Speedcontrol: Direkt zum Notausgang - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Speedcontrol Direkt zum Notausgang

Die Formel-1-Kolumne von Ellen Lohr bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Was die Atmosphäre auf dem Hockenheimring so einzigartig macht.
Von Ellen Lohr
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dem deutschen Formel-1-Höhepunkt in Hockenheim dürfen wir mit besonderer Spannung entgegenblicken. Nicht nur wegen der rund 150.000 Fans, die am Sonntag erwartet werden, sondern auch, weil die Streckencharakteristik des Grand-Prix-Kurses außergewöhnlich ist. Der krasse Gegensatz zwischen Motodrom und Waldpassagen ist einzigartig.

Nirgendwo sonst spürt man als Fahrer die Zuschauerpräsenz so stark wie in Hockenheim, wenn man aus der "Ruhe des Waldes" wieder in den "Hexenkessel Motodrom" eintaucht. Die Anfahrt zur Sachs-Kurve führt direkt auf die Innentribüne zu. Du siehst das Flaggenmeer und spürst förmlich die Zuschauer jubeln. Nicht umsonst soll der atmosphärisch weniger reizvolle Nürburgring so umgebaut werden, dass ein Stadioncharakter wie in Hockenheim entsteht.

Auch die Waldgerade in Hockenheim übt einen speziellen Reiz aus. Das lange Stück ausgangs des Motodroms und das Anbremsen der Jim-Clark-Schikane gehören mit zum Spannendsten, was ein Rennfahrer erleben kann. Ich habe die erste Schikane seinerzeit im DTM-Mercedes mit rund 300 Stundenkilometern angebremst; ein moderner Formel 1 erreicht dort mit Windschatten mehr als 360 Sachen.

Versagen und Heldentum

Versagen und Heldentum liegen hier extrem dicht beieinander, weil man aus ungeheuer großer Geschwindigkeit eine extrem langsame Erste-Gang-Schikane anbremst. Man kann sich dort unheimlich leicht verbremsen. Ein bisschen zu früh - und man verliert gleich eine halbe Sekunde oder wird überholt. Nur fünf Meter zu spät - und es passt hinten und vorne nicht mehr. In jeder anderen Kurve kann man es in der Regel gerade noch richten, hier geht es direkt zum Notausgang.

Das wird vor allem nach dem Start hochinteressant, wenn die Autos im Pulk auf die Schikane zufliegen. Man muss die Nordkurve sauber erwischen, sonst fallen auf der langen Geraden fünf Mann über einen her. Der Windschatten wirkt sich in Hockenheim extrem aus, was viele Überholvorgänge erwarten lässt. Der Grand-Prix-Kurs ist geradezu für spektakuläre Manöver prädestiniert, denn er ist nach dem klassischen Schema aufgebaut: schwierige Kurve, lange Gerade, hartes Anbremsen, enge Kurve. So wie es sein sollte.

Deshalb erfordert Hockenheim ein anderes taktisches Fahren als auf einer gewöhnlichen Rennstrecke. Das fängt schon mit der Abstimmung des Autos an. Das gesamte Prozedere muss am Rennwochenende stattfinden: Aus Lärmschutzgründen darf die Formel 1 in Hockenheim nicht testen. Auf den Geraden zählt nur Speed, sonst kann man gleich in der Box bleiben.

Als Rennfahrerin bedaure ich sehr, dass der Hockenheimring umgebaut werden soll. Aber zum Glück wird der Charakter im Großen und Ganzen erhalten bleiben, und die Zuschauer sehen die Rennautos öfter als auf dem alten Ring mit seinen 6,8 Kilometern Länge. Im aktuellen Formel-1-Kalender ist übrigens nur der Kurs in Spa-Francorchamps länger - rund hundert Meter.

Vieles spricht für BMW-Williams

Für Sonntag würde ich mein Geld auf BMW-Williams wetten. Power ist in Hockenheim alles, und davon haben Ralf Schumacher und Juan Pablo Montoya bekanntermaßen reichlich. Allerdings ist Hockenheim bekannt für viele Motorschäden, es gilt also erst einmal durchzufahren. Ferrari (mit neuer Motorenausbaustufe, die 20 PS mehr bringt) und McLaren-Mercedes werden sich auf einem Level bewegen, was für den Ausgang der Weltmeisterschaft kaum noch eine Rolle spielt. Aus eigener Kraft kann David Coulthard Michael Schumacher den Titel wohl nicht mehr entreißen.


Ihre Ellen Lohr