Renn-Analyse Überholverbot in Monte Carlo
Hätte. Würde. Sollte. Könnte. Der Große Preis von Monaco war in erster Linie ein Wettrennen der schönsten Konjunktive. Zumindest, wenn man Sonntag den RTL-Kommentatoren Heiko Waßer und Christian Danner zuhören musste. Mein Gott, dachte man da, was hätte das für ein superspannendes Rennen sein können. Wenn doch am Ende, als so 74 von 78 Runden gefahren waren, Kimi Räikkönen noch Montoya überholt hätte oder Michael Schumacher nach seiner Aufholjagd noch zu einem furiosen Schluss-Spurt angesetzt hätte. Wenn, ja, wenn ...
Blöd nur, dass jedem Zuschauer, der über einen gewissen Realitätsbezug verfügt, zu diesem Zeitpunkt noch einmal unbarmherzig klar gemacht wurde, was man ja ohnehin seit Jahren wissen müsste, aber als Formel-1-Fan gern mal wieder verdrängt: Dass man auf der einzigen verkehrsberuhigten Strecke im großen Rennzirkus, also auf dem völlig ungeeigneten Stadtkurs von Monte Carlo, nicht überholen kann. Und das ist eben kein Konjunktiv.
Fassungslosigkeit angesichts des Fernsehkommentars
Bevor man sich nun fragt, was es eigentlich soll, hier ein
Formel-1-Rennen
auszutragen, das im Sinne einer sportlichen Wettfahrt natürlich
gar kein
Rennen ist, muss man aber erst mal die Fassungslosigkeit
angesichts des
Fernsehkommentars überwinden. Denn nicht nur während der
Schlussphase,
sondern über
fast zwei Stunden versuchten uns Waßer und Danner klarzumachen,
wie der
Fahrer
x den Fahrer y wo und wann unter welchen Umständen überholen
könnte.
Dabei
hätte man das schnell und einfach während der Einführungsrunde
klären
können.
Möglichkeit 1: Beim Start.
Möglichkeit 2: Beim Boxenstopp.
Möglichkeit 3: Ein Loch in der Erde tut sich plötzlich auf, verschluckt
den
Vordermann und schließt sich dann wieder.
Stattdessen aber bauten die RTL-Bediensteten eine künstliche
Spannung auf,
indem sie in jeder zweiten Runde darauf verwiesen, wie knapp denn
die
Abstände
zwischen zwei Fahrern der Spitzengruppe seien und was für eine
unglaubliche
Belastung es doch für einen Fahrer sei, hier auf diesem engen
Kurs die
Konkurrenz so lange im Nacken zu spüren. Komisch, dass der
Videotext des
selben
Senders wenig später von einer "langweiligen"
Veranstaltung
sprach.
Fahrer kann nur ohnmächtig die Fäuste ballen
Gut, zweifellos bedarf es allerhöchster Konzentration, um im
Nadelöhr Monte
Carlo nicht irgendwann in den allgegenwärtigen Leitplanken zu
landen. Nur - dass die Piloten zusätzlich aufgeregt sein müssten wegen
des Rasers
hinter ihnen, darf man getrost bezweifeln. Denn während man bei
RTL ein
unglaublich spannendes Rennen kommentierte, zeigten die
Fernsehbilder immer
mal wieder
heftige Verbremser und Fahrfehler, die ohne jede Konsequenz
blieben.
Wo bei jedem normalen Grand Prix der Hintermann triumphierend vorbeigerauscht
wäre,
kann er in Monaco nur ohnmächtig die Fäuste ballen und hilflos
zusehen. Die
Idee, in einem solchen Moment anzugreifen, wäre Wahnsinn. Genauso
gut
könnte
man auf einer einspurigen Grüne-Plan-Straße hinter einem LKW
herzockeln.
Auch eklatante Leistungsunterschiede zwischen Autos und Fahrern
werden so
eingeebnet - und wer es schon immer ungerecht fand, dass
die einen
das
tolle und die anderen das nicht ganz so tolle Auto fahren dürfen,
der
konnte
sich etwa daran erfreuen, dass Michael Schumacher erst mal 20
Runden hinter
Jarno Trulli im Renault verbrachte.
Rennen ist ein schlechter Witz
Gegen all dies lässt sich natürlich einwenden, dass es in Monte
Carlo eben
um die beste Taktik im Qualifying und bei den Boxenstopps geht,
möglicherweise
auch noch darum, was man so herausfahren kann, wenn man gerade
mal keinen
direkten Konkurrenten vor der Nase hat. Schon richtig, und
gemessen an
diesen
Kategorien war es ein glänzender Erfolg für BMW-Williams und Kimi
Räikkönen
im
McLaren-Mercedes sowie ein herber Rückschlag für Ferraris
Wunderhai.
Aber was ist daran besonderes? Diese Kategorien zählen auch in
jedem
anderen
Rennen der Saison viel - bloß, dass dann noch der
unmittelbare
fahrerische Wettkampf auf der Piste hinzukommt. Es soll ja sogar
Nostalgiker geben,
die behaupten, dieser Wettstreit sei die Essenz des Rennsports.
Wie immer
man
es auch sehen mag: Ein Rennen, in dem es einem Fahrer 78 Runden lang
nicht
möglich ist, einen anderen zu überholen, ist ein schlechter Witz
und in
gewissem
Sinne eine Wettbewerbsverzerrung.
Wird Frauke Ludowig die neue Frau am Mikrofon?
Vielleicht sollte man den
Großen Preis
von
Monaco als Show-Spektakel weiter laufen lassen und einfach nur
aus der
Fahrer- und Konstrukteurswertung herausnehmen.
Die einzige Berechtigung für die Veranstaltung besteht ja ohnehin
darin,
den
Sponsoren mal eine schöne Partywoche in ihrem Erst-, Zweit- oder
Steuerwohnsitz zu gönnen. Dass dann so genannte Supermodels mehr
Schlagzeilen bekommen
als Rennfahrer und dass es zwischen dem ersten und zweiten
Qualifying einen
freien Tag für prominenzbefrachtete Parties gibt, weist schon
darauf hin,
dass
es sich bei der Präsentation des Ganzen in der Kategorie Sport
wohl nur um
ein Missverständnis handelt.
Das sieht man auch bei RTL mittlerweile ein. Der Geheimplan:
Nächstes Jahr
wird Grand Prix gleich als ein großes
Vier-Tage-Non-Stop-Live-Special der
Promi-Sendung "Exclusiv" übertragen. Mit Frauke
Ludowig am
Mikrofon.
Möglicher Nachteil: In den Nachtclubs könnte es spannender
zugehen als auf der
Piste.