Renn-Analyse: Konspiration gegen Schumi - DER SPIEGEL
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Renn-Analyse Konspiration gegen Schumi

Verschwörungstheorien haben in der Formel 1 Hochkonjunktur. Für all jene, die sich auch nach dem Sieg in Indianapolis nicht mit dem sechsten WM-Titel von Michael Schumacher abfinden wollen, liefert diese Kolumne einen Ausweg. Einziges Problem: Er ist mehr als unwahrscheinlich.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das war's also. Oder? Gibt es noch irgendeinen Zweifel daran, dass Michael Schumacher sich in zwei Wochen beim Großen Preis von Suzuka in Japan seinen sechsten Weltmeistertitel sichern wird, damit in der ewigen Bestenliste auch Juan-Manuel Fangio abhängt und damit als erfolgreichster Fahrer aller Zeiten in die Rennsportgeschichte eingeht und mindestens unsterblich wird? Eigentlich nicht, denn der Über-Schumi müsste zur Titel-Sicherung lediglich auf Rang acht rollen, falls der letzte verbliebene Konkurrent Kimi Räikkönen das Rennen gewinnen sollte.

"Du, David, ich hätte da eine Bitte ..."


Weil wir Journalisten aufgrund einer speziellen genetischen Veranlagung nur dann glücklich sein können, wenn wir zum einen etwas zu mäkeln haben und zum anderen das, über das man schreibt, noch ein wenig Spannung verspricht, entwerfen wir an dieser Stelle doch mal ein kleines Horror-Szenario, das sogenannte "Modell Damon Hill über Bande". Die Älteren vor dem Bildschirm werden sich erinnern, dass irgendwann im vergangen Jahrtausend ein talentierter, junger Formel-1-Pilot aus Deutschland seinen ersten WM-Titel dadurch zu sichern wusste, dass er den erbittertsten Konkurrenten namens Damon Hill kurzerhand von der Strecke rammte. Oh pardon, tatsächlich war er natürlich nur in eine zweifelhafte Kollision verwickelt.

Wie dem auch sei, es wäre natürlich möglich, dass ein talentierter, junger Formel-1-Pilot aus Finnland, noch ohne Titel, diese Szene in einem Lehrfilm gesehen hat und nun, weil er selber kein Risiko eingehen darf, mal bei seinem Teamkollegen im Hotelzimmer anklopft: "Du, David, wo Du doch morgen beim Start direkt hinter dem Schumacher stehst - ich hätte da eine Bitte ..." Was sagen Sie? So unfair wäre man beim McLaren-Mercedes nie? Das würde David Coulthard in keinem Falle machen? So geht es in der Formel 1 doch nun wirklich nicht zu? Sicher. Die Erde ist ja auch eine Scheibe.

Genug der Spekulationen! Es gibt ja genug über das zu sagen, was tatsächlich schon passiert ist. Über einen etwa, dessen Hang zu ungestümen Ausritten und überflüssigen Drehern in unpassenden Situationen an dieser Stelle bereits mehrmals thematisiert wurde. Nein, es war kein Zufall, dass Juan-Pablo Montoya im BMW-Williams sich schon nach wenigen Runden einen Zusammenstoß mit Ferrari-Pilot Rubens Barrichello leistete und später auch noch mal über die regennasse Piste schlitterte. So kennen wir ihn und so verspielte er in konsequenter Fortführung seiner mangelhaften Risikokalkulation die letzte WM-Chance.

Amüsant war da lediglich der RTL-Fachkommentar von Ex-Fahrer Christian Danner, der befand, dass man in einer solch entscheidenden Phase der Weltmeisterschaft doch lieber keine Strafen wie jene gegen Montoya verhängen sollte, der nach dem Crash mir Barrichello einmal durch die Boxengasse schleichen musste. Was ungefähr so wäre, als wenn man forderte, in einem Fußball-WM-Endspiel doch besser gar keine Elfmeter mehr zu verhängen - nach dem Motto: Es geht ja um so viel, da tritt man schon mal zu.



Bei BMW-Williams wird man sich angesichts der schauderhaften Vorstellung von Montoya und Ralf Schumacher in Indianapolis gefragt haben, ob man im Rückblick auf diese Saison nun lachen oder weinen soll. Nachdem die weiß-blauen Boliden zu Beginn von allen Experten abgeschrieben worden waren, rollten sie die Teamwertung so richtig auf - um im entscheidenden Moment zu versagen und Ferrari auch in der Konstrukteurswertung vorbeiziehen zu lassen.

In dieser Rangliste hat beim Grand Prix der USA das Team von Sauber-Petronas den größten Sprung nach vorn gemacht. Nick Heidfeld landete auf Rang fünf und Heinz Harald Frentzen mit Platz drei sogar auf dem Siegertreppchen. Der etwas langsame Griff zur Magnumflasche Champagner verriet, dass Frentzen, immerhin mal Vizeweltmeister, im Feiern schon lange aus der Übung ist. Dennoch hat er noch einmal ein richtig großes Rennen abgeliefert, bevor er sich wohl aus der Formel 1 verabschieden muss.

Denn ob es nach der Kündigung bei Sauber-Petronas noch einmal einen Platz in einem Formel 1-Cockpit für den dauersympathischen Mönchengladbacher geben wird, darf bezweifelt werden. Also drückte Frentzen beim einsetzenden Regen von Indianapolis noch einmal so richtig aufs Gas - und es wäre ihm zu gönnen gewesen, dass er Kimi Räikkönen hätte aufhalten und damit noch einmal richtig als Held von den Titelseiten hätte strahlen können. Andererseits hätte man dann keine schönen Verschwörungstheorien (siehe oben) mehr basteln können.

Außerdem war dieser Räikkönen einfach zu stark. So wenig, wie Montoyas Abgang zufällig war, genauso wenig ist es ein Versehen, dass Kimi Räikkönen trotz der zuweilen blamablen Vorstellung seines McLaren-Mercedes-Rennstalls in dieser Saison bis zum letzten Rennen an Michael Schumachers Auspuff klebt. Der junge Finne hat so ziemlich alles, was man sich vor der Saison von ihm als größtmögliches Talent der Formel 1 versprochen hat, gehalten.

So souverän und nervenstark wie er werden Juan-Pablo Montoya und Ralf Schumacher wahrscheinlich nie fahren können. Die Zukunft der Formel 1 gehört Kimi Räikkönen und, womöglich, Fernando Alonso, der im Renault oft glänzen konnte. Es fragt sich nur, wann diese Zukunft, die sich in der Formel 1 wohl als die Epoche nach Michael Schumacher definieren lässt, denn tatsächlich anfangen wird.

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