Speedcontrol Das zweischneidige Schwert
Ralf Schumachers souveräner Sieg in Imola hat die Formel 1 unheimlich belebt. Momentan ist es fast unmöglich, konkrete Prognosen abzugeben. In den ersten vier Saisonläufen haben drei Fahrer auf drei verschiedenen Autos gewonnen. Das hatten wir schon lange nicht mehr. Deshalb wird es auch mit einer Prognose für den Großen Preis von Spanien schwer.
Der Circuit Catalunya, der ja streng genommen gar nicht in Barcelona, sondern nahe der Kleinstadt Montmelo liegt, erfordert von den Teams viel Feingefühl bei der Abstimmung. Die Start- und Zielgerade ist eine der längsten im WM-Kalender. Hier möchte man so wenig Flügel wie möglich fahren, um möglichst schnell eine möglichst hohe Endgeschwindigkeit zu erreichen. Allerdings besteht der Rest der Strecke ausschließlich aus schnellen und mittelschnellen Kurven, wo viel Anpressdruck gefragt ist. Im Training fährt man in so einem Fall mit mehr Abtrieb als im Rennen. Denn dort kommt es ja auch aufs Überholen an.
Die Strecke kommt BMW-Williams entgegen
Wenn wir also davon ausgehen - und das tun die meisten Experten - dass BMW derzeit den stärksten Motor mit dem besten Drehmomentverlauf hat, könnte die Strecken-Charakteristik erneut den Williams zu Gute kommen. Ganz einfach, weil sie mehr Flügel fahren können und auf den Geraden trotzdem schnell sind. Es sollte uns also ein erneuter Dreikampf zwischen Ferrari, McLaren und Williams ins Haus stehen.
Ab Spanien sind Traktionskontrollen wieder erlaubt. Ein Vorteil von Ferrari ist damit Geschichte. Obwohl auf dem Circuit Catalunya mangels enger Ecken die Traktion nicht so ausschlaggebend ist, wird das Feld dichter zusammenrücken. Eine gute Traktionskontrolle kann man quasi an jeder Ecke kaufen, während zuvor hochkomplizierte elektronische Eingriffe nötig waren, um die Kraft auf die Bahn zu bringen. Ich hatte diese Problematik schon in meiner Malaysia-Kolumne erläutert.
Gas geben und Elektronik machen lassen
Für uns Zuschauer ist diese Neueinführung ein zweischneidiges Schwert. Der Unterschied zwischen einem guten und einem weniger guten Auto wird ebenso geringer wie der Unterschied zwischen einem guten und einem weniger guten Fahrer. Ich bin in meiner DTM-Zeit mit Mercedes selbst Rennautos mit Traktionskontrolle gefahren. Und natürlich erleichtert sie das Fahren ganz erheblich. Am Kurvenausgang trittst du einfach aufs Gas, den Rest macht die Elektronik. Das bedeutet, dass wir weniger spektakuläre Drifts sehen werden als bisher.
Die Starts werden zwar etwas sicherer, aber vielleicht auch etwas weniger dramatisch.
Durch die Traktionskontrolle wird in Verbindung mit dem halbautomatischen Getriebe die so genannte "Launch Control" wieder möglich. Das heißt, die Fahrer drücken einen Knopf und steigen voll aufs Gas. Wenn die Ampel auf Grün springt, lassen sie den Knopf los, und das Auto beschleunigt optimal. Ein sensibler Umgang mit Gaspedal und Kupplung ist nicht mehr nötig; die Gefahr, den Motor abzuwürgen (siehe Häkkinen in Brasilien), ist fast nicht mehr existent.
Irvine muss sich warm anziehen
In Spanien werden wir uns an zwei neu besetzte Autos gewöhnen müssen. Der offensichtlich überforderte Argentinier Gaston Mazzacane wurde bei Prost durch den Brasilianer Luciano Burti ersetzt. Dessen Platz bei Jaguar nimmt der Spanier Pedro de la Rosa ein. Von ihm halte ich sehr viel. Nach seinem Titel in der Formel Nippon, dem japanischen Pendant zur Formel 3000, hat de la Rosa bei Arrows mehrfach starke Leistungen gezeigt. Nur hat's leider keiner registriert, weil das Auto zu schlecht war. Zugegeben: Der Jaguar ist momentan sicher nicht besser, aber ich bin sicher, dass sich Eddie Irvine ganz warm wird anziehen müssen.
Viele Grüße, Ellen Lohr