Rennvorschau Der Krieg der Welten
Ron Dennis liebt Kunst. Und kreatives Arbeiten. Man würde es nicht sofort vermuten, aber es stimmt tatsächlich. Deswegen hat der McLaren-Chef kürzlich eine Skulpturenschau vom British Arts Council ausgeliehen, die jetzt in der überaus modernen, vom Stararchitekten Norman Foster entworfenen Firmenzentrale im südenglischen Städtchen Woking gezeigt wird.
Formel-1-Fahrer Alonso (l.), Massa: Verbissener Zweikampf zwischen McLaren-Mercedes und Ferrari
Foto: DPARund 150.000 Pfund (etwa 220.000 Euro) soll Dennis laut des Kunstmagazins "Art" bezahlt haben, um die Skulpturen drei Jahre um sich herum zu haben. Das Geld war es ihm wert, um seine Belegschaft zu "mehr Kreativität und besserer Arbeit anzuspornen". Natürlich wäre es jetzt gemein zu sagen, dass Mitarbeitern wie dem früheren Chefdesigner Mike Coughlan eher etwas weniger Kreativität gut getan hätte.
Doch es ist genau jene Sorte Spott, die sich Dennis, McLaren und Mercedes noch lange werden anhören müssen. Die Spionage-Affäre um Coughlan und den einstigen und nun ebenfalls gefeuerten Ferrari-Chefmechaniker Nigel Stepney vergiftet die Atmosphäre zwischen den beiden Teams weiterhin, die Berufungsverhandlung steht noch aus. Beim Großen Preis von Ungarn am Sonntag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird die Stimmung in der Boxengasse angespannt sein.
Schon malen manche Medien ein furchterregendes Szenario aus, in dem den rotgefärbten Silberpfeilen der Ausschluss aus der laufenden sowie der kommenden WM-Serie drohen. Das käme einem Ausschluss des FC Bayern aus der Bundesliga gleich und ist ungefähr ebenso wahrscheinlich.
McLaren-Mercedes droht kaum das Renn-Aus, dafür aber ein enormer Imageschaden und das in einer Zeit, in der Fernando Alonso mit seinem Regensieg am Nürburgring gerade den Mythos der beiden Marken mit einem weiteren legendären Rennen gestärkt hat. Besser laufen als bislang kann es ohnehin kaum: In der Fahrer- und Konstrukteurswertung liegt das Team jeweils vorn, mit Lewis Hamilton hat es einen smarten, perfekt zu vermarktenden Jungstar produziert, der für einen neuen Zuschauerboom sorgt, während sich der Ex-Angestellte Kimi Räikkönen, nunmehr Ferrari, mal wieder mit der Bierflasche in der Hand (und einem Gorillakostüm um die Schultern) ablichten lässt. Alles richtig gemacht also.
Außer sich, vermutlich unfreiwillig, mit Ferrari anzulegen, dem zweifellos beliebtesten und traditionsreichsten Rennstall der Formel-1-Geschichte. Welche Auswirkung diese Auseinandersetzung auf den Rängen hat, wird sich wohl erst beim Großen Preis von Italien in Monza am 9. September zeigen, wenn Zigtausende fanatischer Ferrari-Tifosi anrücken.
Der kulturbeflissene Dennis wird wissen, dass der Schriftsteller H.G. Wells seinen Roman "Krieg der Welten" zum Teil in den Außenbezirken von Woking spielen ließ. So wie dort urplötzlich die Marsmenschen landeten, so muss auch der als überaus korrekt geltende McLaren-Boss die bösen Vermutungen empfunden haben, die über seine Firma hereingebrochen sind. Sofern tatsächlich niemand außer Coughlan bei der Konkurrenz spioniert hat.
Der Zweikampf um den WM-Titel, der auch das Rennen in Budapest dominieren wird, bekommt so einen zusätzlichen Reiz verliehen, der angesichts des dramatischen Hin und Her in dieser Saison allerdings gar nicht nötig gewesen wäre. Zuschauer beim neuen Krieg der Welten oder, nun ja, Kampf der Giganten wird auch der bisherige BMW-Sauber-Testfahrer Sebastian Vettel sein, der als Stammpilot beim Red-Bull-Ableger Toro Rosso nun immerhin etwas näher ans Geschehen heranrückt. Ernsthaft mitmischen kann er sicher nicht, denn sein neues Team holte bislang in 28 Rennen genau einen Punkt.
Für den 20-Jährigen beginnt dennoch die entscheidende Phase seiner Karriere. Dass er in seinem ersten Rennen gleich einen Punkt holte, war zwar ein Achtungserfolg, angesichts der Tatsache, dass die noch junge Kombination BMW-Sauber schon in diesem Jahr ein verblüffend gutes Auto auf die Piste gestellt hat, aber auch nicht eben sensationell. Sich in einem deutlich unterlegenen Auto im umkämpften Hinterfeld durchzubeißen, wird die wahre Herausforderung. Der junge US-Amerikaner Scott Speed ist gerade daran gescheitert. Er verlor die Nerven, nachdem er einmal mehr von der Piste gerutscht war, legte sich mit Teamchef Franz Trost an und durfte postwendend nach Hause fahren. Im schnöden Straßenauto. Für ihn wird es kaum eine zweite Chance in der Formel 1 geben.
Vettel gilt allerdings als weitaus begabter und nervenstärker, wenn nicht gar als größtes Talent des Motorsports nach Hamilton. Mit ihm startet nun bereits neben Nico Rosberg, Nick Heidfeld, Ralf Schumacher und Adrian Sutil der fünfte deutsche Rennfahrer in der Königsklasse. Außer Heidfeld schafft es allerdings niemand aus dieser Phalanx regelmäßig in die Punkteränge.
Ein wenig erinnert das Szenario an die Tour de France: Auch da starteten so viele deutsche Fahrer wie nie zuvor, doch nach vorne schaffte es keiner. Im Gegensatz zur Frankreich-Rundfahrt liegt das bei der Formel 1 natürlich nicht an irgendwelchen illegal verwendeten Tabletten, Blutkonserven oder Pülverchen. Falls man nicht gerade im Tank eines Ferrari sucht.