Schumacher-Fangemeinde Ein Volk sieht rot
Er könnte sagen, es sei das Beben
des Asphalts, wie es die Beine hochrast, in den Lungen wummert und im Kopf. Er könnte sagen, es sei das Brüllen der Motoren. Der Geruch aus Benzin, verbranntem Gummi und heißem Metall. Die rote, fahnenschwenkende Masse auf der Tribüne. Die Sucht, zur richtigen Seite zu gehören, zum ewigen Sieger. Die Wucht, die Gefahr, der Sex.
"Einmal vor Schumis Villa in der Schweiz stehen und klingeln."Er sagt es nicht. Wer mit Reiner Ferling, 52, Taxifahrer aus Düren, an der Rennstrecke steht und nach Gründen seiner Leidenschaft für Michael Schumacher forscht, hört drei Worte: "Fleißig, sauber, pünktlich".
Dann rast der rote Rennwagen heran, dann ist wieder anschwellender Boxengesang, die Gangwechsel knallen durch die Luft wie Gewehrsalven. "Verstehen Sie?", fragt Ferling - Minipli, Sonnenbrille, Schnäuzer, roter Anzug - nachdem sein Held pfeilgleich vorbeigeschossen ist und man die Hände von den Ohren nehmen und wieder denken kann. Fleißig, sauber, pünktlich - kann so ein Held sein, der "einzige deutsche Superstar", sagt Ferling, "den dieses Land zu bieten hat"? Ein Idol, ein Vorbild? "Verstehen Sie?"
"Schumi ist Vollprofi! Der hält die Gefühle raus. Job ist Job, und Privatleben ist privat. So wie bei mir."Ferlings Jagdsaison beginnt im Frühling. Dieses Jahr schnitt er Fotos seines Helden und von dessen Helfern aus Zeitungen aus und heftete sie wie Trophäen an seinen Jagdhut, einen roten Zylinder, bei Ebay ersteigert. In die Mitte kam der Kopf "vom Mischael", daneben der von Willi (Weber, Manager) und Jean (Todt, Ferrari-Rennleiter). Hintendrauf Luca (di Montezemolo, Ferrari-Präsident), Ross (Brawn, technischer Direktor) und der Inder (Balbir Singh, Masseur und Koch). Obendrauf befestigte er eine Schumi-Puppe, die ein Elektromotor um die eigene Achse dreht. Zuletzt färbte Ferlings Frau Marita, 45, den ausgeblichenen Anzug mit den Shell- und Marlboro-Aufnähern nach ferrarirot.
Jagdsaison eines Schumacher-Fans heißt: Bis zu 18 Rennen pro Jahr verfolgen mit Kai Ebel auf RTL, die Treffen mit dem Michael Schumacher Fan Club e.V., das Internet nach Infos flöhen über Punktestand, Ticketpreise. Und die Sammlung vervollständigen: Schumi-Schuhputzmaschine, Baseballcaps jedes WM-Sieges, Fotos für die Alben. Vor acht Jahren kaufte Ferling ein Schumi-T-Shirt, er wurde Fan. Vor vier Jahren sah er sein erstes Rennen in Malaysia. Es war das Geräusch, sagt Ferling, dieses schreiende Jaulen der Motoren. Wie ein Tier, das es zu bändigen gilt. Es war wie ein Lockruf. Er wurde süchtig.
Und er begriff, dass seine Leidenschaft etwas war mit Zukunft. Asiatische Zeitungen hatten Fotos gedruckt, auf denen Ferling unter einem Reishut jubelte, an die Krempe hatte er kleine Lautsprecher genäht, über die er eine CD mit Motorengeräuschen spielte, um die Hüfte hatte er sich eine Ferrari-Fahne wie einen Sarong geknotet. Ferling bekam eine Ahnung davon, wie es ist, selbst Star zu sein. Auch dieses Gefühl macht süchtig.
"Der einzige Superstar, den dieses Land zu bieten hat."Im Spätsommer ist Treibjagd - die schönste Zeit im Jahr eines Schumacher-Fans. Am 29. August 2004, dem Tag, als Schumacher in Spa Weltmeister wurde, zum siebten Mal, war Ferlings Festtag. Er bat seine Frau, sich ausnahmsweise ein rotes T-Shirt anzuziehen, gemeinsam fuhren sie in ihrem "Ferrari für Arme", einem kirschroten BMW, nach Kerpen, Schumis Heimatort und Pilgerstätte der Fans.
