Speedcontrol: Für Coulthard gilt "alles oder nichts" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Speedcontrol Für Coulthard gilt "alles oder nichts"

Die Formel-1-Kolumne von Ellen Lohr bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Worauf es für McLaren-Mercedes-Pilot David Coulthard beim Großen Preis von Großbritannien in Silverstone ankommt.
Von Ellen Lohr
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn das so weitergeht, ist die WM im August schon entschieden. Theoretisch könnte Michael Schumacher in den nächsten Rennen breit grinsend hinter den McLaren-Mercedes-Piloten herfahren und von seinem enormen 31-Punkte-Polster auf David Coulthard zehren. Doch das wird Schumacher aus zwei Gründen nicht tun.

Erstens ist Michael ein "Racer", der Rennen fährt, um sie zu gewinnen. Und zweitens wäre es brandgefährlich, einen Gang zurückzuschalten. Auch ein Ferrari kann dreimal ausfallen, und - ruckzuck - ist der Vorsprung weg.

Taktik in Verbindung mit "Maximum Attack"

Wer nicht ständig am Limit fährt, riskiert sogar noch Schlimmeres. Erinnern Sie sich noch an 1988, als Ayrton Senna beim Großen Preis von Monaco mehr als 50 Sekunden Vorsprung auf Alain Prost hatte, das Tempo wegnahm und seinen McLaren schließlich in die Mauer steckte? Auch wenn die Situation eine andere war, will ich damit sagen: Im Motorsport kommt es zwar auch auf Taktik an - aber nur in Verbindung mit dem, was der legendäre finnische Rallyepilot Markku Alén mit dem Begriff "Maximum Attack" beschrieben hat.

Von daher dürfen wir davon ausgehen, dass Michael Schumacher in Kürze seinen 51. Grand Prix gewonnen und damit Prost in der ewigen Bestenliste eingeholt haben wird. Es ist beeindruckend, wie "Schumi" seit seinem Debüt 1991 der Königsklasse den Stempel aufgedrückt und, statistisch betrachtet, jedes dritte Rennen gewonnen hat. Nichtsdestotrotz erwartet den WM-Leader am Wochenende in Silverstone ein hartes Stück Arbeit.

Coulthard muss gewinnen

Auf heimischer Strecke brennt McLaren darauf, die "Roten" zu schlagen. Zumal man sich mit dem Getriebeschaden an Mika Häkkinens Auto in Magny-Cours schon vor dem Start erneut nicht mit Ruhm bekleckert hat. Und für Coulthard kann die Devise nur lauten: alles oder nichts. Der Schotte darf sich nicht mehr mit guten Platzierungen begnügen: Er muss gewinnen, wenn er seine minimale Chance auf den Titel wahren will. Und Silverstone ist für David ein gutes Pflaster, denn die letzten beiden Grand Prix hat er dort gewinnen können.

Man nennt Silverstone nicht umsonst "Home of british Motor Racing". Die Anlage auf dem stillgelegten Luftwaffenstützpunkt der Royal Air Force zwischen London und Birmingham verströmt eine besondere Atmosphäre. Außerdem ist die Strecke, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, für jeden Fahrer eine phantastische Herausforderung.

Eine gute Balance finden

Angefangen mit der superschnellen Rechtskurve nach Start und Ziel, die die Formel-1-Boliden mit fast 250 Stundenkilometern durchfahren, besteht der Kurs ausschließlich aus schnellen und mittelschnellen Kurven. Daher wird es besonders wichtig sein, eine gute Balance am Auto zu finden, damit der Pilot sich sicher fühlt und möglichst viel Abtrieb durch den Unterboden hat.

Die schnellen Kurven in Silverstone verlangen viel Anpressdruck, der aber nicht ausschließlich durch große Flügel generiert werden sollte. Denn dadurch erhöht sich der Luftwiderstand, den man auf den Geraden nicht gebrauchen kann. Schon gar nicht auf der langen "Hangar Straight", auf der die Autos rund 320 Stundenkilometer erreichen.

Das ideale Mittel ist leider verboten

Viel Abtrieb vom Unterboden heißt also, dass man mit weniger Flügel fahren kann. Ideal wäre es, wenn man die Flügel während der Fahrt verstellen könnte. Opel hat das 1995 in der DTM erfolgreich probiert - bevor das System verboten wurde. Leider sind auch in der Formel 1 bewegliche aerodynamische Hilfsmittel nicht zugelassen.

Nicht nur für McLaren, sondern auch für BMW-Williams, Jordan, BAR, Arrows, Benetton und Jaguar ist Silverstone der Heim-Grand-Prix. Sie alle werden ihr Äußerstes geben, um vor dem beigeisterungsfähigen britischen Publikum eine starke Vorstellung abzuliefern.

Ich freu' mich drauf,

Ihre Ellen Lohr