Renn-Analyse Ferraris Luxusproblem
Am Samstagnachmittag um kurz vor drei schien das Unmögliche möglich zu werden. In einem Café in München-Laim saßen vier junge Burschen vor einem Großbild-Fernseher und brachen plötzlich in lauten Jubel aus: "Na, endlich!", war da zu hören und ein gebrülltes "Das gönne ich ihm, dass der auch mal so richtig danebenhaut." Der - das war Michael Schumacher, und auch wenn es nicht so richtig Sinn ergibt, ihm einen Fehler zu gönnen, war doch klar, warum die vier jungen Männer auf den Freudenausbruch erst mal eine Runde Helles zum Feiern orderten. Michael "Unfehlbar" Schumacher hatte gepatzt und war in der Startaufstellung für den Großen Preis von Imola, dem Ferrari-Heimspiel, dem sichersten von allen sicher geglaubten Siegen dieses Jahres, nur auf dem zweiten Platz gelandet. Ach ja.
Es wäre besser gewesen, wenn er gleich die übliche Pole Position gehalten hätte. Denn so keimte mit dem Trainingsersten Jenson Button im B.A.R-Honda ein zartes Pflänzchen der Hoffnung heran, um am Sonntag dann nach wenigen Runden unbarmherzig zertrampelt zu werden. Erst wehrte Multi-Weltmeister Schumacher den dicht auffahrenden Montoya seelenruhig mit breitem Hintern ab, um dann Jenson Button mit ein paar schnellen Runden, einem etwas später gesetzten und perfekt absolviertem Kurzaufenthalt an der Box auf Platz zwei zu verweisen.
Es dauerte nicht mal zehn Runden, dann war der Spuk vom Samstag vorbei. Die Stimmung in München-Laim dürfte gedämpft gewesen sein. Doch warum eigentlich?
Auf dem Weg zur Perfektion
Es sind, das wurde mit dem Großen Preis von San Marino noch deutlicher, diese Momente, die den Formel-1-Fans in der Saison 2004 den größten Genuss bereiten werden. Jene Augenblicke also, in denen sich Michael Schumacher tatsächlich herausgefordert sieht und eine kurze Demonstration seiner Überlegenheit vorführt. Auch wenn das Zwischenspiel der ersten Runde von Imola den Verdacht verstärkt, dass man bei Ferrari nur noch, nach und nach, Rennen für Rennen, alle Bestandteile eines perfekten Rennstalls testen und abhaken will: Wir haben den besten Fahrer? Häkchen. Die besseren Reifen? Häkchen. Den besten (und zugleich belastbarsten) Motor? Häkchen. Das beste Auto im Gesamtpaket? Häkchen. Im Zweifelsfall die bessere Boxenstrategie? Häkchen (in Imola bewiesen). Was fehlt denn da überhaupt noch?
Nur eines: Es könnte am besten zweiten Fahrer im Feld mangeln. Denn in Imola wurde erstmals die gemeinsame Dominanz von Michael Schumacher und Rubens Barrichello entscheidend aufgesprengt. Platz sechs mit 36 Sekunden Rückstand ist etwas zu wenig für den Brasilianer, der - nach allem, was bekannt ist - ein vergleichbares Auto wie Schumacher fährt.
B.A.R ärgert Ferrari
Besonders ärgerlich aus Sicht von Ferrari dürfte dabei sein, dass sich gleich beide Renault zwischen die eigenen Fahrer schieben konnten. Abgesehen davon scheint es Jenson Button ernsthaft auf den zweiten Platz der Fahrerwertung abgesehen zu haben, was einer mittleren Sensation gleichkommen würde und - zusammen mit den soliden Leistungen bei Renault - die Verzweiflung auf Seiten von BMW-Williams noch vergrößern dürfte.
Dass die Nerven blank liegen, bewies Juan Pablo Montoya, der als Drittplatzierter in Imola Michael Schumacher auf der Ehrenrunde per Handzeichen anpöbelte und auf der anschließenden Pressekonferenz wegen dessen aggressiven Fahrverhaltens attackierte. Allerdings stand Montoya mit dieser Meinung ziemlich alleine da. Denn sein Überholversuch gleich nach dem Start auf der Außenbahn war waghalsig und ohnehin so gut wie aussichtslos, hätte dank seiner guten Angriffsgeschwindigkeit sogar trotzdem um ein Haar geklappt - aber eben nur um ein Haar.
Dass er danach dann nach innen zog und Schumacher rechtzeitig die Lücke schloss, ließ sich auch in der dritten Wiederholung einfach nicht als unfaires Manöver ausmachen. Eher schon erinnerte es an die knallharten Manöver eines gewissen Juan-Pablo Montoya, der Überholmanöver der Konkurrenz oft rüder abwehrt als die meisten anderen Fahrer der Formel 1. Insofern zeigte sich der Kolumbianer nur einmal mehr als schlechter Verlierer und rechthaberischer Neidhammel.
Formerly known als "Silberpfeile"
Tja, und dann ist da ja noch der Deutschen zweitliebstes Team, also McLaren-Mercedes. Oder besser gesagt, es ist eben nicht da. Und es wird wohl auch nicht mehr kommen. Die Entschuldigungsarien eines Norbert Haug, der die Verzweiflung inzwischen in sich hineinzufressen scheint wie Reiner Calmund in der vergangenen Bundesliga-Saison, lassen einen neutralen Beobachter nur immer fassungsloser werden. Nur zur Erinnerung: Da redet der Motorsportchef von McLaren-Mercedes - the team formerly known as "Silberpfeile".
Dabei handelte es sich, falls sich die Jüngeren unter den Lesern nicht mehr an diese Zeiten erinnern, nicht nur um einen legendären Rennstall aus jener Ära, in der noch Wochenschauen im Kino gezeigt wurden, sondern auch um ein gut funktionierendes, bestens eingespieltes, technisch ganz vorne liegendes Formel-1-Team der vergangenen Jahre. Es muss also schon eine ganze Menge daneben gehen, um diese Stellung derart zu verspielen wie McLaren-Mercedes in diesem Jahr. Welche Konsequenzen der Einbruch für die deutsch-britische Koproduktion haben wird, dürfte einstweilen noch gar nicht abzusehen sein. Norbert Haug wird wohl noch ein paar Kummerpfunde zulegen müssen.