Renn-Analyse: Mega-Frust bei der Konkurrenz - DER SPIEGEL
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Renn-Analyse Mega-Frust bei der Konkurrenz

Vor dem Saisonstart hatten sie alle große Töne gespuckt, sogar eine Wachablösung angekündigt. Nach dem Rennen in Melbourne waren sie ganz still. Zu eindeutig hatte Ferrari das Geschehen dominiert. Dass BMW-Williams oder McLaren-Mercedes bald wieder ernsthafte Gegner sind, darf bezweifelt werden. Ihr Rückstand ist riesig.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine leere Gerade. Eine lange leere Gerade - dieses Bild symbolisiert den Triumph von Ferrari beim Grand Prix von Melbourne besser als jedes andere. Schon nach wenigen Runden rückten die Fernsehkameras dieses Motiv immer wieder ins Bild. Da sausten zwei rote Wagen diese Gerade herunter, bogen am unteren Bildrand in die nächste Kurve ab - und dann passierte erst mal nichts. Anfangs raste noch ein blaues Fahrzeug knapp hinterher, später war davon auch nichts mehr zu sehen.

Ferrari eins, Ferrari zwei und dann lange, lange Zeit gar nichts. So lautet die Botschaft von der Eröffnung der Formel-1-Saison 2004. Diese "lange, lange Zeit" lässt sich auch aufs Tausendstel genau bestimmen. 34,673 Sekunden nach Michael Schumacher fuhr Fernando Alonso im blauen Renault über die Ziellinie, 60,423 Sekunden mehr brauchte Ralf Schumacher, 68,536 Sekunden trennten dessen BMW-Williams-Kollegen Juan-Pablo Montoya vom Sieger. David Coulthard im McLaren-Mercedes war überrundet, Kimi Räikkönen nach zehn Runden mit einem Motorschaden ausgeschieden. Die Überlegenheit von Ferrari war derart unfassbar, dass man als Zuschauer rätseln musste, welcher ungewöhnliche Umstand dieses für die Konkurrenz erschütternde Resultat begünstigt hatte.

Die Antwort darauf dürfte den Frust bei den Teams in Weiß-Blau und Silber allerdings noch verstärken: Es gab keine mildernden Umstände. Kein Regen, es war weder zu heiß noch zu kalt, keine Verrückten liefen auf die Piste, die Streckenführung in Melbourne bietet wenig Extreme, es kam zu keinen Kollisionen, die Motoren der meisten Favoriten hielten, haarsträubende Fahrfehler gab es nicht zu vermelden. Mit anderen Worten: Wenn man ein perfektes Formel-1-Durchschnittsrennen am Computer simulieren wollte, wäre dieser Große Preis von Melbourne ideal. Abgesehen davon, dass es eben der erste WM-Lauf der Saison war.

Doch das kann als Ausrede kaum dienen - eher verstärkt es noch den Eindruck, dass sich die Formel 1 in die Sonderklasse Ferrari und den Rest zu teilen droht. Denn Zeit zum Testen und Abstimmen war mehr als genug, jetzt aber lässt sich im besonders engen Terminkalender der Saison 2004 - erstmals stehen 18 Rennen auf dem Programm - vergleichsweise wenig an Motoren und Chassis ändern. Große Modifikationen oder gar ganz neue Autos sind im Gegensatz zum vergangenen Jahr auch nicht angekündigt.

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GP von Australien: Roter Sonntag in Melbourne

Foto: REUTERS

Das wäre ja auch merkwürdig, wo doch etwa BMW-Williams Anfang Januar seinen spektakulären neuen Renner präsentiert hat, jenen mit der so revolutionären neuen Nase, die keine sein soll oder will. Was ließ man sich im englischen Grove - der Heimat von Williams - für sein tolles neues Design feiern, um dann zum Saisonbeginn so richtig auf die Nase zu fallen. Ach nein, ist ja keine mehr da. Na, immerhin. McLaren-Mercedes dagegen schaffte es während der gesamten Saison 2003 nicht, das immer wieder versprochene neue Modell renntauglich zu bekommen, stieg dann gleich auf dessen Nachfolger um und kämpft nun, wie es bereits die Tests andeuteten, mit den Tücken des unzuverlässigen Motors.

Beim DaimlerChrysler-Konzern muss man angesichts dieser Anti-Werbung für deutsche Ingenieurskunst und Zuverlässigkeit entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Wofür geben wir eigentlich pro Jahr 300 Millionen Euro aus? Um auf der Piste gedemütigt zu werden? Das Team von Ferrari dagegen werkelte in der Winterpause still - und man darf vermuten: auch vergnügt - vor sich hin, enttäuschte die nach Sensationen dürstenden Rennreporter mit der Auskunft, dass sich gar nichts groß ändern würde und hat sich mit Sicherheit vor Lachen gebogen, als prompt daraus die Legende fabriziert wurde, nach der nun die Wachablösung in der Formel 1 unmittelbar bevorstehe.

Doch davon ist gar nichts zu bemerken. Hinter der Spitze tut sich allerdings einiges: BMW-Williams muss statt mit Ferrari um den Titel möglicherweise nun mit Renault um Platz zwei der Konstrukteurswertung streiten. B.A.R-Honda meldet Ansprüche an, das schnellste der kleineren Teams zu werden, während Toyota trotz eines Top-Etats von 250 Millionen Euro erst mal hinterherfährt. Und Nick Heidfeld hat sich mit seinem Wechsel zu Jordan wohl wie befürchtet verschlechtert, denn im spannenden Duell mit Giancarlo Fisichella im Sauber wurde deutlich, dass es dem Jordan an Leistung mangelt.

Am Ende des Rennens in Melbourne übrigens war die lange, leere Gerade noch einmal zu sehen. Da fuhr unten gerade der BMW-Williams von Juan-Pablo Montoya aus dem Bild, als oben Michael Schumachers Ferrari heranflog. Ein paar Runden lang war zu fürchten, dass der Kolumbianer sich durch die Höchststrafe einer Überrundung demütigen lassen müsste - aber dann gingen die Ferrari vom Gas und zockelten gemütlich ins Ziel. Das war allerdings auch das einzige, worüber sich Montoya uns sein Team an diesem Wochenende freuen konnte.

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