Im Michael Schumacher Kart-Center in der Michael-Schumacher-Straße 5 neben der Autobahn hatten 200, 300 Fans ein paar Ehrenrunden gedreht, waren durchs Museum "Die Welt der Schumachers" gelaufen. Hatten die Rennwagen und die Rennanzüge bestaunt, sie hingen wie Rothäute kurz gewachsener Eingeborener hinter Glas. Hatten Super-8-Filme geguckt mit Michael am Steuer eines Fiat 500, da war er acht Jahre alt. Vor dem Kerpener Rathaus schwenkten sie ihre Fahnen. Es gab Würstchen und Bier, unter ihren Kappen, auf denen "Deutsche Vermögensberatung" steht, Schumis Sponsor, sahen sie aus wie Uniformierte einer Karnevalsarmee: rot gewandet, rote Nasen.
Unter ihnen stand ein kleiner, dicker Mann im dunklen Sonntagsanzug und hatte Sorgenfalten im Gesicht. Es war Kerpens Bürgermeister, er war gelangweilt vom alljährlichen Siegestaumel, und er sprach vom berühmtesten Sohn der Stadt: Adolph Kolping. Der ehemalige Schuhmachergeselle, dann Priester und Sozialreformer, 1865 gestorben, 1991 selig gesprochen, sei einer gewesen, der sich gekümmert habe um Obdachlose und Lehrlinge. Kolpings Werk, sagte der Bürgermeister, sei noch nie so aktuell wie heute - so einen brauche Deutschland jetzt dringender als Weltmeister.
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Lesen Sie im zweiten Teil vom "Wunderkinn" und einem Spielzeug-Ferrari
Ferling hörte die Worte des Bürgermeisters nicht, die Sonne schien auf die Leinwand, das Rennen war bloß zu erahnen. Während der letzten drei Runden vergaß Ferling die Plackerei des Nachts im Taxi, die vielen Urlaubstage und Euro, die seine Leidenschaft verschlingen. Er starrte auf die Leinwand, zitterte vor Spannung. Dann der Sieg, die Tröten, der Jubel. "Die Geschichte wiederholt sich", sagte der RTL-Kommentator. Ferlings Frau küsste ihn wach, er reckte die Arme in die Höhe wie alle anderen. Zu Hause dann schaute Ferling das Rennen auf Video, er wollte glauben, was passiert war. Und die Reise ins Ferrari-Land planen, sein größter Traum. In Deutschland, sagt Ferling, sehe das Volk rot, in Italien lebten sie diese Farbe.
Schumacher-Fans nennen ihr Idol zärtlich "Wunderkinn", wegen seiner Willensstärke und seines Ehrgeizes. Sie kommen aus einem Land, das den Volkswagen erfunden hat, die Autobahn, die freie Geschwindigkeitswahl - er ist ihr Sinnbild für die Siegertugenden Disziplin, Mut, Fleiß, Fitness, Tapferkeit, Schnelligkeit. "Furchtloser" und "Saubermann" sind Stereotypen, in denen ihre Sehnsüchte Platz haben. Sie verehren ihn, weil auf seine Siege Verlass ist, die letzte deutsche Hoffnung. Wo er ist, da ist oben, sagen sie. Der Einzige, der in diesen schweren Zeiten Millionen bewege: Millionen Euro, Millionen Menschen.
Das erste Schumi-T-Shirt, das erste Autogramm, der erste Hörsturz.Schumacher-Fans sind treu. Auch wenn Gleichgültige behaupten, dieser Mann tauge nicht zum Volkshelden - zu wenig Mensch, kein Charisma, keine Skandale. Auch wenn es immer schwieriger wird, Schumacher-Fan zu sein: Der Rennzirkus ist kommerziell und teuer, Schumis ewige Siege sind langweilig.
Zur Belohnung dürfen Schumi-Shopper in die Boxengasse.Das Problem der Fans jedoch: Sie jagen einem Star hinterher, der ihnen davonrast. Ein unsichtbarer Held. Über sein Gesicht zieht er eine Maske, darüber den Helm, nach dem Sieg hebt er ab im Helikopter. Früher besuchte er gelegentlich die Treffen des "1. offiziellen Michael Schumacher Fan Clubs". Schunkelte zu den Hymnen der Band "Die Genialen". Lächelte, wenn sie zur Geburt von Tochter Gina Maria einen Spielzeug-Ferrari bastelten mit extra starker Federung und Ersatzwindeln unter der Motorhaube. Heute macht sich Schumacher rar, sein größter Fanclub mit 14.000 Mitgliedern hat sich längst aufgelöst.
Wenn er auftritt, dann als dressierter Affe im roten Anzug, den der Zirkusdirektor auf die Rampe schickt mit den immer gleichen, einstudierten Gesten: Luftsprung, gereckte Siegerfaust, Champagnerspritzen, Grüße an die Omi in Kerpen.
