte Duelle auf der Rennpiste ausbleiben, kann dem Team dabei solange egal sein, wie es Erfolg hat - und weiterhin auf allen Rennpisten der Welt die Tifosi mit ihren roten Fahnen die Ränge beherrschen. Ein klein wenig aber konnte man doch mit jenen Nicht-Ferrari-Fans am Kurs von Montreal mitleiden, die auf einem Transparent den Williams-Rennstall verzweifelt aufforderten: "Signez Villeneuve!" - gebt Villeneuve einen Vertrag. Vielleicht hilft es ja. Es spricht zwar eigentlich nichts dafür. Aber auf irgendetwas muss man doch hoffen. Oder man kauft sich gleich eine rote Fahne.