Rennanalyse: Silber sieht Rot - DER SPIEGEL
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Rennanalyse Silber sieht Rot

Qualmende Motoren, Crashs und ein Blackout in Silber: Der Große Preis von Kanada war das chaotischste Rennen der Saison. Und wieder einmal stand sich McLaren-Pilot Juan-Pablo Montoya selbst im Weg. Dass er nicht als größter Depp in die Geschichte Montreals eingeht, verdankt er allein Nigel Mansell.
Von Jörg Schallenberg
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Man hätte sich beim Großen Preis von Kanada 2005 nicht wirklich gewundert, wenn beispielsweise Kimi Räikkönen in der letzten Runde einfach falsch abgebogen wäre statt ordnungsgemäß als Sieger die Ziellinie zu überqueren. Schließlich hatte fast die gesamte Konkurrenz des Finnen vorher alle möglichen und eigentlich unmöglichen Mittel und Wege gefunden, um vorzeitig den Abflug von der altertümlichen Piste in Montreal zu machen.

Ziemlich normal sah das noch bei Nick Heidfeld im BMW-Williams aus, der mit qualmendem Motor auf der Wiese parkte, gewohnt spektakulärer schleuderte dagegen Takuma Sato im BAR-Honda über den Kurs - so dass beim Japaner am Ende nicht der Motor, sondern die Bremsen brannten. Um mal gemein zu sein, es ist schön, dass Sato nach der Sperre seines Teams wieder dabei ist: Sowas schafft außer dem rasenden Japaner einfach niemand. Sein Teamkollege Jenson Button verspielte einen möglichen Podestplatz dagegen, indem er an einer Sollbruchstelle des teilweise teuflisch engen Kurses - auf dem der Begriff Schikane wörtlich zu verstehen ist - mit 200 Sachen die Betonmauer touchierte.

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Grand Prix von Kanada: Turbulenzen in Montreal

Foto: DPA

Der gleiche Fehler dürfte in den kommenden Wochen und Monaten auch WM-Spitzenreiter Fernando Alonso (Renault) ein paar schlaflose Nächte bereiten - sein Vorsprung gegenüber Eisberg Räikkönen im McLaren-Mercedes ist nun auf 22 Punkte abgeschmolzen.

Dazu trug natürlich auch der, nun ja, leicht überhastete Tritt aufs Gaspedal von Räikkönens Teamkonkurrenten Montoya bei, der bei den Boxenausfahrt eine rote Ampel übersah und dafür mit seinem silbernen Auto per schwarzer Flagge von der Piste gewinkt wurde. Immerhin: Dieser Fehltritt ist neu in der langen Liste von Montoyas Blackouts. Zwar nahm ihn Mercedes-Sportchef Norbert Haug nach dem Rennen in Schutz, als er feststellte, dass "diese Regel noch ziemlich neu" ist und "eine solche Situation noch nicht so oft geübt wurde", andererseits ist das Prinzip "rote Ampel heißt anhalten" den meisten anderen Autofahrern dieser Welt durchaus geläufig.

Man könnte sich nun noch ein wenig auf Kosten des Kolumbianers amüsieren - wenn das Ganze nicht eigentlich tieftraurig wäre: Zum x-ten Mal stellt sich einer der zweifellos talentiertesten Rennfahrer der vergangenen 20 Jahre durch eine völlig übermotivierte Aktion selbst ein Bein und verschenkt damit seinen Sieg - oder zumindest Platz zwei. Man muss den scharfen Unterton in der Stimme von Norbert Haug nicht überinterpretieren, um festzustellen, dass Montoya bei einigen Entscheidungsträgern von McLaren-Mercedes längst nicht mehr als Idealbesetzung des zweiten Cockpits gilt - zumal mit Alexander Wurz und Pedro de la Rosa zwei hochmotivierte und hungrige Testfahrer auf ihre Chance lauern.

Eine ähnliche Perspektive hätte man angesichts der bislang völlig enttäuschend verlaufenen Saison übrigens auch dem ewigen Ferrari-Co-Piloten Rubens Barrichello attestiert, als er nach dem ersten Drittel des Rennens in Montreal irgendwo zwischen Minardi, Jordan und Sauber im Nirwana des Feldes festhing, weil er nach einem Getriebeschaden im Qualifying aus der Boxengasse heraus starten musste. Dass ihn die Irrungen und Wirrungen dieses Grand Prix de la Confusion am Ende auf den dritten Platz spülten, war vielleicht der sympathischste Zug, den man im sonntäglichen Chaos entdecken konnte.

Denn ansonsten fanden viele der Beteiligten das zeitweilige Durcheinader inklusive Safety-Car-Einsatz weniger lustig. Die vielen wütend gereckten Fäuste nach zähen Überrundungen und missglückten Überholmanövern erinnerten verblüffend an das alltägliche Gepöbel auf der A 9 nach Feierabend - und verrieten, wie angespannt die Nerven vieler Piloten sind, die im dichtgedrängten Mittelfeld der Formel 1 um ihre Punkte und ihre Arbeitsplätze kämpfen.

Freude über den zweiten Platz

Reichlich egal dürften solche Überlegungen dem vielfachen Weltmeister und zigfachem Millionär Michael Schumacher sein. Der zeigte seine größte Gefühlsregung wie immer beim heftigen Fäusteballen, als er mit seinem Ferrari zur Siegehrung in den Parc Fermé einrollte. Selten allerdings dürfte er sich auch so sehr über einen zweiten Platz gefreut habe wie dieses Mal in Montreal, als ihm Jenson Button beim Start den Weg versperrte und die gesamte Konkurrenz links und rechts vorbeizog.

Schumacher dürfte aber Realist genug sein, um zu wissen, dass er ohne technische Probleme und Mängel in der Führerschein-Theorie wenig Chancen gegen Renault und McLaren-Mercedes besitzt. Immerhin: Platz drei in der Fahrer- und Konstrukteurswertung erscheint nun wieder als realistisches Ziel. Die Gegner in diesem Jahr heißen einstweilen BMW-Williams und Toyota, Heifeld und Trulli.

Und vielleicht auch noch Juan-Pablo Montoya - den mag trösten, dass er nicht als größter Depp des Kanada-Grand-Prix in die Annalen eingehen wird. Im Jahr 1991 führte der Brite Nigel Mansell im Williams-Renault mit fast einer Minute Vorsprung vor Nelson Piquet, damals für Benetton-Ford unterwegs. In der letzten Runde winkte er bereits siegesgewiss ins Publikum - und würgte in der Haarnadelkurve den Motor ab. Am Ende siegte Piquet, Mansell wurde nur Sechster.

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