Renn-Analyse: Rückkehr der Dramatik - DER SPIEGEL
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Renn-Analyse Rückkehr der Dramatik

Bleibt das Rennergebnis des Großen Preises von Australien ein Muster ohne Wert? Nur die wenigsten Experten trauen David Coulthard nach dem Erfolg in Melbourne weitere Siege zu. Eines weiß man nach dem chaotischen Spektakel zum Saisonauftakt aber mit Sicherheit: Die Spannung in der Formel 1 ist zurückgekehrt.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eddie Jordan brachte es in einem Interview ein paar Tage vor dem Formel-1-Saisonstart in Melbourne auf den Punkt: "Worauf kommt es denn wirklich an? Auf die Show, die Show und nochmals die Show. Und die Show ist Mist. Ein Team, Ferrari, dominiert mit einem Fahrer, Michael Schumacher. Die Rennen sind langweilig wie eine Prozession."

Die neuen Regeln, die sich der Rennsportverband Fia in der Winterpause ausgedacht hatte, sollten Abhilfe schaffen und die technische Dominanz der großen Teams brechen. Das heißt, man wollte in erster Linie Ferrari stoppen. Klar, dass Nachzügler wie Eddie Jordan mit seinem traditionellen Mittelklasse-Rennstall sich die Hände rieben.

Wie groß war dann die Enttäuschung, als nach dem modifizierten Qualifying, bei dem am Ende eine einzige Runde pro Fahrer über die Startreihenfolge entscheidet, schon wieder die Roten ganz vorn standen - und das auch noch in der üblichen Rangfolge. Schumacher Erster, Barrichello Zweiter.

Und dahinter? Ach egal, wer nun wieder Dritter wird, mögen sich viele Fernsehzuschauer gedacht haben, dafür muss man nun wirklich nicht nachts um vier vor dem Fernseher hocken. Pech gehabt. Denn die Show, die da kurz vor dem Morgengrauen hier zu Lande über den Bildschirm flimmerte, war die beste seit langem. Vielleicht nicht für Eddie Jordan. Aber sicher für alle Nicht-Ferrari-Fans, die sich vor allem eines wünschen: Spannung.

Reifenwechsel als taktische Meisterleistung


Die gab es so reichlich, dass niemand, wie befürchtet, vor dem Bildschirm entschlummert sein dürfte. Auch wenn man am Ende dachte, man habe vielleicht doch geträumt: David Coulthard auf Platz eins, Mercedes-Teamkollege Räikönen auf drei. Zur Erinnerung: Coulthard startete aus der achten Reihe, Räikkönen gar aus der Boxengasse, weil er unmittelbar vor Rennbeginn noch von Regen- auf Trockenreifen umstieg. Dieser Schachzug erwies sich als taktische Meisterleistung, weil die nasse Strecke wesentlich schneller abtrocknete, als die Konkurrenz erwartet hatte.

Der junge Finne, von Niki Lauda und Michael Schumacher gleichermaßen als größtes Talent der Formel 1 gepriesen, fuhr die schnellsten Zeiten und musste nur noch einmal an die Box. Hätte er nicht noch einmal als Strafe durch die Boxengasse schleichen müssen, wäre Räikkönen möglicherweise ganz oben auf dem Treppchen gelandet.

Oder Juan-Pablo Montoya, den ein Dreher zuviel vom Siegeskurs brachte. Montoya, der bekanntlich einen BMW-Williams steuert. Jene Marke also, bei der kurz vor Saisonbeginn noch der Motorsportdirektor Gerhard Berger seinen baldigen Abschied verkündete, woraufhin fachkundige Kommentatoren vermuteten, das liege an der offensichtlichen Chancenlosigkeit des Teams in diesem Jahr. Nun ja, Ralf Schumacher, der nicht seinen besten Tag hatte, fuhr noch auf Platz acht, für den es immerhin einen Ehrenpunkt gibt.

Sein Bruder Michael hingegen sah sich als rasender Superlativ einstweilen gestoppt. Nach dem Rennen konnte er sich nicht mal mehr erinnern, wann er zuletzt nicht unter den ersten Drei landete - das ist auch schon anderthalb Jahre her.

Neue Regeln ohne sonderlichen Einfluss


Zweifellos war der teilweise chaotisch verlaufende Große Preis von Australien das Spektakel, auf das alle gehofft hatten. Die neuen Regeln aber haben dazu herzlich wenig beigetragen. Es sei denn, dass irgendwo eine Geheimvereinbarung zwischen der Fia und den Teams existiert, nach der reihenweise schwere Fahrfehler und mitunter schon verblüffende technische Pannen das Feld kräftig durcheinander würfeln sollen.

Falls nicht, bleibt der Saisonauftakt vermutlich ein Muster ohne Wert. Niemand, aber auch wirklich niemand unter den von Kai Ebel gehetzten Experten an der Rennstrecke traut etwa Coulthard im Hinblick auf seine fahrerischen Qualitäten langfristig einen Platz an der Spitze der Fahrerwertung zu. Außerdem waren Ferrari und McLaren-Mercedes noch in ihren Auslaufmodellen der vergangenen Saison unterwegs.

Die neuen Rennboliden, die in den nächsten Monaten die "Gebrauchtwagen" (Mercedes-Teamchef Norbert Haug) ablösen werden, dürften den beiden Teams weitere Vorteile bringen - es sei denn, dass man bei Mercedes den Rest des Jahres dann wieder damit beschäftigt ist, alle technischen Fehler, die möglich sind, durchzuprobieren. Das aber möchte man Haug beim besten Willen nicht wünschen, der in Melbourne das erste Mal seit langer Zeit wieder so entspannt aussah, dass man nicht befürchten musste, er würde direkt nach dem Interview vor Wut in den nächsten Reifen beißen.

Warten auf den 20. Juli


Ein entscheidender Stichtag für den Verlauf der Formel 1-Saison wird zudem der 20. Juli sein, wenn vor dem Grand Prix von Silverstone die elektronischen Fahrhilfen und automatischen Getriebe als Elektroschrott entsorgt werden. Das reklamieren bislang ausnahmslos alle Fahrer als Vorteil für sich. Man erinnert sich allerdings dunkel an Zeiten, in denen ein gewisser Michael Schumacher, aber auch Heinz-Harald Frentzen oder Jacques Villeneuve in technisch nicht unbedingt dominierenden Wagen hervorragende Ergebnisse erzielten.

Frentzen fuhr damals übrigens für Eddie Jordan. Der verfolgte die klasse Show von Melbourne mit einem Gesicht, als sähe er einer Leichen-Prozession zu. Seine Piloten fuhren, wie gehabt, hinterher. Giancarlo Fisichella wurde Elfter, Ralph Firman flog schon in Runde 17 raus. Spötter sagen, der geschäftstüchtige Ire Jordan sei mit dem neuen Reglement schon deshalb zufrieden, weil die Sponsoren seiner Wagen beim neuen Einzelzeitfahren am Ende des Qualifying endlich mal für ein paar Minuten im Bild zu sehen sind. Im Rennen ist das eher selten der Fall.

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