Topfahrer Alonso Schnellster Schweiger der Welt
Von jetzt an wird gerechnet. Wenn Fernando Alonso am Sonntag beim Großen Preis von Belgien siegt und Kimi Räikkönen nur Dritter wird, dann ist der Spanier Weltmeister. Sollte Alonso Zweiter werden und Räikkönen Fünfter... und so weiter. Es gibt eine Fülle von Konstellationen, bei denen der Renault-Pilot in Spa bereits den Titel einfahren kann, letztlich braucht er vier Punkte mehr als Kimi Räikkönen. Der in der Fahrerwertung auf Platz zwei rangierende Finne flüchtet sich in Durchhalteparolen. "Ich gebe nicht auf und kämpfe um den WM-Titel", sagt Räikkönen, den vor dem 16. von 19 Saisonrennen 27 Punkte von Alonso trennen.
Wenn man schon die Mathematik bemühen will, ist wohl eher die Frage zu stellen, was eigentlich wahrscheinlicher wäre: Dass der bislang unfehlbare Renault R25 des Spaniers plötzlich ins Stottern gerät oder dass Räikkönens in der Pannenstatistik weit vorn liegende McLaren-Mercedes MP4-20 von nun an ohne Defekt über die Runden kommt. Doch selbst wenn Alonso es nicht bereits auf Michael Schumachers Lieblingsstrecke (sechs Siege) schaffen sollte, steht fest: Er wird 2005 Weltmeister in der Formel 1.
Natürlich könnte man sich bei Renault jegliches Kopfzerbrechen um Punkte und Positionen schenken, falls man die erfolgreich erprobte Methode "Michael Schumacher" anwendet und den Konkurrenten mit ein, zwei gezielten Rammstößen von der Piste schießt. Doch diese Verfahrensweise passt wohl nicht zu Alonsos Wesen. Trotz aller Parallelen zu Michael Schumacher wie dem frühkindlichen Start in den Kart-Sport und dem Beginn des Formel-1-Höhenfluges in einem Renault unter Teamchef Flavio Briatore sind die Unterschiede zwischen den beiden doch schnell auszumachen.
F1-Star Alonso: Supertalent auf der Überholspur
So vermisst Briatore bei Alonso noch jene unerbittliche Rücksichtslosigkeit, die Schumacher auszeichnet - selbst im eigenen Rennstall: "Es war immer Michaels Ziel, seine Teamkollegen zu vernichten." Alonso sei dagegen noch zu nett. Dabei zeichnet den 24-Jährigen eigentlich ein etwas aggressiverer Fahrstil aus, der ihn oft hart ans Limit bringt, während es bei Schumacher oft so wirkt, als wenn er in formvollendeter Eleganz auch durch die engsten Passagen gleiten würde.
Zudem bemängelt Renaults langgedienter Technikchef Pat Symonds, dass es Alonso noch am technischen Verständnis mangeln würde, um bei der Entwicklung eines Formel-1-Boliden in dem Maße mitzuwirken wie es der siebenfache Weltmeister aus Deutschland kann. Doch all diese Fähigkeiten musste sich der gelernte Kfz-Mechaniker Schumacher im Laufe seiner langen Karriere auch erst erarbeiten.
Um sich von dem übermächtigen Vorbild aller künftigen Rennfahrer-Hoffnungen zu distanzieren, kann Alonso demnächst immerhin darauf verweisen, bereits eine bedeutende Bestmarke zu knacken, den selbst der rasende Superlativ Schumacher nie innehatte - den des jüngsten Formel-1-Weltmeisters. Bislang war das der Brasilianer Emerson Fittipaldi, der 1972 in einem Lotus-Ford den Titel holte - mit 25 Jahren.
Doch solche Erfolge - Alonso ist auch der jüngste Gewinner eines Grand-Prix-Rennens - sagen wenig darüber aus, wie es mit der Karriere von Fernando Alonso weitergehen wird. Denn momentan ist nicht abzusehen, welche Rennställe in den kommenden Jahren die Formel 1 dominieren werden. Neben McLaren-Mercedes und Renault werden auch Toyota und BMW alles daran setzen, um an die Spitze zu gelangen - und dann wäre da ja dieses zur Zeit neben der Spur fahrende Team aus Maranello.
Alonsos Vertrag bei Renault läuft 2006 aus, mit einem Jahresgehalt von bisher sechs Millionen Euro gehört er in der Königsklasse des Motorsports zu den Kleinverdienern. Das Bieten um ihn dürfte bald beginnen. Kurioserweise muss Renault-Teamchef Flavio Briatore dann nicht einmal daran gelegen sein, den kommenden Superstar zu halten. Denn Briatore ist seit Alonsos Einstieg in die Formel 1 vor vier Jahren als dessen Manager auch an dessen Einnahmen beteiligt. Da dürfte der geschäftstüchtige Italiener im Zweifelsfall doch zum höher dotierten Angebot raten.
"Jahrelange Aufopferung"
Und Alonsos Wert steigt ständig. In seiner Heimat Spanien wurde er diese Woche mit dem "Prinz von Asturien"-Preis geehrt, der als "spanischer Nobelpreis" gilt - neben Künstlern und Wissenschaftlern wird er in jedem Jahr auch an einen Sportler vergeben. Normalerweise erhalten Athleten den Preis erst dann, wenn sie auf eine große Karriere zurückblicken können, aber für Alonso machte die Jury eine Ausnahme, schließlich wäre er der erste Formel-1-Champion überhaupt aus Spanien.
Die Juroren priesen Alonso, der sich gegen Legenden wie Pelé, Alfredo di Stéfano oder Diego Maradona durchsetzte, als ein Vorbild für die Jugend. "Er hat nach jahrelanger Aufopferung die Weltspitze erreicht", hieß es in der Laudatio. Den Preis wird der Rennfahrer im Oktober von Kronprinz Felipe in Oviedo entgegennehmen, dort wo Alonso geboren wurde. "Das ist eine große Ehre, mir fehlen die Worte", lautete der Kommentar des iberischen Sporthelden. Die "Abendzeitung" aus München hatte Alonso kürzlich so charakterisiert: "Er redet kaum. Und wenn, dann sagt er nichts." Auch da unterscheidet sich Alonso von Schumacher: Der redet zumindest viel.