Die, die bleiben wie Ferling, haben sogar Verständnis für die Unnahbarkeit ihres Helden. "Der Mann hat ein Recht auf Ruhe", sagen sie und halten sich doch nicht daran. Da sie seiner aber nicht habhaft werden, müssen sie seinen Spuren folgen. Sie halten ihn fest in ihren Autogrammalben. Sie fotografieren ihn, bei jeder Runde, auf jeder Rennstrecke. Meist sieht man auf diesen Fotos nur Leitplanken, abgeschnittene Heckflügel oder die Gischt vom Regen. Am liebsten aber reisen sie an jene Orte, an denen ihr Held mal war und jedes Jahr wieder sein wird. Dort warten sie an den Fan-Barrieren vor den Hotels und lauern vor den Fahrerlagern. Die Formel 1 ist ein Wanderzirkus, mit verlässlichem Spielplan. Sie folgen ihm blind.
Sie nennen ihr Idol "Wunderkinn" - wegen seiner Willensstärke und seines Ehrgeizes.Nürburg, Hockenheim und Spa sind drei der öden Orte, die deutsche Fans in blühende Landschaften verwandeln, jedes Jahr, jeweils von Donnerstag bis Sonntag, dem Renntag. In Spa-Francorchamps in den Ardennen etwa herrscht die Schumi-Schlamm-Fraktion. An den Einfahrten ihrer Fachwerkhöfe stehen Belgier, Formel-1-Kappen auf ihren Köpfen, verkaufen Dosenbier und Fan-Artikel und winken die Campmobile auf ihre Kuhweiden. Nach ein paar Tagen sieht es hier aus wie in Woodstock. Es fühlt sich nur nicht so an.
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Lesen Sie im letzten Teil von Schumacher-Kloschüsseln und einer Reise nach Maranello
Tagsüber trennen sich die wahren Fans von den Mitläufern auf den Tribünen. Entlang des Maschendrahtzauns waten sie durch Matsch und Pfützen zu den spektakulärsten Schikanen. Weil dort noch ein wenig Gefahr lauert, wie sie hoffen. Sie tragen rote Regencapes, weil es in Spa meist schüttet. Kein Problem, schließlich ist Schumi auch "Regengott". Während die Rennwagen vorbeikreischen, setzen sie gekonnt ihre Sprechpausen; dann erzählen sie ihre Geschichten zu Ende: Das erste Mal an einer Rennstrecke, das erste Autogramm, der erste Hörsturz. Und ihre Träume: in Monaco am Tunnel hängen mit Fotoapparat und Ohrstöpseln. Es bis vor Schumis Villa am Genfer See schaffen und einmal klingeln.
Nach den Rennen treffen sie sich auf den Weiden in ihren Vorzelten. Sie haben das ihnen zugewiesene Stück Rasen mit der Gartenschere gekappt, kleine Springbrunnen errichtet, ihre ordentlich geparkten Mittelklassewagen mit Lichterketten und Fahnen geschmückt. Dann wird gegrillt. Mit Frauen und Kindern, wie zu Hause. Untereinander müssen wahre Fans ihr Fantum nicht mehr erklären: Warum Schumi? "Weil er der Sieger ist." Warum ist er der Sieger? "Weil er der Schnellste ist." So sei das nun mal im Rennsport nur nicht im Leben.
Manchmal bitten deutsche Schumi-Fans auch Holländer und Briten zum Grillen, und sie reden mit Händen und Füßen. Sie errechnen die Summe, die er an einem Tag verdient: 138 666 Euro. Sie schwärmen für "Corona, äh Corinna, eine ganz Liebe, auch zu Pferden". Sie schimpfen über Formel-1-Organisator Bernie Ecclestone und dessen Wucherpreise, 200 bis 445 Euro für eine Wochenendkarte.
Auf die Verbundenheit unter europäischen Formel-1-Fans sind sie stolz. Wo sonst gibt es so etwas noch, fragen sie, unter Fußballfans jedenfalls nicht. Die bösesten Worte in diesen Nächten sind "Käsefresser" als deutsche Antwort auf das holländische "Schumiblödi". Manchmal heult im Morgengrauen eine Wehrmachtsirene auf, oder sie spielen "Schumania" von Jürgen Drews. Beides verzeihen hier sogar Holländer und Briten.
Inmitten dieser spießigen Grill-Idylle könnte man sich auch den gelernten Kfz-Mechaniker Schumacher vorstellen, wie er mit ihnen Würstchen isst, über Fliehkräfte fachsimpelt und einfach, rheinländisch, fröhlich ist. Doch der Superstar kommt nicht mehr. Nur einmal im Jahr, bei den "Ferrari Racing Days", ist es möglich, Schumacher für ein paar Minuten zu erleben, dort steigt er auch mal aus.
