Speedcontrol: Spa ist Schumacher-Land - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Speedcontrol Spa ist Schumacher-Land

Die Formel-1-Kolumne von Ellen Lohr bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Warum es Michael Schumacher in Spa noch mal richtig wissen will und wo sich die Fahrer wie Kanonenkugeln fühlen.
Von Ellen Lohr
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Michael Schumachers Fahrt zum vierten Formel-1-Titelgewinn auf dem Hungaroring war mehr als eindrucksvoll. Er und Ferrari hätten es sich locker leisten können, auf Abwarten zu fahren und in den ausstehenden Rennen die wenigen noch fehlenden Punkte zu sammeln. Aber das entspricht nicht Michaels Naturell. Erstens ist er ein bekennender Zweckpessimist, der sich nicht auf Glück verlassen will, zweitens ist er ein echter "Racer", der nicht ins Rennauto steigt, um kalkuliert in die Punkte zu fahren, sondern um zu gewinnen. Immer und überall.

Spa erneut ein gutes Pflaster für die Roten


Von daher darf auch niemand glauben, dass es der Weltmeister ab sofort ruhiger angehen lässt. Jetzt erst recht nicht! Nachdem die Entscheidung sowohl in der Fahrer- als auch in der Konstrukteurswertung zu Gunsten von Ferrari gefallen ist, braucht er sich um die Gesamtwertung keine Gedanken mehr zu machen. Höchstens darum, wie er Alain Prost dessen einst für die Ewigkeit angesehenen Weltrekord von 51 Grand-Prix-Siegen endgültig entreißen kann. Schumi betont zwar immer, wie wenig er sich aus Statistiken macht, aber diese würde er sehr gerne alleine anführen, da bin ich mir sicher.

Spa-Francorchamps sollte erneut ein gutes Pflaster für die Roten sein. Der Ferrari war deswegen das Rennauto des Jahres, weil er auf jeder Strecke und unter allen Witterungsbedingungen siegfähig war. In Budapest hat man ganz deutlich gesehen, wie gut das Auto liegt - nicht nur in schnellen Kurven, wo die Aerodynamik zum Tragen kommt, sondern auch in langsamen, wo mechanischer Grip zählt. Ein weiteres Plus des Renners aus Maranello ist die hervorragende Traktion. Dadurch muss die Elektronik weniger eingreifen, ergo wird die Beschleunigung besser.

Und, vielleicht noch wichtiger: Spa ist Schumacher-Land! Nicht nur, weil es lediglich eine knappe Autostunde von seinem Heimatort Kerpen entfernt liegt, sondern weil es eine Fahrerstrecke par excellence ist. Über 6,9 Kilometer - keine Strecke im WM-Kalender ist länger - geht es bergauf und bergab, durch schnelle, mittelschnelle und wenige langsame Kurven. Nicht umsonst nennen die meisten Piloten Spa als Lieblingsstrecke. Hier hat Michael in seinem allerersten Grand Prix 1991 den Jordan auf Startplatz 7 gestellt und im Jahr darauf im Benetton seinen ersten Sieg errungen.

Eau Rouge ist der Wahnsinn


Hervorheben möchte ich zwei Passagen. Einmal Blanchimont, eine höllisch schnelle Linkskurve, die in der Formel 1 im höchsten Gang gefahren wird. Und dann natürlich Eau Rouge, diese einzigartige Links-Rechts-Kombination, die erst durch eine Senke und danach steil bergauf zur Raidillon-Linkskurve führt, in der Jacques Villeneuve sich im letzten Jahr spektakulär überschlagen hat. Eau Rouge ist ein Wahnsinn, denn die Fliehkraft hat dich dermaßen im Griff, dass du nach dem Reinfahren nicht mehr den Lenkeinschlag ändern oder gar bremsen kannst. Gerhard Berger hat mal gesagt, es sei wie bei einer Kanonenkugel: Die könne man nach dem Abfeuern auch nicht mehr korrigieren - nur hoffen, dass man richtig gezielt habe...

Im Gegensatz zu Ungarn kann man in Spa auch recht gut überholen, vor allem auf der langen Geraden zwischen Raidillon und Les Combes, wo Mika Häkkinen im Vorjahr sein sensationelles Manöver gegen Schumacher und Zonta geritten hat. Und dann auf der Anfahrt zur Busstop-Schikane, wo Schumi vor zwei Jahren im Regen Coulthard hinten ins Auto geknallt ist. Angesichts dieser schnellen Strecke rechne ich auch fest mit den BMW- Williams, für die Ralf Schumacher immer noch beste Chancen hat, sich im Kampf um den Vizetitel gegen Barrichello und Coulthard durchzusetzen.