Speedcontrol Der knallharte Dreikampf
Erneut hat in Brasilien das Wetter eine Hauptrolle gespielt - aber zur Abwechslung hat mal Ferrari gepatzt. Offiziell wissen sie immer noch nicht, was schief gelaufen ist, aber ich denke, sie haben sich mit der Abstimmung vertan. Während David Coulthard im Regen Vorteile hatte, ist Michael Schumacher ziemlich jämmerlich durch die Gegend gerutscht. Das zeigt, dass sein Auto schlecht lag, denn üblicherweise ist Schumacher im Nassen ja einer der ganz Guten. Vielleicht lag auch ein Defekt vor, etwa im Bereich der Differenziale. Das ist von außen schwer zu beurteilen. Immerhin hat sich bestätigt, was ich in meiner letzten Kolumne zur Technik erzählt habe. Denn auch McLaren hat für São Paulo den Frontflügel in der Mitte abgesenkt. Das Reglement sagt, dass der Flügel nur ab 25 Zentimeter links und rechts der Mitte eine Bodenfreiheit von zehn Zentimeter aufweisen muss. Dadurch scheint der McLaren nun vorne mehr Anpressdruck zu generieren, was einen erhöhten Gesamtabtrieb erlaubt.
Rotzfrecher Montoya
Begeistert hat mich die Vorstellung von Williams-BMW. Es dauert nicht mehr lange, und die Jungs holen den ersten Sieg. Das zeigt die schnellste Rennrunde von Ralf Schumacher ebenso wie die Vorstellung von Juan Pablo Montoya. Dessen Attacke gegen Michael gehörte in die Kategorie "rotzfrech". Es war eine jener Aktionen, die alle begeistert - aber nur wenn's funktioniert. Wäre es danebengegangen, hätte es für den Kolumbianer böse Kritik gehagelt. Der BMW-Motor ist wirklich ein Sahneteil. Einige vermuten, die Williams seien mit weniger Abtrieb unterwegs. Von wegen! Die fahren genauso viel Flügel wie die anderen und sind auf den Geraden trotzdem schneller. Michael konnte kaum Montoyas Windschatten halten. Theoretisch muss Ferrari also mindestens 20 PS weniger haben. Die genauen Leistungswerte werden in der Formel 1 ja sicherer gehütet als das Gold in Fort Knox.
Schade nur, dass beide Williams abgeräumt wurden. Während Jos Verstappen gegen Montoya einen unverzeihlichen Fehler begangen hat (als Überrundeter lässt man mehr Platz!), so bin ich mir bei der Kollision Barrichello/Schumacher nicht sicher. Natürlich hat der Hintermann bei einem Auffahrunfall immer Schuld. Aber Ralf hat vor dem Anbremsen die Spur gewechselt. Und ein Formel 1 ist aerodynamisch so sensibel, dass dies schon ausreichen kann, um beim Nachfolgenden einen Strömungsabriss zu verursachen, so dass wegen des fehlenden Abtriebs der Bremsweg länger wird.
Ferraris Balance - das Maß aller Dinge
Was erwartet uns in Imola? Ein knallharter Dreikampf zwischen Ferrari, McLaren und Williams! Ich sehe kein Team auf der anspruchsvollen Berg- und Talbahn unweit von Bologna entscheidend im Vorteil, auch wenn Schumacher in den letzten zwei Jahren dort gewonnen hat und der Ferrari in Sachen Balance wohl noch immer das Maß der Dinge ist. Hinzu kommt der Heimvorteil: Keine Rennstrecke liegt näher am Ferrari-Sitz in Maranello. Mehr als 100.000 fanatische Tifosi werden die Roten nach vorne jubeln. Williams wird speziell in den Bergaufpassagen von der BMW-Power profitieren, also zählen sie zu den Sieganwärtern. Auch für die anderen beiden Deutschen stehen die Vorzeichen günstig: Heinz-Harald Frentzen hat 1997 im Williams in Imola seinen ersten Grand Prix gewonnen. Und Nick Heidfeld ist nach dem vorzüglichen Brasilien-Auftritt erneut für Punkte gut. Zumal dies dem Sauber-Team in Imola schon 1999 und 2000 gelungen ist.
Gespannt bin ich, wie sich die Lage bei McLaren entwickelt. Theoretisch müssten sie jetzt alles auf Coulthard setzen, nachdem Mika Häkkinen erst einen Punkt hat. Aber wie wir wissen, hält Teamchef Ron Dennis nichts von Stallregie. Lassen wir uns überraschen.
Viel Spaß weiterhin
Ellen Lohr