Schumi-Fans sind treu - auch wenn Gleichgültige behaupten, dieser Mann tauge nicht zum Helden, zu wenig Mensch, kein Charisma.Auf den "Racing Days" am Nürburgring werden aus Fans Konsumenten, mit ihrer Leidenschaft wird Geld gemacht. Meist dreht Schumacher ein paar Runden in einem neuen Ferrari-Modell, mit den Reifen malt er eine Acht auf den Asphalt, die Abgasnebel wabern hoch bis auf die Tribünen. In den Zelten gibt es Mozzarellabällchen, Garnelen und Stände mit Schumacher-Devotionalien, Aftershave, Klodeckel, Krawattennadeln. 50 Millionen Dollar setzte Manager Willi Weber mit dem Verkauf von Schumi-Fan-Artikeln allein im vergangenen Jahr um.
Selbst ein kleiner Star sein - auch dieses Gefühl macht süchtig.Zur Belohnung dürfen Schumi-Shopper in die Boxengasse, hier mutieren sie zu hysterischen Teenie-Fans. In den Garagen, sonst gesichert wie Fort Knox, liegen Mechaniker unter den aufgebockten Wagen, drücken armdicke Benzinschläuche in die Tanks und schnallen dem Piloten Gurte um die Brust. Die Fans stehen drum herum, sie rufen "Schumi, Schumi", betteln um einen ölverschmierten Handschuh, einen Zipfel vom Sieg, und um die erlösende Berührung mit dem Halbgott.
In diesen Momenten wird deutlich, dass Schumacher kein Volksheld ist und längst nicht mehr wie sie. Leibwächter eskortieren ihn in sein Motorhome, der Helikopter steht bereit zum Abflug. Dann tritt er an den Zaun, weiße Hose, weißes Hemd, die Sonne taucht ihn ins himmlische Licht. Auf der anderen Seite stehen sein Fans im Schatten, sie strecken ihre Arme durch die Gitterstäbe, ihre Kappen, Autogrammkarten, Fotos. Schumacher schreibt seinen Namen, zwei Dutzend Mal. Dann ist er weg, unsichtbar wie vorher. Seine Fans schreien jetzt, betteln, schimpfen - in Tränen aufgelöste, erschöpfte Schatten.
Am Tag, als Reiner Ferling nach Ferrari-Land kam, begriff er, warum die Achse Kerpen-Maranello so gut funktioniert. Es war der 6. September 2004, morgens 6.30 Uhr. Von den "Racing Days" in Nürburg war Ferling mit seiner Frau bis in das Städtchen westlich von Bologna durchgebrettert, und es schien ihm, als zähme sein deutscher Held dieses schöne, verrückte Land.
Ferling sah, dass die Menschen in Maranello rote Blaumänner trugen. Auf dem Weg in die Ferrari-Fabrik gingen sie beten in der Kirche von Pfarrer Bernardoni. Der, wusste Ferling, lässt bei jedem Sieg Glocken läuten und predigt sein Gleichnis vom Auto und den Menschen: Jeder Ferrari bestehe aus abertausend Einzelteilen, sie seien Teile eines nicht perfekten Ganzen und handsigniert. So auch der Mensch, von Gott geschaffen und ein Unikat.
Es ist nicht leicht, Schumi-Fan zu sein. Sie jagen einem Star hinterher, der immer schon weg ist. Ein unsichtbarer Held.Zu Abend aß Ferling bei Mamma Rossella, der Wirtin vom "Montana", Schumachers Lieblingsrestaurant. Sie erzählte ihm, wie es war, in Maranello aufzuwachsen, jeder Junge wolle Pilota sein und jedes Mädchen, dass ein Pilota es heirate. Dann kochte sie Schumis Leibgericht, tagliatelle al ragù, und wünschte sich ein Foto mit dem seltsamen Deutschen und seinem Hut.
Am vorletzten Tag seiner Reise passierte es dann, Ferlings Geduld und Eitelkeit zahlten sich aus: Es war in Monza, einen Tag vor dem Rennen am 12. September. Ferlings Hut war einem Mann aus dem Ferrari-Team aufgefallen. Er lotste ihn durch die Drehkreuze vor dem Fahrerlager, Kinder blickten ihm bewundernd hinterher: "Bist du der Boss von Ferrari?"
Dann sah Ferling ihn endlich. Sein Held huschte vorbei, drei Meter neben Ferling. Das Treffen dauerte ungefähr so lange, wie Schumacher für eine Runde braucht: eine Minute, 20 Sekunden. Ferling brachte kein einziges Wort heraus. Das war dann leider auch der Moment, als Ferling bemerkte, dass er seine Kamera draußen vor den Drehkreuzen am Hals seiner Frau vergessen hatte.
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